Ciśnienie – [Angry Noises]
Live at Paul’s Boutique Record Store war offiziell eine Live-Platte, [Angry Noises] – „Recorded live in Music Hub Katowice, April 7th, 2025“ – ist nun ein Vertreter des regulären Studioalbum-Kanons von Ciśnienie.
Am Ende jeder Nummer der Platte – also den vier langen, lauten und rein instrumentalen Jam-Sessions, die epochalen Post Noise Rock und Jazz Avantgarde mit Assoziationen an Maruja, Godspeed You! Black Emperor, Swans oder King Crimson mit monolitischem, epochalem Volumen hochziehen, und die Synergie aus Dynamik und Intensität, Atmosphäre und Sound dabei gefühlt niemals ziellos improvisieren, sondern stets einem klaren Masterplan folgen – ja am Ende dieses Ungetüme-Quartetts, da hört man das Publikum jubeln.
Andächtig und wohl halb taub, am Ende des Openers (Achtung, Luft holen!) My Childhood Was a Period of Waiting for the Moment When I Could Send Everyone and Everything Connected With It to Hell, der sich in seinem Verlauf Symphony of Psalms von Igor Stravinsky und Saturn von Gustav Holst einverleibt hat, aber auch noch betont begeistert. Und das ist der Augenblick, in dem Ciśnienie plötzlich, umso infernaler von der Tarantel gestochen, über ihre Zuhörerschaft herfallen, noch einmal zu wüten beginnen, und die Perspektiven damit nach spätestens 18 Minuten endgültig gerade gerückt haben. [Angry Noises] ist hier Titel, Warnung und Versprechen zugleich. Und das (assoziative) Artwork die bildliche Entsprechung der Attitüde.
Den Weg dorthin stellt das polnische Quintett – Maciej Klich, Kacper Kowalczuk, Łukasz Kozera, Monia Muc und Michat Paduch – als Katharsis frei.
Man schleicht sich hinter dem Bariton-Saxofon sinister an, wobei die stampfende Bass Drum einen bemerkenswert satten, in die Magengrube gehenden Wumms hat, und die entmeschlicht schneidende Violine die Ohren geißelt. Pur, agressiv. „This album is designed to be played loudly.Listen as loud as you can or as loud as you’re allowed.“ proklamieren Ciśnienie als vertrautes Gütesiegel und Trademark, und sie scherzen einmal mehr nicht: Das Klangbild von [Angry Noises] ist brillant, ein einziger Hochgenuss. Physisch, transzendent. Fies und brutal.
So schwillt das Szenario apokalyptischer an, peitscht hirnwütiger, zieht bedrohliche Wände und Wellen auf – und kippt plötzlich in einen exzessiven Metal-Part.
Die Einkehr am Keyboard daraus entsteht organisch als natürlichste Sache der Welt, aus der eine dramatische Soundtrack-Kathedrale wächst. Erhebend, mysteriös, faszinierend, schimmernd und funkelnd; ein wundersamer, enigmatischer Horror samt kakophonischer Klimax. Und alle Würdigung der Zeitzeugen wird eben mit Haut und Haar gefressen.
Im weiteren Verlauf bekommt [Angry Noises] zwar deutlich kürzere Songtitel (samt zumeist nur minimal weniger erschlagenden Spielzeiten), hält aber qualitativ das beeindruckende Niveau seines ersten Leviathans.
Gilotyna stackst mit massivem Groove und Math-Konturen, zieht seine Repetition trotz der relativen Kompaktheit in die Manie, artikuliert das Motiv seines abrasiven Stoizismus immer expressiver und breitet am Ende seine Schwingen aus. Gówno (Gowno) beginnt wie Boris zu Pink-Zeiten, rollt im Stakkato mit martialischer Geduld seltsam ruhig und gedrosselt am Abgrund dahin. Es lauert psychedelisch unter der schimmernden Patina, und irgendwann bricht der Damm als urgewaltiger, psychotischer Rausch – trotz schwelgend verrauchter Keller-Einkehr. Carthago delenda est nimmt sich danach lage Zeit, behutsam und weitläufig, malerisch und melancholisch. Ciśnienie lösen die aufgebauten Spannungen kompositorisch betrachte nicht auf konventionelle Weise, auch wenn die Art und Weise, wie das Kollektiv die Finger in die Wunde drückt, zu diesem Zeitpunkt von [Angry Noises] freilich kaum noch überrascht. Das macht den regelrecht maschinellen Mahlstrom aber nicht weniger unmittelbar: Ciśnienie haben hier einen Mitschnitt eingefangen, der sich anfühlt, als wäre man auch in konservierter Form mitten drinnen im Geschehen, als würden auf einem Husarenritt der Crescendi manische Endorphine sprühen – und diese Erfahrung ist mit irrem Momentum als langfristige Investition angelegt.


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