Counterparts, Sunami, One Step Closer, God Complex [24.01.2026: Flex, Wien]
Heaven Let Austria Die: Mit ihrer superben 2024er-EP als Katalysator machen Counterparts – mit der internationalen Achse aus God Complex, One Step Closer und Sunami zu einem bestechenden Gesamtpaket geschnürt – auch im Wiener Flex Halt.
Subjektiv betrachtet stellen God Complex im Vorfeld das schwerwiegendste Argument dar, das den Abend zu einem Pflichttermin macht. Immerhin hat He Watches In Silence die Band 2025 nach dem vermeintliche Debüt-Schwanengesang To Decay in a Deathless World aus dem Jenseits direkt in die oberste Metalcore-Liga katapultiert.
Die Ansprüche an die Briten sind also hoch. Und sie werden, soviel sei bereits vorweggenommen, mühelos von dem Quintett (bei dem Frontmann Harry Rule sich auf dieser Quasi-Comeback-Tour von Ingested-Sänger Josh Davies am Mikro vertreten lässt) gestemmt werden – auch wenn der Energieaustausch mit de Publikum leider nur bedingt funktionieren will.

Ab 19.00 Uhr lassen God Complex ihren Metalcore nämlich in einem bestenfalls sehr luftig gefüllten Flex von der Leine. Sie tun dies aber mit einer besonders dreckigen Punk-Energie, werfen ihre Rolle als Anheizer bemüht in die grindige Waagschale, und öffnen mit massiver Heaviness ein straightes, wütendes Ventil, kotzen sich mit knackiger Hässlichkeit aus.
Alsbald hat man zumindest die spärlich vor der Bühne versammelte Menge damit auch an der Angel und wenigstens eine Handvoll Besucher zum Two Step, Circle Pit und Wall To Wall-Turnen animiert. Einzig, dass die Band (nachdem Gast Davies die Bühne während Flooded Lungs frühzeitig verlässt und dem Stamm-Quartett den Raum gibt, den Closer doomig malmend auskriechen zu lassen) nicht einmal die veranschlagte halbe Stunde Spielzeit ausfüllt, enttäuscht: God Complex haben auf einem dezent undankbaren Posten alles richtig gemacht und sich definitiv für eine Rückkehr in prominenterer Rolle empfohlen.

Setlist:
Depraved Idol
Death Trip
Deeper Form of Sleep
The Judge
Breeding Filth
Red Chord
Sudden Panic
The Altar
Ba’al’s Trick
Flooded Lungs
Umgekehrt proportional zu God Complex verhält es sich hinsichtlich der vorauseilenden Erwartungshaltung grundlegend mit One Step Closer. Schließlich langweilt der Melodic Hardcore der Band auf Platte durch seine gar zu penetrant massentauglich ausgerichteten Parts dann doch eher. Und dann frisst man Front-Charismatiker Ryan Savitski plötzlich aus der Hand, ist mitten drinn, statt nur dabei.

Denn mögen einzelne Momente wie Giant‘s Despair auch live immer noch zu kitschig über das Ziel (bzw. eigentlich natürlich eher den eigenen Geschmack) hinausschießen, ist es doch eine ziemlich begeisternde Überraschung, wie entwaffnend die Amerikaner auf der Bühne durch einen kraftvollen und direkteren Zugang zünden – eine ideale Symbiose aus harmloseren Touché Amoré und spannenderen Turnstile quasi.

In dem mit einem Schlag deutlich volleren Zuschauerraum ist die Stimmung jedenfalls von der ersten Sekunde an absolut (ja, selbst für den der Band eigentlich so kritisch gegenüberstehenden Grantler) ansteckend euphorisch. Stagediver folgen und bald geht es im Pit ausgelassen zu. Band und Publikum haben hier merklich ihren Spaß, ganz ohne Aufwärmphase. Da macht es auch nichts, dass während I Feel So plötzlich der Bass aus dem Sound wegbricht und in The Reach niemand der Aufforderung zum Crowdsurfen nachkommen will. Man nimmt es mit Humor – und die Hälfte des Abends hat bereits tadellos geliefert.

Setlist:
Leap Years
Dark Blue
Blur My Memory
Orange Leaf
Jinx
Esruc
I Feel So
Giant’s Despair
The Reach
Daran ändert sich auch mit Band Nummer 3 von 4 an sich nichts. Allerdings sind Sunami eben Sunami und ziehen, man kann es nicht anders sagen, mit ihrem an der Grenze zur übersteigerten Persiflage eingekochten Beatdown Hardcore mitunter genau die Art crowdkillender Selbstdarsteller-Arschlöcher an, mit denen man angesichts tumber Werke wie Sunami rechnen konnte.
Die Band kommt auf die Bühne und hat noch keinen Ton gespielt, frisst schon der erste überraschte Besucher einen au dem Nichts kommenden Roundhousekick in die Fresse. Später werden Typen mit Tunnelblick auf Konzertgäste abseits des Pits hinausprügeln oder ein überdimensionierter Hühne einen zwei Köpfe kleineren Dude gezielt durch die Menge verfolgen, um ihm ein paar Rippenschläge zu verpassen und nach aufkommender Kritik an seinem Verhalte lapidar festzustellen: „Das ist Hardcore!“.

