Antony and the Johnsons – Cut The World

von am 4. August 2012 in Heavy Rotation, Livealbum

Antony and the Johnsons – Cut The World

Nach etwas mehr als einem Jahrzehnt zieht Antony Hagerty erstmals ein ausladendes wie eigenwilliges Resümee seiner bisherigen vier Studioalben, ist ‚Cut the World‘ doch gleichermaßen Livealbum, Revitalisierung alter Großtaten, irgendwie auch Best of und sogar eindringliche Ansprache in einem geworden.

Cut the World‚ schafft den erstaunlichen Spagat Neuankömmlinge in der zauberhaften klassizistischen Kammerpopwelt einfühlsam Willkommen zu heißen und langjährige Verehrer der samtweichen, ellaboriert-melancholischen und Nina Simone erprobten Stimme des 41 jährigen Transgenders zu verzücken. Theoretisch ist ‚Cut the World‚ nämlich eines jener Werke, dass bekannte Songs eines Künstlers in neues Licht rückt, nämlich jenes mit orchestralen Hintergrund, praktisch ist es jedoch weit mehr. Intensitätssteigerung der märchenhaften Leidenssongs zum Beispiel, aber auch das Weitergespinnen von Ideen, die bisher bereits ausformuliert schienen, nun aber tatsächlich noch an Potential zulegen.
Für ‚Cut the World‚ hat das Danish National Chamber Orchestra den Panoramablick hinter den melancholischen Songs an zwei Konzertabenden im vergangenen September erstrahlen lassen, während Antony und seine Band zwischen Piano, Schlagzeug und Cello durch ihre vier makellosen Studioalben ‚Antony and the Johnsons‚ (2000), ‚I Am a Bird Now‚ (2005), ‚The Crying Light‚ (2009) und ‚Swanlights‚ (2010) schwelgen. Dass ‚Cut the World‚ in bester Antony Manier eben doch anders als ähnlich geartete Synphony-Ausflüge namhafter Künstler geraten ist, steht nach spätestens zwei Songs fest.

Das Album eröffnet mit dem Titelsong, einer bisher unveröffentlichten aber klassisch ausgelegten Antony-Hymne, welche die erweiterten Streicher zärtlich einführt, von zahlreichen Blechbläsern begleitet wird und letztendlich vor tieftrauriger Sehnsucht beinahe vergeht. „I’ve always contained your desire to hurt me/ But when will I turn and cut the world?“ vor dem sich stetig steigernden Klangbild, das ist Drama pur, ursprünglich geschrieben für das Performance Stück ‚The Life and Death Of Marina Abramovic‚, letztendlich eine unergründliche, weitere Schönheit im Antony and the Johnsons-Kanon. ‚Future Feminism‚ bricht den Spannungsbogen hingegen, ist eine knapp achtminütige Ansprache über Esoterisches, Religiöses und Gender-spezifisches, Hagerty sagt Dinge wie „I am a witch. I actually debaptised myself“ oder „What’s great about being transgender is that you’re born with a natural religion. It applies almost across the board: no matter what culture or economic group or nation you’re from, you’re almost automatically a witch. None of the patriarchal monotheisms will have you.„, und er tut dies andächtig und humorvoll und im Kontext seiner restlichen Texte.

Danach spannt Antony einen Best of Bogen über einige seiner besten und schönsten Songs, ‚You Are My Sister‚ wird getragen von Oboen und damit noch anmutiger denn je, ‚Epilepsy Is Dancing‚ breitet sich schüchtern vor Alpenhörnern aus, ‚Kiss My Name‚ rumpelt dramatisch ins Breitwandformat ohne den Rahmen zu sprengen. Das unsterbliche ‚Cripple And The Starfish‚ hingegen entfaltet ein ums andere Mal seine Magie und das seltene ‚I Fell In Love With A Dead Boy‚ wird zum Geheimfavoriten bevor alles im traumwandlerisch aufbrausenden ‚Twilight‚ vergeht. Auffallend ist dabei nicht nur die Produktionsherangehensweise an die zwölf Stücke – das Publikum ist nahezu komplett aus den Aufnahmen gemischt, viel mehr als nach Livealbum klingt ‚Cut the World‚ nach organischem Studioaufnahmen – sondern vor allem, wie makellos sich das breitere Soundbild über die Songs legt, beinahe so, als wäre es nie anders gedacht gewesen. Zu perfekt versteht es das Danish National Chamber Orchestra jedoch auch, in absoluter Grundharmonie selbst die wenigen ausufernden Stellen in makelloser Diskretion subtil zu inszenieren, ansonsten stellenweise gar unbemerkt im Hintergrund zu werken, der Scheinwerfer bleibt stets auf Hagertys einmaliger Stimme.
In genau dieser Symbiose aus unkaschierter Eindringlichkeit und weltumarmendem Instrumentarium entsteht so ein vertrauter aber unbekannter Blickwinkel auf Antonys bisheriges Schaffen, in seinen besten Momenten entwickelt das eine gar übermannende Intensität und Anmut, ‚Cut the World‚ sammelt also Gänsehaut-Momente noch und nöcher, die in diesem Ausmaß vielleicht noch keines seiner Studioalben bieten konnte.

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