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Wintersleep – Free Fall / Fading Out

Wintersleep - Free Fall

Zwei Songs, die ursprünglich auf 500 Vinylexemplare limitiert nur zum kanadischen Record Store Day 2019 erschienen waren (und mittlerweile natürlich ausverkauft sind), werden nun zumindest digital weltweit verfügbar gemacht. Gut so, denn Free Fall und Fading Out gehören zum Besten, was die Kanadier im vergangenen Jahrzehnt veröffentlicht haben.

Was nur wenige Wochen nach der gelungenen Frightened Rabbit-Verneigung The Twist gar nicht nur in Relation zum guten, aber rundum enttäuschenden In the Land Of – immerhin das bisher schwächste Studiowerk von Wintersleep überhaupt – betrachtet zutrieft, sondern ganz allgemein auf die jüngere Veröffentlichungsgeschichte der Band aus Halifax.
Dass es weder Free Fall noch Fading Out vor knapp einem halben Jahr regulär auf das siebente Album geschafft haben, hat dann aber ohnedies keine qualitativen Gründe, wie das Quintett weiterführend erklärt: „These are both songs we’re incredibly proud of recording and sharing with you. Free Fall is a really exciting song for us. It taps into our love of progressive rock songwriting. We kept it off In the Land Of because it has such a strong identity on its own. Fading Out is a sort of bridge from Great Detachment to In the Land Of era of songs, completed a bit too late to be included with Great Detachment but one of the first tracks we worked on when we started getting ready for In the Land Of. It’s interesting as it sort of gave In the Land Of a direction but ended up being a bit of an outlier. It has this neat guitar line that somehow ties in sonically with Free Fall and feels like a really good accompanying track. Both songs centre around the idea of dissolution. Fading Out starts as a sort of conversation about a dissolving relationship. Free Fall around the idea of coming to terms with the death of a loved one, how to continue living with someone after they have passed, taking the relationship forward into the future.

Aussagen, denen man zumindest teilweise zustimmen kann. Free Fall etwa hat tatsächlich eine starke Persönlichkeit, doch würde man den Songs nicht einmal ansatzweise als Wegbereiter für den Stil von In the Land of erkennen. Die A-Seite der Vinylsingle wirkt schließlich roher und unpolierter, als man das zuletzt von der Band gehört hat, ist nicht schroff, aber keineswegs glatt – inszenatorisch gar kantig genug produziert, wie es eigentlich unwiederbringlich der Vergangenheit anzugehören schien.
Die Komposition macht es sich dazu nicht zu einfach. Polternde Drums und eine angrifflustig schrammende Gitarre lassen entfernt an Radiohead rund um OK Computer denken, obwohl die reichhaltig texturierte Dichte sich immer wieder zurücknimmt, krautig durchatmet, aber gleich wieder in der rauhen Linie liegt und an typisch hymnischen Melodien kratzt, ohne  wirklich die Schwelle zum Ausnahmesong zu nehmen. Eine nichtsdestotrotz bärenstarke Nummer mit herrlichem Oldschool-Vibe, spannender Dynamik sowie einem angenehm ruhigen Finale nach dem aufbrausenden Zug nach vorne. Ein zupackender Grower auch endlich wieder, den man sich dezent erarbeiten muß, der auf den jüngeren Alben von Wintersleep deswegen auch nicht alleine wegen seines Auftretens herausgeragt hätte.

Fading Out würde man dagegen entgegen der Statements als Bindeglied in einer weitaus früheren Karrierephase von Wintersleep verorten. Der Song ist gefälliger, weicher und anschmiegsam, aber ohne Hochglanz, und hofiert dazu einen tröstend aufmachenden Refrain ohne Bombast. Dazu kommen ein kurzer textlicher Verweis auf das erste Postdata-Meisterwerk und die angekündigte freigeistig strawanzende Gitarre.
Fading Out ist vielleicht eine Spur zu zahm und harmlos, gerade nach Free Fall, im Verbund machen die zwei Stücke diese Single jedoch trotzdem zu einem rund selektiertem Ganzen. Ohne wegen der schwächeren B-Seite über das Gesamtprodukt in Euphorie zu verfallen, liegt die Veröffentlichung in Summe zudem doch klar über den Erwartungen, die wahrhaftig optimistisch in die Zukunft blicken lassen. Wintersleep liefern hier eineinhalb schlichtweg tolle Rocksongs, die der Qualität früherer Tage im besten Fall näher kommen als alles, was die Band seit annähernd einer Dekade aufgenommen hat, ohne dafür wirklich die Magie der Alben rund um das unsterbliche Welcome to the Night Sky zu erreichen. Der Nimbus der Unfehlbarkeit söhnt sich nach In the Land of hiermit allerdings wieder mit den Kanadiern aus.

 

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