Kanonenfieber, Mental Cruelty [12.03.2026: Orpheum, Graz]
In dieser Größenordnung des Metal-Zirkus gibt es aktuell wohl kein imposanteres Spektakel als die Live-Shows von Kanonenfieber. Ganz ohne Übertreibung. Das unterstreichen Soldatenschicksale im längst ausverkauften Orpheum.
Was uns gleich eingangs zum einzigen Schönheitsfehler des Abends bringt: Das Orpheum mag soundtechnisch über jeden Zweifel erhaben sein, und auch sonst alle Voraussetzungen erfüllen, um die aus allen Rohren feuernden Inszenierungen der deutschen Gäste umzusetzen.
Dennoch ist die Location-Wahl insofern ein Krampf, weil durch die stufenweisen Erhöhungen vor der Bühne im Zuschauerraum einfach alle Pit-Ambitionen oder sonstigen flotteren Bewegungen zum relativen Scheitern verurteilt sind. Was besonders Mental Cruelty als Opener zu spüren bekommen: Der sinfonisch vom Band unterstützte Melo Black Metal/ Deathcore der Karlsruher prallt in all seiner Opulenz zwangsläufig auf ein komplett statisches Publikum.

Zumindest eingangs.
Denn Frontmann Lukas Nicola lässt nicht locker, er will unbedingt Stimmung im Raum sehen. Zwischen tadelnden Worten und einem Abfeiern der Zustände („Graz! Was für ein Metal-Name!“ oder „Graz! Ihr seid einfach saugeil!“) wirft er sich mit Nergal‘scher Dynamik in Posen, während seine Band im fetten Sound samt visueller Dominanz praktisch Millimeter um Millimeter erobert – und das Publikum spätestens bei Ultima Hypocrita auch tatsächlich kriegt: Derweil zwei komplett besoffene Vollpfosten von der Security abgeführt werden, bildet sich auf der anderen Seite der Menge ein kleiner Mini-Pit, der das Beste aus den Umständen macht und den unermüdlich engagierten Sänger von Mental Cruelty letztlich sogar ein Stück weit auf Händen trägt.
Dass die Band mit Zwielicht endgültig in der ersten Liga angekommen ist, kommt eben nicht von ungefähr – und als Anheizer erledigt die Gruppe über 45 rasende Minuten einen superben Job! Inklusive Feuerzeug-Meer zum schunkelnden Titelsong des aktuellen Langspielers von der Konserve… und der einen oder anderen Erwähnung, wo der Merchstand der Gruppe zu finden ist.


Setlist:
Obsessis a Daemonio
Helheim
King ov Fire
Pest
Ultima Hypocrita
Forgotten Kings
Nordlys
Symphony of a Dying Star

Stichwort Merch: Dass der Hauptact gerade einmal €25 für ein Tour-Shirt verlangt und auch sonst sehr brieftaschenfreundliche Preise für seine Fan-Artikel verlangt, ist in Zeiten wie diesen allemal eine Erwähnung wert – übrigens mit bestem Gruß der Band nach Mailand an dieser Stelle.
Freilich ist dies aber nicht, was für die meiste Begeisterung an diesem Abend sorgt.


Kanonenfieber übersetzen ihr aktuelles, um die etwas redundant wirkenden Soldatenschicksale-Compilation gestricktes Live-Set praktisch alle Lehren von Rammstein bedenkend in einen Kontext, der ein eigentlich nischig erdachtes Projekt längst an die Schwelle des Massenphänomens geführt hat.
Knapp eineinhalb Stunden lang zelebrieren Noise samt Gefolgsleuten dessen Black / Death Metal wie ein opulentes Theaterstück – inklusive (von ebenso schwarz wie die Musiker maskierten Besorgern arrangierten) Szenenwechsel im Narrativ, sowie zahlreicher Requisiten und Kostümen: Es geht vom Front-Outfit im Schützengraben über das Seemans-Gewand am Schiffsbug bis hin zum Grubenarbeiter-Look unter Tags – inmitten von Feuerstößen und Rauch-Fontänen vor einer nimmermüden Licht-Show und Mitmach-Animationen, die sogar relativ bald auch so etwas ähnliches wie eine Wall of Death zustande bringen.
Die Euphorie im Publikum ist jedenfalls von der ersten Minute an spürbar – auch wenn sie sich nicht in einer solch körperlichen Ausgelassenheit ausdrücken kann, die ebenerdige Locations zugelassen hätten.



Weil das Songmaterial von Noise – das seit frühen Brechern a la Dicke Berta durch Songs (Hits und Ohrwürmer, eigentlich!) wie beispielsweise das zweiteilige Füsilier oder Z-Vor eine immer breitenwirksame Sprengkraft bekommen hat – wirklich extrem schmissig und tight gespielt zündet, läuft die Show den Songs an sich aber auch nie als bloße Effekthascherei den Rang ab. Zumindest jeder Refrain wird mitskandiert, das düstere Drama auf der Bühne packt als staunend machendes (irgendwo auch absurd bierernstes dargebotenes) Entertainment.
Soldatenschicksale ist als Gesamtpaket pure Unterhaltung, das durch das kurze Americana-Zwischenspiel Verscharrt und Ungerühmt (komplett reduziert im Duett aus Stimme und Akustikgitarre) sowie den Stimmungsbilder -Interludes die Gleichförmigkeit variabel und kurzweilig mit seinen Geschichten um den 1. Weltkrieg auf ein Podest über die Studioaufnahmen hebt.
Bei einem potentiellen nächsten Gastspiel an der Mur wird man sich insofern wohl nicht über die Location-Wahl ärgern müssen – dann werden Kanonenfieber wohl noch größere Hallen bespielen.
Setlist:
Die Feuertaufe
Dicke Bertha
The Yankee Division March
Die Fastnacht Der Hölle
Der Füsilier I
Der Füsilier II
Kampf und Sturm
Z-Vor!
Heizer Tenner
Die Havarie
Verscharrt und Ungerühmt
Grossmachtfantasie
Menschenmühle
Gott mit der Kavallerie
Panzerhenker
Der Maulwurf
Ausblutungsschlacht











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