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Wiegedood, Ignatz, Sitis[25.04.2022: Explosiv, Graz]

Wiegedood 4

Endlich auch live nachprüfbar: Wiegedood sind mit ihrem aktuellen Album There’s Always Blood At The End Of The Road in der Form ihres Lebens. Auf die 2022er-Rechnung des Black Metal müssen zudem Sitis. Und dazwischen gibt’s durch Ignatz den Blues.

Es ist schon ein bisschen ungewohnt, wieder ein Konzert unter Bedingungen zu besuchen, in denen Abstandsregeln, Masken oder sonstige Beschränkungen keinerlei Rolle spielen. Das an diesem Abend im Explosiv aus einem gefühlt weiten Einzugsgebiet in zumindest ordentlicher Zahl erschienene Publikum – überwiegend männlich, überwiegend nicht mehr unbedingt jung, überwiegend keineswegs farbenfroh gekleidet – goutiert die knapp drei Stunden dieser subjektiven (womöglich ja auch nur temporären?) Rückkehr zur relativen Normalität jedenfalls weitestgehend mit einer gewohnt statischen Beobachterrolle – wenn überhaupt.
Denn die ersten zweieinhalb Nummer von Ignatz ist der Zuschauerraum bis auf die Tontechnik und den Fotografen sogar tatsächlich komplett leer.

Dass das Alias von Bram Devens einen (gemessen an der restlichen Ästhetik des Abends) vollkommen aus dem Rahmen fallenden Blues an der geloopten Solo-Gitarre spielt, der sich mit hell im Delay hallender Stimme irgendwo zwischen Duke Garwood, Matt Sweeney und Grouper bewegt, muß sich schließlich erst bis vor die Tore des Explosivs herumsprechen, wo die Frisch- und Zigarettenluft konsumierende Menschenmasse die warm-melancholische Western-Folk-Improvisationen wohl für die vom Tonband kommende Hintergrundbeschallung der Umbauphase nach dem ersten Opener Sitis hält.
Nach einigen Minuten füllt sich die Halle letztendlich doch, es wird sogar rundum anerkennenden Applaus für Ignatz geben. Und das trotz der stilistisch weiten Distanz zu den anderen beiden Acts des Abends vollkommen zurecht: die halluzinogenen Klangbasteleien von Devens sind absolut stimmungsvoll, gehen manchmal sogar ziemlich gar ab, und erweisen sich als herrlich gewählter Kontrast zum restlichen Metal-Programm. Eine knappe halbe Stunde nimmt der Belgier jedenfalls imaginativ an der Hand, schafft Raum zu atmen und die nötige Reiz-Besänftigung der Rezeptoren, um für Wiegedood ohne Übersättigungsgefühl wieder die volle Aufmerksamkeit beisammen zu haben.

Der Abend eröffnet mit Sitis davor um Punkt 20.00 Uhr immerhin bereits eine im selben Genre wie der derzeit qualitative Maßstäbe mitvorgebende Hauptact positionierte Gruppe – die sich im mutmaßliche Schatten von Wiegedood tatsächlich nicht verhebt, sondern durchaus Eindruck schinden kann.
Zwar kommt das beinahe einstündige Set der Band aus Zagreb nicht ohne Längen aus (was auch daran liegt, dass es im Verlauf „No Bass on Stage“-Soundprobleme gibt und die darauf einsetzende Unterbrechung der Spannung nicht guttut). Und grundlegend ist der Satanic Black Metal der Szene-Veteranen auch nicht originell. Aber die Performance des Vierers sitzt zwingend, dazu haben Sitis ein Gespür für Dramatik und Dynamik im Songwriting: die aggressiven Passagen ballern ordentlich, die atmosphärischen Parts sind sogar noch besser.
Was auch daran liegt, dass Basser Nikola Pavlec der heimliche Held des Auftritts ist: seine Backingvocals unterscheiden sich vielleicht kaum von kreischenden Geschrei von Sänger Antonio Lacko, sein avantgardistisch flanierender Prog-Bass sorgt aber für zahlreiche Highlight-Momente, während die Gitarre schonmal herrlich wavig schimmert. Insofern scheint es unabdingbar, sich mit dem im Jänner erschienenen Debütalbum der Band rückwirkend auseinanderzusetzen.

Dennoch liegt es – exakt entlang der hohen Erwartungshaltung in der Natur der Sache, dass Wiegedood an diesem Abend in ihrem Metier das Maß aller Dinge sind.
Nachdem die Belgier mit kurzer Verspätung gegen 22.00 Uhr über einen lange ausgebreiteten, wunderbar stimmungsvollen, ambienten Instrumental-Klavier- und Akustik-Folk-Teppich (irgendwo zwischen Nils Frahm und Oli Knight) in traurig-friedlicher Schönheit die Bühne betreten, zelebriert das Trio im steten roten Lichtschleier ein ziemlich ansatzloses Schaulaufen in Sachen Dringlichkeit und Intensität, das trotz einiger vom Band kommender Interludes, Sprachsamples, Drones und Country-Schattierungen (aka Teile von Wade) erst knapp eine Stunde später die Zügel des Handlungsbogens wieder loslässt: so geht Druck und Kurzweiligkeit.

Neben zwei Songs von De Doden Hebben Het Goed II (wobei der Titelsong der 2017er-Platte die einzige etwas abfallende Stelle des Sets darstellt) gibt es bis auf (das eben nur eingespielte Wade und) Theft and Begging das gesamte aktuelle There’s Always Blood At The End Of The Road, nach Roadburn sogar relativ chronologisch – wobei Now Will Always Be und Nuages ihren Instant-Highlight-Anspruch sogar noch deutlicher vorführen als in der Studioversion.
Überhaupt machen Wiegedood live noch mehr Bock als konserviert auf Platte: Levy Seynaeve gibt mit seiner thrashigen Gitarre dominant den Leitwolf (wobei zumindest vor der Bühne jeweils das Instrument, dass sich vor einem befindet, im Sound wahrnehmungstechnisch hervortritt – nur der Gesang subjektiv stets zu leise bleibt) der die Songs wie Brandbeschleuniger für wilde Ausflüge interpretiert, dabei aber konzentriert im Dienste des Songmaterials arbeitet. Drummer Wim Sreppoc und Gilles Demolder treten dagegen gefühlt einen Schritt aus dem Fokus der Aufmerksamkeit zurück, treiben die Stücke so aber wie unermüdliche Motoren an.

Dass die Band bis auf ein „This our last song“ kurz vor Schluß komplett auf jedwede Ansagen oder Interaktionen verzichtet, wahlweise eine nüchterne Show bietet, oder sich ganz auf die Kraft ihrer Musik und die Atmosphäre der drumherum sorgsam ausgebreiteten Begleitumstände verlässt, ist dann ebenso stimmig wie die Tatsache, dass Wiegedood weiterhin auf unnötige Zugaben verzichten und den Eindruck einer absolut tighten Machtdemonstration destillieren: es liegt nicht nur an der langen Konzert-Abstinenz, dass das fast asketische Gastspiel der Belgier eine absolut befriedigende Revue darstellt.

Setlist:
FN SCAR 16
And in Old Salamano’s Room, the Dog Whimpered Softly
Ontzieling
Until It Is Not
Now Will Always Be
Noblesse Oblige Richesse Oblige
De Dodden Hebben Het Goed II
Nuages
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