Promise You’ll Be With Me in the End: The Cure

von am 5. Januar 2023 in Diskografie Ranking, Featured

Promise You’ll Be With Me in the End: The Cure

Seit 2019 erweisen sich die Ankündigungen eines bevorstehenden neuen The Cure-Albums seitens Robert Smiths als fruchtlos. Dennoch stehen die Zeichen gut, dass es 2023 endlich soweit sein könnte.

Immerhin sind nach der jüngsten Europa-Tour mit Alone, And Nothing Is Forever, I Can Never Say Goodbye, Endsong und A Fragile Thing bereits fünf neue Songs bekannt, dazu kommen mit It Can Never Be the Same und Step Into the Light potentiell auch noch zwei Überbleibsel von den 2016er-Konzerten.
Aber mal abwarten, was hinter Smith’s Aussagen steckt – insgesamt 19 Songs, die zwischen zehn und zwölf Minuten dauern, aufgenommen zu haben (2019), aufgeteilt auf zwei Alben, die nur noch gemixt werden müssten (2021), von denen eine Platte 2022 eines unter dem Titel Songs of a Lost World angekündigt wurde – und die Chance nutzen um den Backkatalog noch einmal unter die Lupe zu nehmen.
Dass das folgende Ranking dabei keiner worst-to-best-Reihung folgt, ist hoffentlich selbstverständlich: Die 1978 in Crawley noch unter dem Namen Easy Cure gegründete Band hat neben ihren offenkundigen Meisterwerken keine schlechten Alben veröffentlicht, sondern höchstens ambivalentere. Die folgende Anordnung ist insofern als streng subjektive Platzierung persönlicher Lieblinge als Liste ohne Verlierer anzusehen, bei der objektive Betrachtungen nur eine sekundäre Rolle spielen.

13. The Top

Veröffentlichungsjahr: 1984
Besetzung: Robert Smith + Lol Tolhurst, Andy Anderson
Produzenten: Robert Smith + David M. Allen, Chris Parry
Spielzeit: 51 Minuten

(Die praktisch von den Toten auferstandenen) The Cure haben sich das Leben nach Pornography mit den auf Japanese Whispers zusammengefassten drei atypischen Interims-Hitsingles Let’s Go to Bed, The Walk und The Lovecats zusätzlich schwer gemacht, das mag schon stimmen. Aber ohne ein wirklicher Ausfall zu sein, ist von The Top, dem fünften Studioalbum der Briten (obgleich runder als Wild Mood Swings funktionierend, zumal Smith zusätzlich zwischen Blue Sunshine und Hyæna auf vielen Hochzeiten wandelte) als kompromissbereiter Seiltanz zwischen „alten“ und „neuen“ Cure allerdings bei aller grundlegenden Liebe dennoch eher wenig geblieben. Am deutlichsten natürlich noch die beiden herausragenden Opener der jeweiligen Plattenseiten, wobei Shake Dog Shake seinen Nachdruck eher der vehemente Präsenz bei Liveshows verdankt. Das beschwingte A Caterpillar dagegen: ein Instant-Liebling.
Der Rest sind solide Standards, die im Zweifelsfall zeigen, dass The Cure sogar mit Panflöten funktionieren (Dressing Up), demonstrieren, wie Scott Walker Roxy Music weltmännisch in die Synth-Loonge führen könnte (Piggy in the Mirror), oder der antiquierte Feldwebel mit Kajal auftritt (Empty World).
Schlecht ist das alles also nicht, aber eben stets ungewohnt ernüchternd und gerade mit Abstand ein bisschen egal. Es hat nicht den grotesken, ambivalenten Mut von Wild Mood Swings – dafür aber auch ohne intensiven emotionalen Impact ein The Cure-im-Albumkontext-Atmosphäre.

