Ichiko Aoba, JFDR [23.03.2026: Globe, Wien]

von am 26. März 2026 in Featured, Reviews

Ichiko Aoba, JFDR [23.03.2026: Globe, Wien]

Eine Lektion, die die Wien-Audienz der Across The Oceans-Tour eindrucksvoll aufzeigt: Selbst ihre besten Live-Mitschnitte können die Faszination rund um die Ausnahmeerscheinung Ichiko Aoba nur bedingt einfangen.

Es ist ein an sich schlichtes, aber enorm stimmungsvoll detailliertes Bühnenbild, das Aoba wie ein aus dem Alltag entrückter Habitat in zumeist andächtiger Dunkelheit umgibt: Um das minimalistische Instrumentarium im Zentrum der Bühne – zwei Gitarren, eine davon elektrisch und alleine für Flag reserviert, dazu ein im Rahmen des Sets benutzter Synthesizer -, das von einem geschmackvoll reduzierten Blumenbouquet ausgeschmückt und einigen sparsamen Details wie Glaskugel-Dekorationen am Boden begleitet wird, breiten sich auf einzelnen kleine Ständern verteilt ein paar wenige, am Puls der Musik pulsierende Glühbirnen aus.
Ein märchenhaftes Szenario, das durch die kontemplative Lichtshow und ein atemberaubend klares Soundbild durch die charismatische Präsenz von Aoba den Raum vollständig fesselnd in seinen Bann zieht.

Ichiko Aoba Ichiko Aoba

Dass das Globe in dieser Größenordnung wohl die ideale Ortschaft für den ersten Österreich-Auftritt der Japanerin ist, sei an dieser Stelle übrigens explizit hervorgehoben – bis auf den Umstand, das man es im Vorfeld einfach nicht geschafft hat, einen Timetable des Abends zu kommunizieren, liefert die Location von der makellosen Inszenierung bis zum rundum freundlichen Ambiente eine praktisch perfekte Performance.

Ichiko Aoba

Als ebenso stimmig erweist sich Jófríður Ákadóttir alias JFDR in ihrer Rolle als Support Act auf einigen Stationen von Aobas Tour.
Die isländische Singer Songwriterin reduziert alte und kommende Songs zumeist auf Stimme und (eine zum Einstieg erst einmal gestimmt werden müssende) Gitarre (obgleich das 30 minütige Set hinten raus mit Loops und digitaler Assistent ein wenig in die Breite geht) und fühlt sich in der Ruhe merklich wohl.
Zwischen kontemplativen perlenden Schönheiten erzählt sie vollkommen unaufgeregt hauchend zudem, dass Latte Matcha ihr Lieblingsgetränk sei, seit sie es 2011 auf dem Blue Bird Festival in Wien erstmals gekostet habe, oder schwärmt leise von den Oster-Dekorationen in der Stadt. Selbst von einer kurzen technischen Störung an ihrem Instrument bleibt der Puls des Klangbalsams in ätherischer, heimlicher Anmut: JFDR breitet wirklich sehr charmant den stimmungsmäßigen Nährboden aus (auf dem die Zeit zwischen den beiden Sets im gedimmten blau gefärbten Licht bei kanonischer Piano-Ambient-Berieselung bis 21.00 Uhr somnambul verschwimmt).

Und sicher könnte man sich nun, zur Hauptattraktion des Abends kommend, im uferlosen Schwärmen und Superlativen ergehen – etwa darüber, wie elegant und makellos das mühelose Spiel von Ichiko Aoba ist; wie es Hand in Hand mit dem engelsgleichen Gesang ergreifend zu Herzen geht, ohne dass man ein Wort der Texte verstehen muss; wie die Atmosphäre über den Dinge zu stehen scheint, während da eine distanzlose Intimität entsteht, als würde Aoba nur für einen selbst spielen; oder wie unglaublich es ist, dass ihre Songs als Solo-Acoustic-Darbietungen eine so intensivere Wirkung und zeitlosere Wahrhaftigkeit – also: noch mehr Magie! – zeigen, als auf den Live- oder Studioalben.

Ichiko Aoba Ichiko Aoba

Aber daher sich diese Erfahrung, die Begeisterung und das subversive Erlebnis Aoba entlang zahlreicher genialer Momente – wie etwa, wenn die Ausläufer von Luminescent Creatures oder Space Orphan psychedelisch transzendieren, der grundlegende Minimalismus in seiner unendlich behutsamen Akzentuierung epochal unter die Haut geht, oder Clockwork Universe als Staunen machendes progressives Meisterstück auf einem ineinander fließenden Reigen um Aobas Lieblingssong Koko thront – ohnedies nicht wirklich in Worte fassen lassen wollen.
Lassen wir es einfach….

…und fokussieren zuletzt stattdessen auf einen Punkt, der erst in direkter Gegenwart der Musikerin maßgeblich wird: Aoba hat einen herrlich unkonventionell entrückten, geradezu albernen Sinn für Humor, der immer wieder entwaffnend aufblitzt, und ihrer zwischen stiller Bescheidenheit und poetischer Klasse pendelnden Erscheinung eine enorm sympathische, fast kindlich naive Seite beibringt.

Ichiko Aoba Ichiko Aoba

Guten Abend. Ich freue mich. Sie. Kennen. Zu lernen viel Spaß.“ schmunzelt sie da schüchtern zur Begrüßung und wird am Ende des Konzerts mit ihrem Teetässchen dem Mikrofon zuprosten. Wenn ihr ein Jubel-Laut aus dem Publikum besonders gefällt, ahmt sie diesem stimmlich und an den Instrumenten nach, improvisiert kurz darum herum, und zwitschert dann neben sonstigen klangmalenden Geräuschen wie ein glückselig trillierender Cartoon-Vogel in seiner naturalistischen Welt.
Und als sie vor der Zugabe von zahlreichen jungen Damen aus dem Publikum mit Blumen und anderen Opfergaben beschenkt wird, benutzt sie die Blumen grinsend als unverstärkt raschelnde Percussion (jap, so gut arbeiten die Sound-Verantwortlichen im Globe).

Ichiko Aoba

Dass die Schlange vor dem Merch-Stand (sowie jene vor einem von der Musikerin ausgelegten Erinnerungsbuch, in dem man sich verewigen kann) nach der knapp eineinhalbstündigen Show ebenso lange ist, wie vor Konzertbeginn, ist nur logisch.
All die gerne zitierten Plattitüden von der Ausnahmeerscheinung greifen eben spätestens im Live-Kontext viel zu kurz: Aoba live wirken sehen zu dürfen, erzeugt bedingungslose Bewunderung.

Ichiko Aoba

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