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Deathspell Omega – The Long Defeat

Deathspell Omega - The Long Defeat

Der Beginn der dritte Ära von Deathspell Omega fordert existenzialistisch heraus – doch nicht wie erwartet die Toleranzgrenzen des Avantgarde Black Metal an sich, sondern jene der eigenen Fanbasis: Wie verträglich dürfen die betont unverträglichen Franzosen sein? 

Dass die eigene Anhängerschaft ihnen bedingungslos über den Ereignishorizont der Genre-Extreme hinaus gefolgt wäre, dürfte Deathspell Omega selbst nur klar gewesen sein – und der Erkenntniswert beim weiteren Provozieren der Achse aus Chaos, Aggressivität und Dissonanz für Hasjarl und Khaos als Zentrum des Gefüges insofern mit überschaubarem Reiz versehen.
Daher die Franzosen den Konflikt und das Konfrontationspotential in ihrem Black Metal aber brauchen, ist der ebenso unerwartete wie mit ein wenig Abstand nachvollziehbare stilistische Umkehrschub von The Long Defeat in Form des Aneckens mit dem eigenen Kernklientel nur die rationale Konsequenz. Das Aufbrechen der Komfortzone ist nun die einladende Wohlfühloption, die Anti-Haltung die Willkommensgeste: The Long Defeat irritiert über den Erstkontakt hinaus, weil es nicht das ist, was man von der mysteriösen Band erwartet hat oder hören wollte; weil es so viel zugänglicher und verdaulicher ausgelegt ist, kaum chaotisch und atonal, sondern melodisch, geordneter und noch getragener; und wird in seiner Geradlinigkeit am Ende eben gar die Frage aufwerfen wird, ob man für Deathspell Omega auch ins Stadion pilgern würde.

Wie ambivalent und paradox der Weg des geringeren Widerstandes als Vergrößerung der vertrauten Reibungsfläche ist, lässt sich exemplarisch vielleicht an der mutmaßlichen (mutmaßlich, weil ja die Besetzung der Band als offenes Geheimnis offiziell weiterhin nicht kommuniziert wird) Handhabung der Personalie(n) am Mikro erläutern.
Mikko Aspa, seines Zeichens in vielerlei Hinsicht eine nicht nur diskussionswürdige Erscheinung, ist, nachdem seine vermutete Besetzung gerade rund um The Furnaces of Palingenesia höhere Wellen denn je geschlagen hat, vom „französischen Power Trio“ nicht mehr als alleiniger Sänger engagiert. Stattdessen setzten Deathspell Omega nun offenbar auf eine ganze Riege an Vokalisten – heiß gehandelt wird die Beteiligung von Daniel Rostén alias Arioch alias Mortuus (Marduk, Funeral Mist), Spica (von den genialen, leider ja in der Versenkung verschwundenen S.V.E.S.T.),  Mikołaj Żentara  alias M (Mgła) – und eben in gewissen Phasen auch noch Aspa.
Den kontroversen Finnen als Sänger im variabler gewordenen stimmlichen Kollektiv quasi aufgewogen zu haben, nimmt dem empörten Diskurs aber höchstens im ersten Moment den Sturm aus den Segeln. Auf den zweiten steigert sich der Gegenwind angesichts der Lebensläufe der mutmaßlich involvierten Personen nämlich sogar auf einer noch breiteren Basis. Der augenscheinliche Kompromiss ist also eigentlich eine Auseinandersetzungsradikalisierung, die Konfliktbewältigung gießt Öl ins Grundsatzdebatten-Feuer.
Genau so – das Zuckerbrot ist die Peitsche ist das Zuckerbrot – funktioniert im Grunde auch das allgemeine Wesen einer Platte, die vor allem auf ihren letzten Metern fast schon verstörend konventionell ausgelegt ist, und das Überraschungsmoment (ja, auch die pure Enttäuschung) des Fans nicht nur in Kauf nimmt, sondern sie bewusst als Katalysator evoziert.

To be continued… heißt es letztendlich – und womöglich wird sich The Long Defeat erst rückblickend mit dem Schritt zurück auf das große Ganze – also nicht nur die dritte Bandphase, sondern die gesamte Karriere von Deathspell Omega – beurteilen und richtig einordnen lassen, während das offiziell achte Studioalbum als alleinstehendes Werk in seinem offenen Ende in der  Luft hängend entlässt, schon auch ein wenig frustrierend.
Der Weg dorthin ist allerdings absolut stimmig – und ein übergeordneter Masterplan ist auch deswegen wahrscheinlich, weil der Einstieg in The Long Defeat praktisch ansatzlos vom Ende The Furnaces of Palingenesias kommend übernimmt, dem Narrativ chronologisch folgend schlüssig aufgeht.
Der Opener Enantiodromia steht für den Status Quo und Paradigmenwechsel der Platte, rollt hinter You Cannot Even Find the Ruins… den ersten von fünf elendslang philosophisch analysiert werden wollenden Textschwällen aus, nachdem ein einsamer gregorianischer Chant aus der gurgelnden Hölle die Kriegstrommeln beschwört. Im zähen Tempo eröffnet das Album beinahe doomig, die Gitarren heulen aufgeräumt sogar bis ins Solo. Doch bald drehen Deathspell Omega wirbelnd an der Spannung und stampfen, die Vocals pressen in skandierenden Gesten. Der schabende Bass reklamiert schon hier einen dominanten Part in der postpunk-affinen, superb transparenten und kraftvollen (womöglich ja wieder von Carpenter Brut stammenden?) Produktion, die Dissonanz darüber ist in ihrer verzahnten Akribie aber detailliert an Melodien interessiert. Das rezitierende Grummeln treibt immer garstiger, dreht sich im Krius und poltert nach vorne, forciert strukturell ein immer neues Zuspitzen der Szenarie – doch die Entladungen bestehen in Plateaus: nicht antiklimatisch, sondern im Sisyphus’schen Labyrinth eines Roguelike-Games, auf dem jede Ebenen neue Mysterien preisgibt und die Epiphanie in Millimeterarbeit entlohnt. Bis die Kakophonie und Atonalität harmonisch aufmacht, der Schlachtruf ertönt: „And He has come to bring pure light!/ And He has come to bring concord!/ And He has come to bring order!„.