12. Wild Mood Swings

Veröffentlichungsjahr: 1996
Besetzung: Robert Smith, Simon Gallup, Roger O’Donnell +  Perry Bamonte, Jason Somin
Produzenten: Robert Smith + Steve Lyon
Spielzeit: 62 Minuten

In Zeiten der personellen Umbrüche und Unsicherheiten sowie dem immensen Erfolg von Wish und Disintegration als Bürde im Rücken (zumal mit dem überragenden Burn im direkten Rückspiegel) haben The Cure für Wild Mood Swings zumindest einen idealen Titel samt entsprechendem Artwork für eine vollkommen zerfahrene Platte gefunden, die als willkürlich die Richtung änderndes Album nur bedingt funktionieren will, als Sammelsurium von vierzehn unausgegorenen, ihre Freude an der Unberechenbarkeit habenden Einzelsongs aber schon Spaß machen kann.
Da lassen sich The Cure etwa vom erstmals realen Orchester umarmen oder experimentieren polarisierend mit tropikalen Tex-Mex-Latino-Yacht-Szenarien, zeigen zugänglich poppige Passagen in unterschiedlicher Expression oder klingen wie die Doogie Howser-Big-Band, derweil das hibbelig überdrehte Return irgendwo die Vorlage für I Don’t Know Whats Going On ist. Alles interessant, alles skurril – aber wirklich packend gelungen oder tatsächlich essentiell?
Die grundlegende Ambivalenz des Materials wird wohl schon dadurch deutlich, dass Robert Smith Wild Mood Swings einst als eines seiner eigenen fünf Lieblingsalben deklarierte – aber seit jeher kaum Lust hat, Nummern davon live zu spielen. Alleine durch Songs wie Want oder Jupiter Crash, dem mit orientalischer Psychedelik am Klavier sitzenden Numb, dem bittersüßen Treasure, oder dem seine verträumte Melancholie mit kitschigen Streichern zukleisternden Bare kann man sich vielleicht darauf einigen, dass in diesem zu langen Machwerk ein durchaus gutes Album stecken hätte können – neben einer ziemlich weirden EP.

11. 4:13 Dream

Veröffentlichungsjahr: 2008
Besetzung: Robert Smith, Simon Gallup, Porl Thompson,  Jason Cooper
Produzenten: Robert Smith + Keith Uddin
Spielzeit: 52 Minuten

Gerade mit der langen, langen, viel zu langen Studiopause seit 4:13 Dream wünscht man sich, dass Robert Smith seinen Plan, aus dem dreizehnten Werk seiner Band ein Doppelalbum zu machen nie aufgegeben hätte: aus Zeitmangel habe er viele seiner Favoriten, zahlreiche ruhigeren Songs und Instrumentalstücke, die sich in einem Pool aus insgesamt 33 Songs angesammelt hatten, kurzerhand nicht vollendet oder einfach gestrichen – und zu dem prolongierten Sammelsurium aus nachgereichten Outtakes – 4:14 Scream bzw. 4:26 Dream – kam es bekanntlich nie.
So bleibt eine Platte, die in ihrer betont unbeschwerten Pop-Upbeat-Lockerheit wie eine verständliche Reaktion auf den selbstbetitelten Vorgänger anmutet und im besten Sinne Komfortzonen-Malen-nach-Zahlen bietet, seine Klasse unspektakulär und zutiefst selbstreferentiell ausspielt. Mal erinnert das frappant an den Plainsong (im wirklich fabelhaften Opener Underneath the Stars), dann will das Material in die Fußstapfen von Just Like Heaven treten; ein bisschen Selftitled-Attitüde ohne dessen Biss hier, ein wenig Bowie-Feeling dort; und Nummern wie Hungry Ghost, die sich längst in die Herzen der Gefolgschaft gespielt haben.
Versatzstücke der eigenen Trademarks sind jedenfalls allgegenwärtig und die Singles eigentlich sogar die schwächeren Stücke einer wirklich soliden Standardplatte mit verdammt hohem Grundniveau. Was im Umkehrschluss zwar bedeutet, dass man alles hier aufgefahrene schon mal weitaus besser von der Band gehört hat – doch nach einer herben Enttäuschung beim Erscheinen des Albums ist 4:13 Dream letztendlich rückblickend erstaunlich gut – oder eher: sehr, sehr gefällig – gealtert.

