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Hayley Williams – Flowers for Vases Descansos

Hayley Williams - Flowers for Vases Descansos

Indie Folk und zurückgenommene Singer Song-Kleinode, wie Self Serenade ihn vorweggenommen hat: Hayley Williams verpasst Flowers for Vases / Descansos ästhetisch eine klare Linie, findet inhaltlich unkonkret aber nicht in die Spur.

Natürlich ist das Zweitwerk der 32 Jährigen eine direkte Reaktion auf ein isolierter gewordenes Leben zu Pandemie-Zeiten, aber mehr noch auf das Wesen des erst wenige Monate alten Debütalbums der Paramore-Frontfrau.
Wir erinnern uns: Wo eben jenes Petals for Armor mit seinem sprunghaften Compilation-Charakter den Abwechslungsreichtum auf ein Podest hob, stellte dies jedoch auch einen inhomogenen Charakter des Songsammelsuriums in die Auslage. Dazu kam ein markantes Gefälle aus einigen wenigen absoluten Ausnahme-Nummern und zu viel Masse im Füllwerk, weswegen gekürzte EP-Formen dem Material einfach besser gestanden hätten (haben).
Flowers for Vases / Descansos setzt konträr dazu an, verfolgt eindeutig einen stilistisch fokussierteren Ansatz: weitaus intimer und verletzlicher, sparsam inszeniert und ruhig veranlagt genügen oft eine Gitarre und Williams‘ bittersüße Stimme als Basis-Katalysator. Dazu schmücken zurückgenommene Elemente wie subtil ausstaffierte Piano-Akkorde und noch seltener akzentuierter Schlagzeug-Einsatz die nuancierten Arrangements aus. Das macht Flowers for Vases / Descansos ganz allgemein zu einem weitaus homogeneren Album. Im Umkehrschluss gibt Williams allerdings auch einen Gutteil der pointierten Spritzigkeit auf, die das extrovertierte Potpourri Petals for Armor in seiner Schwankungsbreite dennoch stets zu einer kurzweiligen Angelegenheit machte.

Gravierend ist dies deswegen, weil die Amplituden in der Qualität nunmehr ausgewogener sind. Was bedeutet, dass Williams zwar grade in der ersten Hälfte einige gute Ohrwürmer gelingen (allen voran das rhythmisch verspiele, stacksend-lauernde und catchy abgedämpft jubilierende My Limb sowie die leise zur Hymnik tendierende Aufbruchstimmung des den Refrain bei Biffy Clyro adaptierenden Trigger), diese Griffigkeit aber eher unverbindlich aus einem Fluss aufzeigen, der stets „nur“ verdammt angenehm zu hören ist: First Thing to Go schickt eine subversive Aufbruchstimmung wunderbar harmonisch dem Sonnenaufgang entgegen, am Ende fließt ein lounge-jazziges Geklimper weich in die Texturen, ein leichter Rhythmus deutet sich an. Asystole gönnt seiner lockeren Acoustic-Träumerei ruhige und doch beschwingt schimmernde Details im Hintergrund, ein melancholisches Piano schmückt behutsam den vergänglichen Reigen aus, der von einem ätherischen Wellengang verabschiedet wird. Over Those Hills ist liebenswürdiger Gitarrenpop mit unaufgeregt-flottem Beat und traurig-tröstender Färbung.
Allerdings lässt das ungezwungene, gelöste und auch locker sitzende instrumentale Gewand dem Songwriting nicht nur hier stets eine gemütlich-wohlige Unverbindlichkeit durchgehen. Egal ob Songs wie das tranige werdende Geklampfe HYD (gut, das Einstiegmomentum mit dem störende Flieger ist absolut charmant-witzig) nicht von der Stelle kommen oder das dümpelnde Just a Lover irgendwann eine vermeintliche Band die Zügel in Hand nimmt – oft finden sie Stücke nirgendwohin, bringen ihre Substanz nicht erfüllend auf den Boden.

Dazu kommt, dass sich Songs wie No Use I Just Do (die vage im Raum stehende Illusion einer James Blake-Hook), das fragmentarische Find Me Here oder das stimmungsvolle Descansos (ein für das große Ganze redundantes Ambient-Interlude) einfach skizzenhaft anfühlen, bisweilen gar unfertig dümpeln.
In Summe über die knapp 43 Minuten Spielzeit neigt Flowers for Vases / Descansos auch wegen seines zu harmlosen Mittelteils (das Trost suchende Kleinod Good Grief lullt ebenso nonchalant wie Wait On, die hoffnungsvoll auftauende Klavierballade KYRH lässt die Dramatik vage verpuffen) dazu beliebiger zu wirken, als das Album tatsächlich ist. Nicht zäh, aber gefällig plätschernd.
Exemplarisch dafür muß als Mahnmal das autobiographische, latent an Taylor Swift erinnernde Inordinary herhalten, dass praktisch unmittelbar catchy hängenbleibt, aber einfach keinen Impact erzeugt, ohne Spannung jenseits seiner Melodie schlichtweg wirklich schön, aber ebenso öde ist.
Trotz Umjustierungen bleiben die Probleme also im Grunde die selben für Williams: Es fehlt es im Selektionsprozess und dem Finden der richtigen Formsprache (Stichwörter: strenger ausgemistete EPs!) an der nötigen Präzission und Effizienz, um ihr durch einmal mehr aufs betörendste unter Beweis gestelltes Potential voll abzurufen. Denn eigentlich kann Williams ansonsten bisher nahezu alles, was sie auf Solopfaden anpackt. Sie muss nur aufpassen, dass die Endresultate nicht ins frustrierende kippen.

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