Johnny Blue Skies & The Dark Clouds – Mutiny After Midnight

von am 19. März 2026 in Album

Johnny Blue Skies & The Dark Clouds – Mutiny After Midnight

Johnny Blue Skies hat mit seinen exzellenten Backing-Kumpels The Dark Clouds Mutiny After Midnight aufgenommen – neun Songs about fucking, in denen es eigentlich auch stets darum geht, wie fucked up Amerika derzeit ist. 

Make America Fuk Again ruft extrem schmissig auf der Tanzfläche zur Revolution auf, treibt den Keil aber nicht in die Diskokugel – da kann das Artwork ästhetisch noch so perfekt zur Musik passen – sondern mit konstantem Beat und hibbeligen Licks direkt ins politisch Herz der USA: „Wanna make America fuck again (Fuck again)/ Wanna make America wanna love again/ Things have been worse but I can’t remember when/ Wanna start a revolution, watch it begin“ ätzt ein lakonischer Sturgill Simpson in der seiner unberechenbaren Rolle als Johnny Blue Skies, ein beherztes “I got that Hunter Biden energy/ I’ll make a hooker fuck around and fall in love“ hinterherschiebend.
Damit ist nicht nur die Parole, sondern auch die stilistische Ausrichtung der Platte vorgegeben: Mutiny After Midnight ist purer Funk Rock, der ungefähr dort feiert, wo Passage Du Desir (2024) als sexuell aufgeladener Soundtrack zwischen Sound & Fury (2019) und Shooter Jennings 2016er-Grenzgang Countach (For Giorgio) die Hüften kreisen hätte lassen können.

Und dies passiert auch in weiterer Folge mit einer beachtlichen Konsequenz. Selbst wenn Mutiny After Midnight nach seinem vor Potenz nur so strotzenden Einstieg auch Ausbrüche aus dem niemals als Korsett einengenden Outfit zulässt. Excited Delirium ist etwa eine Art Queens of the Stone Age-Rocker aus der bläsergetriebenen Soul-Perspektive von A Sailor’s Guide to Earth (2016) und einem Blick nach Minnesota als inhaltlichen Zündstoff: „Boy, I’m trying to talk to you/ I can’t breathe and I’m turning blue/ What’s the problem, what did I do?/ I can not cooperate if you don’t want me to/ I hear you screaming telling me to get down/ I hear you telling me not to resist/ Hard to move with your knee on my neck/ Hard to have a conversation with fourteen fists“ reitet Simpson etwa zynisch, in immer aufbrausenderer Haltung: „You got the wrong guy, got the wrong house/ You knocking down the wrong door/ You got a warrant to show me?/ Never mind, my hands are up and I’m down on the floor/ Why you dressed up like a soldier?/ What the hell are you wearing a face mask for?/ How the hell are you gonna protect the peace/ Running ‚round looking like you’re going to war?
Das am Klavier schwelgende Don’t Let Go könnte direkt danach dagegen direkt von Passage Du Desir stammen, indem es weiche Americana- und Country-Anleihen samt Steel-Gefühl in ein romantisches Fernsehgarten-Flair übersetzt. Saxophon-begleitet döst Simpson hier in unkaschierter Romantik und lässt Johnny Blue Skies einen Lovesong für seine Frau Sarah singen: „Ain’t no way around it, we’re getting older/ And the world outside these walls is gеtting colder/ Every night I lay down next to you, I start to smoldеr/ I fall apart, surrender to your love“.

Die Leidenschaft von Mutiny After Midnight muss sich eben nicht in körperlicher Vehemenz ausdrücken, sondern sich auch durch Intimität und Sanftmut artikulieren. In jedem Fall ist das Ergebnis authetisch.
Viridescent ist so mit heulenden Gitarren eine zurückgelehnte Sehnsucht nach den heroischen Gesten des 80er-Softrock („I’m not the kind of guy to kiss and tell/ Hell would be this world without you/ I’m just a penny, you’re a wishing well/ ‚Cause my dreams ain’t coming true without you“), desen Survivor-Verneigung die Platte endgültig wieder zurück in ihren Funk-Kontext führt.
Und dort tobt sich Simpson dann eben doch zumeist in einem Grinderman‘esken Testosteron-Tobsucht aus. Das unendlich smooth in der Roadhouse-Bar von Bootsy Collins und Nile Rodgers groovende Stay On That macht deswegen auch gar keinen Hehl aus seinem kodierten Verlangen: „Only thing in the world worse than dying is knowing you quit/ Sometimes when the grass ain’t greener, baby, it’s hard to admit/ So if you wanna make work, child, you gotta commit/ So baby, let me be the banana and you can be the split (Ah, shit)/ Stay on that D, baby, ‚til you hit that G“.

Nach den zwei fabelhaften ersten Dritteln droht Mutiny After Midnight zwar beinahe ein Coitus Interruptus – Venus bleibt nach seinem ambienten Einstieg im gedrosselten Tempo als solider Standard mit klischeehaften Lyrics klar die Schwachstelle des Zweitwerks – doch reißen Sturge und Co. das Ruder danach noch ohne markanten Höhepunkt befriedigend herum, weniger straight drückend. (Zumal ohnedies jeder Song hier „nur“ einer grundlegenden Idee ohne Ablenkungen folgt – wie das sexy stampfende Flanieren Situation für seine anschließen Abfahrt auf gelöste Gaspedal steigt, ist schon eine der größten Überraschungen der generell eher schlauchförmigen, nicht wirklich an konventionellen Auflösungen interessierten Kompositionen.)

Das unaufgeregte Everyone Is Welcome zelebriert seinen Existenzialismus locker und weich, ohne Illusionen („Spend my whole life praying to ghosts/ Paying taxes and living in fear/ Believing the winners die with the most/ Getting married having kids and counting the years/ Hard to decide who you want to be/ Hard to keep moving when the road ain’t clear/ Hard to build a future that you can’t see/ Hard to start over when the end is near“) und doch hedonistisch („Life’s better fluid like sexuality/ Inhibitions are better off rejected/ No place in the universe for individuality/ The truth is knowing that it’s all connected/ Two is enough but three’s a whole lot of fun/ Four’s a fuckin‘ party where everybody comes“). Und Ain’t That A Bitch schließt den Kreis ästhetisch wie inhaltlich mit lyrischem Biss, franst dann aber motiviert zum Jam aus: Wie geil wird das wohl erst live werden?
Spätestens mit dieser Sause vor Augen hier wäre dann auch zu erwähnen, dass The Black Clouds diesmal nicht umsonst mit als Urheber am Cover aufscheinen – ohne Gitarrist Laur “Little Joe” Joamets, Drummer Miles Miller, Robbie Crowell (Keyboards, saxophone) und Bassist Kevin Black würde diese funky Disco-Party merklich weniger Spaß machen. Erst mit dem Kollektiv im Rücken kann Johnny Blue Skies – in jeder Hinsicht – all in gehen.

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