10. Three Imaginary Boys

Veröffentlichungsjahr: 1979
Besetzung: Robert Smith, Lol Tolhurst, Michael Dempsey
Produzent: Chris Parry
Spielzeit: 36 Minuten

Das offizielle Debütalbum von The Cure ist im Grunde eine verpasste Chance. Zusammengestellt von ihrer damaligen (neugegründeten) Plattenfirma Fiction Records respektive deren Kopf und Produzent Chris Parry (der hier seinem The Jam-Signing für Polydor nachlegen wollte) hatten Smith und Co. kein Mitspracherecht am spartanischen Artwork oder der Auswahl der Trackliste. So reiht sich rund um den effekthaschend aus dem Nichts kommenden Foxy Lady-Soundcheck mit Michael Dempsey am Mikro nach dem Opener 10:15 Saturday Night fein säuberlich abwechselnd je eine betont flotte, zackig und schmissige Nummer zwischen Joy Division, Buzzcocks und The Wire an gedrosselte Stücke wie Accuracy (das nach entspannten Gang of Four klingt) oder dunkel vom Jazz und Blues schraffierten Variablen a la Subway Song, die vorzeigen, wie sehr sich der Sound der Band nach dem ersten Ausstieg von Porl Thompson ausgedünnt hat.
Das weitaus bessere (und in diesem Ranking auch höher abschneiden würdende) Album als Three Imaginary Boys ist übrigens zwar die wenig später in den USA erschienene Compilation Boys Don’t Cry – alleine weil diese neben dem titelstiftenden, damals noch nicht die Charts stürmenden Megahit auch die anderen potentiellen Smash-Singles Killing an Arab und Jumping Someone Else’s Train in petto hat – doch holt auch diese nicht alles aus dem vorhandenen Potential heraus: Songs wie I Want to Be Old, Pillbox Tales oder I’m Cold sind schließlich viel zu stark, um „nur“ als Outtakes, Demos und Liveversionen ihr Dasein zu fristen.

09. Kiss Me, Kiss Me, Kiss Me

Veröffentlichungsjahr: 1987
Besetzung: Robert Smith, Simon Gallup, Porl Thompson, Lol Tolhurst + Boris Williams
Produzenten: Robert Smith + David M. Allen
Spielzeit: 75 Minuten

Auch an den Stärken – und den klar besseres Songs – von Kiss Me, Kiss Me, Kiss Me sollte Wild Mood Swing knapp neun Jahre später in gewisser Hinsicht scheitern: Wie gut The Cure ihre stilistische Bandbreite über ein vogelfreies Einzelsong-Potpourri ohne übergeordneten Spannungsbogen in Szene setzen können, war mit diesem in Frankreich aufgenommenen Werk (dem letzten mit Keyboarder Porl Thompson und dem endgültigen kommerziellen Durchbruch in Amerika) klar.
Wie so oft bei Doppelalben wäre auch der siebente Langspieler der Briten in destillierter Form besser gewesen, doch ist die Trefferquote auch so überzeugend: Neben einem guten Viertel (gerade die letzte Passage der Platte lässt kaum legendäres nachwirken; dazu gesellt sich die She-Verneigung Hot Hot Hot!!!, die sich gefühlt zu nahe Ice Ice Ba…Antother One Bites the Dust müht) und einem ebensolchem sehr guten ist über die Hälfte der Platte mit herausragendem Material immer noch zum puren Verlieben – dafür sorgen alleine schon Instant-Hits für die Ewigkeit a la Why Can‘t I Be You oder natürlich Just Like Heaven, während Nummern a la Catch oder If Only Tonight We Could Sleep nicht mehr aus der Riege der Band-Klassiker wegzudenken sind: Selektiv konsumiert kann Kiss Me, Kiss Me, Kiss Me knapp Geniestreich gehört werden (- und der reinen Vollständigkeit halber: Wertungstechnisch wären wir spätestens ab hier in dieser Liste schon im 8/10-Bereich). Insofern wird es zwar nur vernünftig gewesen sein, dass Smith seinen Plan von einem Triple-Album auf Anraten von Freunden und Familie aufgegeben hat. Interessant zu hören wäre es aber sicher gewesen.

