Gravenhurst, Woodpigeon, Broken Twin [23.11.2012, Orpheum extra, Graz]

von am 25. November 2012 in Featured, Reviews

Gravenhurst, Woodpigeon, Broken Twin [23.11.2012, Orpheum extra, Graz]

Im Rahmen des Singer/Songwriter Mini-Festivals Autumn Leaves 2012, das vom 22. bis 24.11. im kleinen Saal des Orpheums stattfand, gab sich am zweiten Tag Nick Talbot, seines Zeichens kreativer Kopf hinter der Bristoler Melancholiker-Institution Gravenhurst, die Ehre. Passend und auf durchwegs vernünftigem Niveau eingestimmt wurde man durch die beinahe vollständigen Dänen Broken Twin und Mark Andrew Hamilton, dem Oberhaupt der kanadischen Kombo Woodpigeon.

Man hätte sich also durchaus nicht auf den rasantesten Grazer Konzertabend der letzten Zeit gefasst machen brauchen. So versammelten sich im Laufe Mark Andrew Hamilton’s Auftritt, der wohl unerwartet mit Broken Twin den Platz tauschen musste („They told me to play a lot of songs“) gut 100 Personen im kleinen Orpheum extra, die Mehrheit konnte bequem am Boden Platz nehmen.
Hamilton interpretierte nun alleine an der Akustikgitarre für gewöhnliche sanft um ein komplettes Bandoutfit arrangierte, mal romantische, mal augenzwinkernde, kurzweilige Folkschmeißer quer durch den Bandkatalog, auch mit Ausblick auf das im Februar erscheinende neue Woodpigeon-Album. In erster Linie als harmlos zu bezeichnen, gelang es Hamilton (dessen Stimme live frappierend an Calexico’s Joey Burns erinnert) dann doch mit – oft mehrfach – geloopten Gesangs- und/oder Gitarrenlinien fast schon hymnische Zeichen zu setzen. Immer wieder wurde aufkommende Melancholie durch sympathische Ansagen des Neo-Wieners oder gar eine dramatische Version von Abba’s ‚Lay All Your Love On Me‚ ausgebremst. Hätte einen nicht gelegentlich das von der Parallelveranstaltung durch den Boden hämmernde Funk-Schlagzeug in die Realität zurück befördert, fast hätte man sich in der Mondscheinatmosphäre die Discokugel und Hamilton’s Kleinode verbreitet haben verlieren können.

Irgendwo zwischen Zerbrechlichkeit und Stärke liegt ein Universum der Hoffnung, Ehrlichkeit und der melodischen Songs“ meint der Pressetext zu den Däninnen von Broken Twin, die sich live aus Frontfrau und Pianistin Majke Voss Romme und Violinist und Trip-Hop-Trommler Nils Gröndahl zusammensetzen. Und irgendwo zwischen Portishead, Feist und der frühen Kate Nash liegt deren EP ‚Hold On To Nothing‚, die international für eine kleine Begeisterungswelle gesorgt hat, und in knapp dreißig Minuten schwelgerisch mit skandinavischer Zurückhaltung präsentiert wurde. Spontan schlug auch die Stimmung von der lockeren Gelassenheit die Mark Andrew Hamilton ausstrahlte in eine kühle Angespanntheit die von der Bühne und der zweifellos enorm ambitionierten jungen Musikerin ausging um. Den spontanen Lineup-Wechsel kann man wohl nur gutheißen, Broken Twin sorgten inmitten der beiden anderen Männer mit Gitarre für das nötige Quäntchen Abwechslung, verbreiteten mit schleppenden Pianoakkorden, sicherem Gesang und dumpfen Violingezupfe eine völlig eigene, in rotes Licht getauchte Atmosphäre. Immer harmonischer wurde das Duo im Laufe der Präsentation der EP, immer gebannter auch das Publikum, das auf die Forderung von Zugabe hin Enttäuscht wurde; „We don’t have any more songs“. Hoffentlich bald.

Nick Talbot’s erstes Graz-Gastspiel fand ohne die restlichen Gravenhurst-Mannen statt, und war wohl nach eigener Aussage auch das erste solche nach einer recht langen Zeit. Wo der sympathische Musik-Nerd das Publikum zwischen den Songs mit trockenem britischem Humor den knarrenden Boden der Bühne betreffend, oder ja, sogar den halben Auftritt über durch bloßes Stimmen seiner Gitarre unterhielt, ist während den Songs eigentlich nur von purer Magie zu sprechen. Talbot beeindruckt mit überdurchschnittlich virtuosem Gitarrenspiel, das an die ausgefeilteren Harmonien von beispielsweise Simon & Garfunkel erinnert, vom nasal verschnupften Schmähführen in der einen Sekunde verwandelt sich seine Stimme in der anderen plötzlich in ein butterweiches, getragenes Singorgan; nicht wenig Guinnesgestärkt zwar, aber theoretisch zum Endlosen zuhören. Ob nun Talbot selbst oder seine Gitarre die melancholischen Geschichten in den Songs (die vor allem vom aktuellen Album ‚The Ghost in Daylight‚ stammten, den alten Gassenhauer ‚Tunnels‚ konnte er dann aus gitarrenhalstechnischen Gründen nicht spielen; „I obviously wrote that on a different guitar“) erzählten, die Bühnenpräsenz die der ewige Geheimtipp des Warp-Labels an den Tag legte war an diesem Abend unerreicht, und machten die dreiviertel Stunde die musiziert wurde zum beinahe hypnotischen Erlebnis, bei dem es eigentlich gar keine Zugabe benötigt hätte.

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