Yuck – Stranger Things

von am 22. Februar 2016 in Album

Yuck – Stranger Things

Es ist im Grunde gar nicht so seltsam, dass man ‚Stranger Things‚ seine latente Harmlosigkeit nicht übel nehmen möchte. Der zumeist gefällig durch den Hintergrund plätschernde Indierock von Yuck ist nach wie vor schlicht zu charmant, versucht sich aber diesmal zu sehr an Vergangenheitsbewältigung, anstatt sich auf seine neuen Stärken zu konzentrieren.

All die beziehungsfixierten Texte, die zartschmelzend durch die (letztendlich etwas zu langen) 48  Minuten des dritten Studioalbums taumeln, man kann sie nur zu leicht als verspätete Reaktion auf den Abgang von Ex-Frontmann Daniel Blumberg verstehen. Auch deswegen, weil sich ‚Stranger Things‚ musikalisch zudem generell deutlich näher am Debütalbum ‚Yuck‚ bewegt, im Grunde sogar wie der logischere Nachfolger dazu erscheint, als das durchhaltende und oft zu nahe an der Egalität entlangschrammende, im Gesamten aber durchaus rund mit seiner Gefälligkeit hantierende ‚Glow & Behold‚.
Dessen My Blood Valentine-Anleihen sind 2016 nahezu vollends verschwunden (auch, wenn etwa das zurückgenommene, von Mariko Doi bezaubernd gesäuselte ‚As I Walk Away‚ vor seinem Ausbruch schon noch mit entsprechenden Elementen liebäugelt, das Tremolo-Pedal nur zu gerne die Saiten dehnt und Yuck soundtechnisch generell einen ähnlichen Blick auf die 90er bemühen wie die frühen Silversun Pickups), dafür dürfen die Gitarren vor allem eingangs wieder deutlich ruppiger an den umgänglichen Seiten des Grunge entlang bratzen: Bandkopf Max Bloom hat sich die Kritik am Vorgänger zu Herzen genommen.
Gleich der Opener ‚Hold Me Closer‚ installiert so eine bisher ungekannte Nähe zum substanzarmen Rock der jüngsten The Thermals-Alben, einer Referenz, der man im Verlauf in abgeschwächterer Form noch öfter begegnen wird. Zum Glück bleiben Yuck jedoch vor allem anachronistisch, spielen etwas pointierter mit zwingenderen Motiven als zuletzt, das Vermächtnis von zeitlosen Alternative Rock-Kombos wie Dinosaur Jr. und vor allem (den gefühltermaßen jeder Sekunde präsenten) Built to Spill (man höre alleine ‚Hearts In Motion‚!) sitzt allen elf Songs unleugbar in der DNA.

Dennoch ist ‚Stranger Things‚ vordergründig ein Album des Augenblicks. Nahezu jeder Song hier hofiert nette Melodien und unmittelbar in die Ohren gehende Hooklines, funktioniert niedlich und nostalgisch, wehmütig und immer ein bisschen wie die letzen warmen Sommertage klingend.
Das Problem dabei: Yuck bereiten diese  Ausgangspunkte zumeist auch noch simpel gestrickt, offensichtlich und überraschungsarm auf, so dass ‚Stranger Things‚ gerade in den knackig gemeinten Momenten primär mit verträumter Unmittelbarkeit berieseln, die kompakteren Ohrwürmer abseits einiger weniger Ausnahmen wie dem sehr poppig-sympathischen Titelsong aber darüber hinaus keinen dauerhaften Eindruck hinterlassen und unter einer harmlosen Flüchtigkeit zu leiden haben. Bevor die deutlich stärkere, weil harmonischere zweite Plattenhälfte dieses Manko mit einer verinnerlichten Ruhe ausgleicht, indem sie sich Zeit lässt und nichts erzwingen will, hinterlassen Yuck so einen etwas zu bemühten Eindruck. Der Band steht das zurückgeschraubtere Tempo mittlerweile einfach besser, als die Tritte auf das Gaspedal, die Versöhnlichkeit funktioniert nachhaltiger als das breitbeinige Aufdrehen der Verstärker. Daran ändert sich auch nichts, wenn ein ‚I’m Ok‚ seinen Refrain noch so oft wiederholt.

Insofern wäre es für Engländer wohl besser gewesen endgültig mit den Geistern der Vergangenheit abzuschließen und nicht Anknüpfungspunkte zum Debüt zu erzwingen. Denn bekam man das süchtig machende ‚Yuck‚ seinerzeit über Wochen kaum mehr aus den infizierten Gedanken, ist ‚Stranger Things‚ quasi die zwanglose, bekömmliche Neubetrachtung der Debüt-Territorien mit neuer Belegschaft. Dennoch greift der Vorwurf, es hier nur mit einem bemühten Aufguss des Erstlings zu tun zu haben nur bedingt – sehr wohl aber jener, dass sich das rückwärtsorientierte ‚Stranger Things‚ nicht aus dem Schatten von ‚Yuck‚ spielen kann, weil es sein vorhandenes, aber unglücklich gewichtetes Potential nur ungenügend in fesselndes Songwriting umzumünzen versteht.

Was ‚Stranger Things‚ nicht per se zu einem schlechten Album macht – wirkliche Ausfälle tun sich genau genommen nicht einmal dann auf, wenn etwa ein ‚Cannonball‚ rund um sein halbgares Proberaumriff keine Ideen serviert und auch abseits davon kaum Druck aufbauen kann. Außerdem wiegen gelungene Einzelnummern sie das selig nach Harmonie suchende ‚Like a Moth‚, das leichtfüßige ‚Only Silence‚ das ätherisch angetauchte ‚Swirling‚ oder der verglimmernd zelebrierte Shoegaze-Trance von ‚Yr Face‚ ohnedies deutlich schwerer.
Allerdings wird anhand von ‚Stranger Things‚ noch offensichtlicher, dass Yuck mit Blumberg zwar keineswegs das Talent und Können abhanden gekommen ist, aber dass die mit dem Ex-Sänger abgewanderte Schmissigkeit gemeinsam mit dem unbedingten Willen zur Bissigkeit im Songwriting verblasst ist, und in dieser Bandkonstellation auch nicht ersetzt werden kann. Vor allem aber nicht ersetzt werden sollte, wie diese teils belanglos-attackierende, teils betörend-charmante Platte vorführt. Ihre unabsprechbaren Stärken hätten Yuck, leider stellen sie jedoch gerade diese auf ‚Stranger Things‚ diese in die Auslage.

06

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