The Cure - Seventeen Seconds08. Seventeen Seconds

Veröffentlichungsjahr: 1980
Besetzung: Robert Smith, Lol Tolhurst, Simon Gallup + Matthieu Hartley
Produzenten: Robert Smith + Mike Hedges
Spielzeit: 36 Minuten

Nach frustrierenden Erfahrungen um Three Imaginary Boys hat Smith nunmehr alle kreativen Zügel weisungsberechtigt in der Hand und führt das Zweitwerk seiner Band (nun offiziell dabei: Simon Gallup statt Michael Dempsey und dazu Keyboarder Matthieu Hartley) damit zu einem bedeutend runderen Ergebnis, das geduldig auf weitschweifenden instrumentalen Passagen atmosphärischer ausgelegt ist, als das Debüt (und sich genau genommen sogar homogener anfühlt als der direkte Nachfolger, weil hier selbst ein Tanzflächenfüller wie Play for Today ohne Bruch im Gesamtwerk aufgeht). Alles treibt elegischer im Gothic-Flair durch den Wave Rock und die postpunkigen Ausläufer der bisherigen The Cure-Geschichte: famos!
Obwohl man für die exaltierte Seite der neuformierten Gruppe mit Cult Hero ein eigenes Ventil findet, gibt es in Form des joggenden A Forest den tatsächlich ersten chartechnisch messbaren Erfolg für die Briten. Dass der kühle Sound dem Schlagzeug die distanzierte Ästhetik einer Drum-Machine verleiht, kann man dagegen zumindest als ambivalentes Charakteristikum der kühlen Höhenlastigkeit empfinden. So wirklich negativ hängen bleiben will an der Keimzelle der Identität von The Cure aber noch nicht einmal der Vorwurf, dass nachfolgende Alben den hier gewählten Weg noch eindrucksvoller beschritten haben.

07. The Head on the Door

Veröffentlichungsjahr: 1985
Besetzung: Robert Smith, Lol Tolhurst, Porl Thompson, Simon Gallup + Boris Williams
Produzenten: Robert Smith + David M. Allen
Spielzeit: 38 Minuten

In Summe mag Kiss Me, Kiss Me, Kiss Me mehr von diesen unsterblichen Hits für die Ewigkeit bieten, wie sie dieses sein Vorgängeralbum bereits zumindest in Form der beiden immer wieder neu entwaffnenden Schönheiten In Between Days und Close to Me parat hatte – als Ganzes ist besagtes The Head on the Door (als das bis heute erfolgreichste Werk der hier erstmals offiziell als Quartett firmierenden Band im Vereinigten Königreich) aber das rundere (oder zumindest kompaktere) Album.
Dabei gibt sich The Head on the Door bewusst sprunghaft und abwechslungsreich, hat nicht umsonst Dare und vor allem Kaleidoscope als die Leitkegel der Inspiration vorgegeben: Erstmals komponiert Smith alleine und ohne stilistische Scheuklappen, nimmt damit von Orientalik über Flamenco-Ideen, Swimming Horses-Reminiszenzen (Six Different Ways) und Saxophon-Perfektion von den Fools Dance-Blutsbrüdern (A Night Like This) oder Postpunk-Nebensächlichkeiten (Screw) alles mit, was es zu tollen Popsongs braucht.
Einziges wirkliches Manko an diesem eher wie ein ohne übergeordneten Spannungsbogen auskommenden Einzelsong-Potpourri funktionierenden Werk ist dann, dass der Kyoto Song für den Spielfluss doch ziemlich deplatziert wurde und das Momentum zu sehr ausbremst. Doch auch so gilt: für unbeschwerte Tage gibt es ziemlich sicher kein schöneres The Cure-Album als The Head on the Door.