Der Übergang zum folgenden, überragenden Eadem, Sed Aliter funktioniert dabei mit manisch flimmernden Streichern, die erst an den Opener von Imperative Imperceptible Impulse erinnern, dann aber doch den Hereditary-Chor-Kult erwecken, elektronisch-ambient brütend und schwirrend – und damit quasi den erhellenden Kontrast zu den ersten Sekunden von Enantiodromia bietend.
Eadem, Sed Aliterja, auch das trifft auf den Charakter der Platte zu! – beginnt postmetallisch, könnte so auch von Cult of Luna stammen. Aspa (?) skandiert auf einer vertrackten Kanzel, der trocken malmende und enorm vital pulsierende Bass formt das Bild einer progressiven Nummer, die nach langem Zirkulieren an Blastbeat-Fahrt aufnimmt. Der greifende Gesang legt sich immer wieder in die Gemeinschaft, fast wütend, das Geschehen bollert und rast eskalierend, solierend heulen die Gitarren in den Nachthimmel und zeigen den Black Metal als Griffbrettwichserei. Das Amalgam drosselt sich und brütet im gleichzeitig dichten und atmenden Sound, forciert die Dramatik zwischen den Zeilen und konzentriert sich, ohne konventionelle Songformen zu befolgen.
Im Titelstück hyperventilieren die Gitarren wie fauchende Hummeln, die Rhythmussektion groovt methodisch im Midtempo, tritt irgendwann auf das Gaspedal, schraubt die Saiten heroisch empor, zum hymnischen Wirbelsturm im Heavy Metal – und plötzlich beginnt eine orchestrale Opulenz samt Chören zu jubilieren…nur um die abrupte Kehrtwende in die Einkehr zu erzwingen, als schwarz-funkelnder Postrock harsch und giftig zu sinnieren.

Wo die Transformation der Band bis hierhin noch vor allem in der Ordnung des Chaos bestand, was einen so weit makellosen Grower gebiert, durchbricht The Long Defeat nun aber unorthodox die hauseigenen Benimmregeln drastisch. Im wie von der Tarantel gestochenen Husarenritt Sie Sind Gerichtet! springt ein atonales Solo aus der Achterbahn, Aspa keift raspelnd. Und plötzlich ist er da, der erst demonstrative WTF-Moment auf einer Platte, die den Umbruch zuvor noch zwischen den Zeilen eingeflochten hatte: „Oh yes, we saw you. Yes! We saw you…!“ wird zur Call-and-Response-Interaktion, wer hätte jemals mit stiernackigen Groupshouts mit emporgereckten Fäusten und Mitbrüll-Faktor auf einem Deathspell-Werk gerechnet? Zumal die Patte plötzlich aus der Selbstkasteiung in den unbedingt straighten Modus schaltet, böse tackert und rollend gniedelt, auf Kerosin rockend – die letzte Sekunde von Sie Sind Gerichtet! mit dem Space-Beam ad absurdum führt.
Die Ende der polarisierenden Fahnenstange ist damit allerdings nicht erreicht. Denn für Our Life Is Your Death preschen Deathspell Omega tatsächlich breitbeinig im Hardrock-Gewand samt fast schon banal-simplem Uffzack-Schlagzeug und Highway-Gitarren ins Stadion, so grotesk optimistisch und , tja, gut gelaunt, beschwingt animierend – man darf an Lamp of Murmuur denken, nur dass der Effekt bei den Franzosen ungleich desorientierender ist, weil er sich so weit von dem entfernt, was man mit dem französischen Enigma assoziert. Gerade auch, weil Our Life Is Your Death trotz allem sprunghaft das Wesen des Albums ändert, im Kontext wie der auf sich gestellte, ein wenig isolierte Epilog hinter einer an sich so homogenen, bestechend brillanten EP anmutet, der gefühlt jedoch eher ein finaler Song zum runden Abschluß seiner Evolution fehlt.
So ganz schlau muß man deswegen aus diesem neuen Bringschuld-Kapitel der DsO-Geschichte vorerst noch nicht werden, um nach einer kurzen Eingewöhnungsphase mit süchtig machender, immer neue Facetten und Nuancen freigebender Nachwirkung einmal mehr begeistert von den Konsequenzen dieser weitsichtigen Erscheinung sein zu können: Die Symbiose aus Verweigerungshaltung und gleichzeitiger Ausbreitung der Auftrittsfläche macht so viel Lust auf die nächsten Schritte der Band, wie es eine Wiederholung alter Meisterwerk-Muster für eine neuerlich schaulaufende Demontage der nachfolgenden Epigonen niemals gekonnt hätte. Verlagern Deathspell Omega die Kampfzone nun womöglich gar in den „Mainstream“?

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