Ansichtssache. Jedenfalls gehört es zum guten „Sunami Style, Bitch“-Ton, sich während des bestechend tighten Sets des Quartetts so assozial und brutal wie möglich zu gebärden. Marke: Liegt jemand im Boden, hilft man nicht auf, sondern tritt drauf. Oder: Man selbst ist einfach „softer than baby shit„, wobei „sind sie zu stark, bist du zu schwach“ hier auch immer „…sind die anderen zu rücksichtslos meint„.
Und zugegeben: Während das obligatorische „fuck the police!“ das einzige politische Statement des Abend bleiben wird, bekommen die archetypischen, monoton eindimensionalen Slam-Attacken der statischen Band aus San José mit metallischer Präzision in all ihrer kompromisslosen Härte auf Tour noch mehr Konsequenz. Interessanter macht es die Sache aber nicht.

Setlist:
Six
Defraud
Sweet Relief
Dirty Work
Doubt
Fence Walker
Feds Watchin‘ / I Don’t Care
Mind Your Business
No Heart
Contempt of Cop
Gate Crasher
Y.A.B.
Y.S.A.B.
Step Up
Sunami Style
Weak Die First
Counterparts finden danach abgeklärt zu einem gemeinschaftlicheren Gefühl des Hardcores zurück. Dicht gedrängt stehend ist die involvierte Menge noch textsicherer als bei den beiden vorangegangenen Bands und ein intensiver Pit macht (weitestgehend ohne die ausgepowerten Sunami-Guys) gerade in diesem kleinen Rahmen wieder Spaß. (Das geht zwar in TikTok-Zeiten auch so weit, dass ein Dude, der einfach nicht und nicht die Körperspannung zum Crowdsurfen zustande bringt, dies für die Kamera dennoch immer wieder hoffnungslos scheiternd versucht, später gar mit seiner mutmaßlichen Freundin Hand und Hand von der Bühne springend in einer Zone ohne erwartende Hände gnadenlos am Boden zerschellt, und dann zumindest das Surfbrett für seine den Moment am Smartphone festhalten wollende Begleitung macht. Da kann man zwangsläufig nur zur Erkenntnis kommen, dass man selbst wohl einfach zu alt für derartig sich selbst inszenierendes Szene-Gebärden ist).
Dass sich dabei erstmals an diesen Abend Security in den Mini-Wavebreaker vor der Bühne gesellt, ist bei aller Euphorie jedoch unnötig: die Kommunikation zwischen Counterparts und dem Publikum sitzt nahtlos, notfalls wartet man mit dem nächsten moshenden Part bis zum erfolgten Fan-Sprung von der erweiterten Bühne.

Warum Counterparts der Headliner des Quartetts sind, steht jedenfalls zu keinem Zeitpunkt des über extrem kurzweiligen 40 Minuten und eine knappe Zugabe ideal kompakt eingekochten Sets, das keinerlei Längen kennt, zur Diskussion.
Mit dem Fokus auf (dem unlängst ja auch bei Audiotree zur Gänze dargebotenen und justament Juno-nominierten) Heaven Let Them Die konzentrieren sich Brendan Murphy, Tyler Williams, Jesse Doreen und Drummer Kyle Brownlee (wie schon bei den US-Auftritten im vergangenen Jahr) auf die schnörkellose Heaviness in ihrem Repertoire. Die Breakdowns sind malmend und massiv, der Sound kraftvoll und dicht, die Härte hat Bandbreite und durch die melodisch gestikulierenden, leidenschaftlich zelebrierten Szenen auch hymnische Szenen – insofern erinnern Counterparts im homogen assimilierten Kontrast live so übrigens mehr denn je an Misery Signals.


Vor dem sehr stylish inszenierten Hintergrund von melodramatischen LED-Kerzen als Dekoration und zusätzlichen Lichtbannern als Impulsgeber zelebrieren immer besser werdenden, auf der Bühne noch packender als im Studio den Hebel ansetzenden Counterparts den klar atmosphärischsten Auftritt der vierteiligen Show, fesselt und zieht als verdientes Highlight des Gesamtpakets praktisch ohne Verschnaufpause herrlich auslaugend in ihren Bann.
Dabei wird man nach Konzertende noch einen langen Atem benötigen: Eine zermürbendere Performance als in der Warteschlange für die Garderobe gibt es an diesem Abend nicht.
Setlist:
A Martyr Left Alive
Bound to the Burn
With Loving Arms Disfigured
Wings of Nightmares
Choke
Paradise and Plague
Unwavering Vow
Thieves
Your Own Knife
To Hear of War
No Lamb Was Lost
Stranger
Witness
Praise No Artery Intact
Monument
Heaven Let Them Die
Encore:
Love Me
Whispers of Your Death







Kommentieren