06. Wish

Veröffentlichungsjahr: 1992
Besetzung: Robert Smith, Simon Gallup, Porl Thompson + Boris Williams, Perry Bamonte
Produzenten: Robert Smith + David M. Allen
Spielzeit: 66 Minuten

Das Album nach dem – zumindest für einen Großteil der Fans – ultimativen The Cure-Album ist bezeichnenderweise das lange Zeit erfolgreichste der Band (und außerdem das letzte mit Drummer Boris Williams; Porl Thompson – der zu diesem Zeitpunkt bereits längstens der Schwager von Robert Smith ist – wird danach eine Pause einlegen und neu dabei ist Perry Bamonte, der mutmaßlich dem funky aus dem Rahmen fallenden Wah-Wah-Stück Wendy, dem exzessiven Cut oder dem heavier zur Psychedelik tendierenden End subjektiv nicht unbedingt vorteilhaft seinen Stempel aufdrückt) – das liegt natürlich vor allem an (dem eigentlich aus einem Studio Unfall geborenen, unkaputtbaren Evergreen) Friday I’m in Love und auch dem liebenswürdigen Ohrwurm A Letter to Elise.
Aber auch sonst hängt der Himmel hier voller Klassiker mit Konsenspotential. Mit Mesmerise von Chapterhouse und Human von The Human League als von Smith anvisierte Referenzwerke findet Wish trotz immer wieder eingestreuter alternativerockiger Schwerpunkte generell zu einem vergleichsweise luftiger, leichteren Grundton, obwohl der Schwermut natürlich geblieben ist (wie groß ist bitte alleine das bedrückend bedächtige Apart?) und eigentlich leicht verstimmte Instrumente die Platte zu einer wohligen Komfortzone machen, die mit einigen der superben B-Seiten und einem stimmigeren Sequencing noch grandioser ausfallen hätte können. Auch so ist Wish aber eines der Alben, die in manchen Momenten auch an der Spitze dieser Liste stehen dürfen.

05. Faith

Veröffentlichungsjahr: 1981
Besetzung: Robert Smith, Simon Gallup, Lol Tolhurst
Produzenten: Robert Smith + Mike Hedges
Spielzeit: 37 Minuten

Ohne den ausgestiegenen Matthieu Hartley, mit dem sich Smith, Tollhurst und Gallup nicht auf die weitere stilistische Ausrichtung von The Cure einigen konnten, hat Album Nummer 3 erst mit Anlaufschwierigkeiten zu kämpfen (Smith wollte, dass die neuen Songs „funereal“ klingen, aber mokierte dann „they just sounded dull„), doch nachdem die Band nach einigen Aufnahmelocation-Wechseln im Morgan Studio sesshaft wird und dort einen Großteil der (teilweise von Gormenghast inspirierten, auch religiös geprägten) Songs schreibt, entsteht grandioses. Konsequenter fühlen sich The Cure sichtlich noch wohler im mit Seventeen Seconds erschlossen Raum, agieren noch selbstsicherer. Die Texte wirken bildintensiver (alleine die Zeile „Whisper your name in an empty room“ ist unsterblich!), der Sound wird durch die erstmals eingesetzte sechssaitige Bassgitarre noch markanter und ikonischer, vor allem aber ist das Songwriting überragend, gerade ab der Mitte der Platte: das ambiente All Cats are Grey kommt als Novum im Katalog ohne Gitarren aus (die wandernde Percussion im Hintergrund zu verfolgen ist dabei übrigens ein hypnotisches Vergnügen), das getragene The Funeral Party taucht mit pastoraler Würde in ein Meer der Melancholie, bevor die sedativ beschwörenden Zeitlupen-Dringlichkeit von The Drowning Man subversiv aufwühlt und der Titelsong alle Hoffnung verliert.
Die beiden in den Verlauf eingestreuten tanzbaren Uptempo-Songs Primary und Doubt sind als Nachhall der Cure-Anfänge sicher toll und hinsichtlich der dynamischen Absichten auch nachvollziehbar, wirken aber doch irgendwo einfach deplatziert für die übergeordnete Vision. Da fügt sich der halbstündige Carnage Visors-Soundtrack doch stimmiger an dieses oftmals unterbewertete, aber absolut meisterhafte Drittwerk an.

