Miltown – Tales Of Never Letting Go

von am 8. Dezember 2025 in Sonstiges

Miltown – Tales Of Never Letting Go

Die Geschichte hinter dem (so passend betitelten) Miltown-Debüt Tales of Never Letting Go ist, bei aller Liebe, doch ein wenig interessanter, als die durchaus (sehr) gute Musik dahinter.

Nach dem Ende der Szene-Helden Only Living Witness tat sich deren Sänger Jonah Jenkins mit den beiden aus Maryland kommenden Ashes-Gitarristen Matt Squire und (dem Gründer der legendären Salad Days Studios) Brian McTernan zusammen, um mit Bassist Jay Cannava und Drummer Rob Dulaney Miltown zu gründen.
Nach der Veröffentlichung einer EP, Single und Split via Hydrahead wurde die Band von Warner Bros. gesignt und Toby Wright als Produzent für einen Langspieler engagiert, der auf den Mainstream-Markt drängen sollte.
We recorded 18 songs, Toby mixed 10, and the label said that they didn’t hear any hits, so we would have to spend another 200,000 dollars to record another album.“ erinnerte sich Jonah vor knapp einer Dekade in einem Interview über die zwischen Dezember 1997 und Jänner 1998 stattfindenden Sessions. Und so gingen Miltown, anstatt den Durchbruch zu schaffen, getrennte Wege.

Und obwohl in den kommenden Jahren Bootlegs des Materials auftauchten und die ehemalige Mitglieder selbst Demos via Bandcamp veröffentlichten, war das dem niemals locker lassenden Tom Bejgrowicz von Man Alive Records nicht genug: Er stöberte die Tapes der Aufnahmen tatsächlich auf, handelte einen Vertriebsdeal mit Warner aus, und beauftragte Nick Townsend (The Hold Steady, Nails, Dr. Dre) mit einem frischen Master für den von McTernan fertiggestellten Mix.
Weswegen nun, fast dreißig Jahre zu spät, das Debütalbum von Miltown damit dann doch noch erschienen ist.
Tales of Never Letting Go beinhaltet nun 13 Songs – 10 davon als Premieren – die sich wie weniger angriffslustige Only Living Witness-Stücke vom Quicksand’schen Post Hardcore zum Alternative Rock von Black Map und Bush bewegen, emotional und mit angenehmer Härte. Der Sound ist nackig und straff, doch selbst ein etwas moderneres Facelifting täuscht zu keinem Moment darüber hinweg, dass wir es hier mit einem direkt aus den 90ern entstandenen Stück Zeitgeschichte zu tun haben.

Allerdings kommt die Platte dabei trotz Jenkis‘ Charisma kompositorisch nicht immer über den gehobenen Standard hinaus. Tales of Never Letting Go ist wirklich catchy und schmissig, zugänglich und direkt, während die inhaltliche Ebene eine verzweifelte Tiefe addiert, derweil das solide Grundniveau auch keinen Ausfall zu beklagen hat. Doch im Umkehrschluss gibt es auch keine eklatanten Amplituden nach oben, keinen Klassiker oder – wie die Plattenfirma es eben nannte – tatsächlich „keine Hits„.
Wenn das kurze America Through A Windshield punkiger aufs fetzende Gaspedal steigt oder das atmosphärisch brütende Twin Olympic Pools auf Gitarren-Geplänkel reduziert die Alibi-Ballade zwischen Tool-Meditation und Alice in Chains-Trance gibt, ist das schon das Maximum der Extreme auf einem Ansonsten unspektakulär gleichförmigen Album, das stets (sehr) gut ist – aber an der mystisch überhöhten Erwartungshaltung nur Scheitern kann.
Dennoch mit Fanbrille aufgerundet gerade noch:

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