04. Pornography

Veröffentlichungsjahr: 1982
Besetzung: Robert Smith, Lol Tolhurst, Simon Gallup
Produzenten: Robert Smith + Phil Thornalley
Spielzeit: 44 Minuten

Ginge es in dieser Liste alleine darum das per se wohl beste The Cure-Album zu küren, wäre Pornography als nahezu perfekt destillierter Zenit der depressiven Goth-Ader wohl auf dem ersten Platz gelandet: Ein Album wie die tonale Entsprechung des Zitats von Nietzsche über den Abgrund in den man blickt, schlägt der Nihilismus dieser acht schwarzen Songlöcher von der ersten Zeile an („It doesn’t matter if we all die“) unumwunden in seinen Bann und hat bis heute nichts von seiner verstörend-abseitigen, kargen Anziehungskraft verloren.
Nach den Vorboten Charlotte Sometimes und mehr noch dessen B-Seite Splintered in Her Head befindet sich Smith Anfang der 80er jedenfalls in einer destruktiven Abwärtsspirale, aus der es für ihn laut Eigenaussage nur zwei Auswege geben kann: Suizid – oder all die negativen Gefühle in einen Behemoth von einem Album zu verpacken, der „the ultimate ‚fuck off‘ record“ sein sollte, bevor der damals 23 jährige den Stecker der Band ziehen wollte.
Zu einer endgültigen Implosion der Gruppe (in der Tolhurst letztmals als Drummer und erstmals in der Metamorphose zum Keyboarder agiert) wäre es auch so beinahe gekommen, zumindest der ersten Phase der Band wird hiermit aber tatsächlich, wie in entsprechender Literatur prolongiert, der Pfahl durchs Herz getrieben: Smith und Co. schaufeln sich bei den enorm intensiven Aufnahmen mit Produzent Phil Thornalley (der neben seinem folgen sollenden Kurzzeit-Engagement als Gallup-Ersatzman am The Cure-Bass vor allem als einer der Songwriter von Torn bekannt ist und außer Pornography tatsächlich nur Singles betreut hat) Drogen und Alkohol ohne Ende hinein, verlieren am egomanischen Verhalten praktisch alle Freunde und reiben sich (spätestens auf der darauffolgenden Tour) an (den den Psychedelic Furs nacheifern wollenden) Songs auf, deren hämmernde Archaik kalt und unbarmherzig und selbstkasteiend ist, mit maschineller Strenge sowie martialischer Präzession arbeitet und die wenigen verführerisch gefährlichen Melodien stets ein wenig aus dem Leim gehen lässt, bis sich die Tiefenwirkung in halluzinogenem Verlangen suhlt. Vielleicht nur deswegen auf Platz 4 in dieser Liste, weil man die nachfolgenden drei Alben einfacher auflegen kann, sie einfach öfter gelaufen sind. Pornography ist jedenfalls absolut ikonisch, ein pures Meisterwerk!

The Cure - Bloodflowers03. Bloodflowers

Veröffentlichungsjahr: 2000
Besetzung: Robert Smith, Simon Gallup + Perry Bamonte, Jason Cooper, Roger O’Donnell
Produzenten: Robert Smith + Paul Corkett
Spielzeit: 64 Minuten

Das elfte Studioalbum der Band fungiert als Abschluss einer gemeinsam mit Pornography und Disintegration gebildeten Trilogie und erlaubt sich trotz herausragender Songs wie Where the Birds Always Sing oder The Last Day of Summer wie keine Singles (wozu es einige nette Anekdoten gibt, wie Smith die Favoriten der Plattenfirma für potentielle Auskoppelungen kurzerhand aus seinem prolongierten Lieblingswerk entfernt).
Durchaus nachvollziehbar. Denn auch wenn vor allem Maybe Someday anmuten, als wären sie aus einer fluffigen Sommerpop-Playliste direkt aus dem nebelverseuchten Silent Hill erträumt, dehnt sich das (von Produzent Paul Corkett, der in seiner überschaubaren Vita auch Platten von Biffy Clyro, Placebo oder The Cooper Temple Clause verantwortet hat, betreute) Material rund um den schlichtweg plättenden Leviathan Watching Me Fall akustisch oft schwergängig und geduldig, betont monolithisch, macht vom erschütternd traurigen Opener Out of This World weg schon auch ein bisschen dort weiter, wo bereits die B-Seiten von Mint Car hinwollten – nur weitaus überwältigender und kompletter: Bloodflowers lebt von der übergeordneten Stimmung einer puren, zumeist unaufgeregt getragenen und so elegant schwelgenden Melancholie. (Die man selbst auch immer als erste Liebe zur Band mit sentimentalen Erinnerungen aufwiegen wird).
Eine bis dahin in einem wunderbar homogenen Fluss befindliche Platte franst zwar im letzten Drittel ein wenig aus – primär, weil das letztendlich schön aufgelöste Juwel The Loudest Sound die bis dahin subtil in den Kontext eingeflochtene Elektronik dominanter pluckern lässt – und damit wie auch die übrig gebliebenen Outtakes Possession und Spilt Milk deutlicher bei den ersten, letztendlich weitestgehend komplett verworfenen und stilistisch noch konträren „Hard-Elektro-Pop„-Entwürfen zu Bloodflowers verortet ist, während auch wie die beiden rockiger angelegten Nummern 39 sowie das optionale Coming Up ein klein wenig as dem Rahmen fallen). Doch das schadet der aus der Zeit gefallenen, unendlichen Sehnsucht dieses Zauberwerks kaum.

The Cure - The Cure 02. The Cure

Veröffentlichungsjahr: 2004
Besetzung: Robert Smith, Simon Gallup + Perry Bamonte, Jason Cooper, Roger O’Donnell
Produzenten: Robert Smith + Ross Robinson
Spielzeit: 71 Minuten

Ross Robinson hätte ein anderes Album aus The Cure gemacht als Robert Smith es letztendlich veröffentlichte: Die Band hatte mit dem gerne auf seine Nu Metal-Pioniertaten reduzierten Produzenten laut Eigenaussage insgesamt 20 Songs live im Studio aufgenommen (5 davon bleiben laut bis heute unveröffentlicht, wobei drei davon laut Smith die depressivsten seien, die er je produziert hat) – was sich so rechnerisch angesichts der tatsächlich veröffentlichten Nummern weder ausgeht, noch mit den Archiven deckt. Noch mehr Spekulationsraum: Ross will die acht längsten davon, „all the big, dark, dismal songs“ aneinanderreihen – Robert dagegen setzte auf eine kurzweilige Stafette aus schroffen Rock- und Popsongs, die im überlangen The Promise gipfeln und (zumindest abseits von Nordamerika) im gefühlten Bloodflowers-Nachhall Going Nowhere versöhnlich verabschieden. All die plattenfirmenbedingt zirkulierenden verschiedenen Tracklisten des Albums ignorierend gab Smith lapidar zu Protokoll: „The fact is, I make the decisions. He made his own album: he’s burnt his own CD called The Cure, ‚cos he thinks that I’m wrong.“
Smith lag wohl nicht falsch. Und dennoch ist das selbstbetitelte Album für viele Jünger der Tiefpunkt der Diskografie, ziemlich sicher sogar das wohl meistgehasste in Fankreisen und es scheint mit zumeist schockiertem Unverständnis konfrontiert zumindest stets Rechtfertigungsbedarf zu bestehen, wenn man The Cure nicht nur mag, sondern es sogar absolut innig liebt.
Der heavier aufgerauhte Sound steht der Band (und vor allem Jason Cooper) aber auch so dermaßen hervorragend; das Material – in der „richtigen“ Trackliste – ist ausnahmslos erstklassig und hat Hits a la The End of the World ebenso selbstverständlich im Gefüge wie psychedelische Attacken (Labyrinth), todtraurigen Pop (Before Three) und Ohrwürmer die jedem Kind gefallen sollten (Taking Off) oder flehende Fiebertraum-Großtaten der Marke Anniversary. Richtig grandios wird es gar, wenn Robinson das Ambiente schafft, um die wütende Katharsis gar über das Songwriting zu stellen (wie etwa in Lost oder dem aggressiven Ventil Us or Them).
Vielleicht ist es unabdinglich, von der im Sommer 2004 jeden einzigen Ton mit soviel verzweifelter Intensität in die Hirnwindungen gefräst habenden Platte zum richtigen Zeitpunkt der Adoleszenz oder musikalischen Sozialisierung erwischt worden zu zu sein, um eine derartig vorbehaltlose Begeisterung verstehen zu können. Doch Tatsache ist, dass The Cure hier auch auf der Poleposition thronen dürfte.

The Cure - Disintegration01. Disintegration

Veröffentlichungsjahr: 1989
Besetzung: Robert Smith, Simon Gallup, Lol Tolhurst, Porl Thomson + Boris Williams, Roger O’Donnell
Produzenten: Robert Smith + David M. Allen
Spielzeit: 72 Minuten

So händeringend man erklären zu müssen meint, warum The Cure das Lieblingsalbum in einem beispiellosen Kanon sein kann, ist es im Umkehrschluss eigentlich absolut selbstverständlich, dass Disintegration in all seiner monomentalen, majestätischen Grandezza von der Top-Position ragen muss.
Kurz vor seinem 30. Geburtstag wird Smith, der sich als Mainstream-Star missverstanden fühlt und in LSD und sonstigen halluzinogenen Drogen förmlich ersäuft, von heftigen Depression gepeinigt und steigert sich in das Verlangen hinein ein (wir alle wissen spätestens nach Pornography: weiteres!) ambitioniertes Meisterwerk aufnehmen zu müssen, das die Perspektive auf die Pop-Erfolge der Vorgänger mit einer Rückkehr zur introspektiven Goth-Ästhetik gerade rückt und etwas ultimatives, überlebensgroßes beschwört. Er will dafür die destruktive Stimmung des Entstehungsprozesses von Pornography zurückholen, legt seinen Kollegen gegenüber ein manisches Schweigegelübde ab und ignoriert, dass alle außer ihm eigentlich eine gute Zeit bei den Aufnahmen haben – nur die mit allen Mitgliedern Reibung provozierende Alkoholsucht von Lol Tolhurst führt nach dem Abschluss der Aufnahmen zu dessen Rauswurf aus der Band.
Dass sich Smith nicht an diesem erzwungenen Kraftakt verhebt, sondern wahrhaftig das Monument kreiert, nach dem es ihn verzehrt, ist im Grunde ein Wunder – wie auch die wunderbare  Musik dieser Platte, jedes Mal aufs Neue
Disintegration ist von der ersten Sekunde des so mächtigen, so großen Kitsch-Meeres Plainsong weg monolithisch und majestätisch, erzeugt unmittelbar eine atmosphärische Sogwirkung, die so reichhaltig fesselnd schlichtweg beispiellos ist – und bis heute unerreicht bleibt, egal wie viele Myriaden an Epigonen sich an ähnlichem versucht haben.
Smith reicht mit Annäherungen an seelenstreichelnde Popformate in purer Romantik mit Pictures of You oder Lovesong (und freilich auch Lullaby) die Hand, doch dahinter wartet die epische Tiefe solcher getragener Dramen wie Prayers for Rain oder das nautisch so ruhig ergreifende The Same Deep Water As You, derweil an sich unscheinbare Stücke wie Closedown die eigentliche Magie des Albums verdeutlichen: The Cure mögen anderswo noch überwältigendere Einzelsongs geschrieben haben, als Ganzes ist Disintegration aber unerreicht, weil das Gesamtwerk so viel mehr ist, als die Summe seiner berührenden Teile – und diese Dichte gerade in der zweiten Hälfte eine homogene Geschlossenheit erzeugt, die wie ein Tauchgang in eine transzendentale Erfahrung hypnotisiert. Eines der schönsten Alben der Geschichte.

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