Neurosis – An Undying Love For A Burning World
Neurisis, oder: Mit dem aus dem Nichts gekommenen An Undying Love for a Burning World ist Aaron Turner nun tatsächlich Mitglied seiner prägenden Lieblingsband.
Seit sieben Jahren schien die Geschichte der Post Metal-Begründer Neurosis durch den Rausschmiss von Scott Kelly beendet zu sein. Auserzählt war sie angesichts des (seinerzeit viel zu euphorisch mit der Fanbrille betrachteten,) eh ordentlichen, aber gerade langfristig doch recht blass bleibenden Fires Within Fires ja gefühltermaßen sogar schon ein bisschen länger.
Fast zehn Jahre später ist mit einem Schlag alles anders und ein neues Kapitel bereits weit offen: Ohne jedwede Ankündigung ist An Undying Love for a Burning World schlicht und einfach ebenso einfach da, wie Aaron Turner nun so selbstverständlich Teil des Neurosis-Kosmos ist. Sein Einstieg und Dasein fühlt sich nämlich nicht nur absolut natürlich an, sondern sogar regelrecht logisch und angesichts seiner eigenen musikalischen Sozialisierung auch wie der Schluß eines Kreises.
Turner agiert schließlich zu keinem Zeitpunkt als Ersatz für Scott Kelly. Dafür wiegt sein individueller Input einfach zu markant: Überall sind da nun Riffs und diese animalische, roh growlende Stimme. Elemente, die nach Isis klingen und die avantgardistische Urgewalt von Sumac soweit domestizieren, dass sie im Dienst der Neurosis-Sache stehen.
Dies drückt sich in zahlreichen Facetten aus. Und trägt weitreichende Früchte.
Dass sich Turners Stimme im Vergleich zu jener von Kelly etwa viel deutlicher von Steve von Tills Gesang unterscheidet, sorgt etwa nicht nur auf offenkundige Weise für mehr Kontraste in den Vocals an vorderster Front, sondern rückt auch gleichzeitig die Beiträge der restlichen Mitglieder – Dave Edwardson, Noah Landis und dem aus dem Ruhestand zurückgekehrten Jason Roeder – prominenter in den Fokus. Am deutlichsten wird dies in Seething and Scattered, das mit einem ganz neuen Gemeinschaftsgefühl oszillierende Schleifen um eine Punk- Mentalität zieht, seinen Drive perkussiv zu Backing-Shouts in wirbelnden Schüben aufreibt.
Dass sich die Gruppe erstmals seit 1996 auch klangtechnisch ein Stück weit neu – hin zu Turners altem Kumpel Scott Evans – orientieren musste, ist hingegen eine notgedrunge Emanzipation. Wie diese das 64 minütige Ergebnis der Synergie in Summe wohl noch weiter abrundet, steht jedoch sinnbildlich für den ganzheitlichen Ist-Zustand von Neurosis.
Irgendwo in der Spannweite aus Neuanfang und Comeback fühlt sich die Veteranen-Frischzellenkur An Undying Love for a Burning World mehr als alles andere aber von der ersten Sekunde – also der einleitenden Beschwörungsformel We Are Torn Wide Open weg, die einen Heilungsprozess wie einen Leidensweg skandiert – unmittelbar wie ein Neurosis-Album an. Durch und durch. Unbedingt, mit Haut und Haar. Gewissermaßen als harmonisch seine Basis gefunden habendes Kräftezerren um eine Essenz, die neue Impulse nahtlos für spannende Perspektiven in der Vertrautheit assimiliert hat.
Immer wieder stürzen die Songs in elektronisch-ätherische Passagen, grooven rockend um Noise-Schraffuren und lassen neben der spirituellen Heaviness eine bedrohliche, heisere Verzweiflung schreien, die der schwer walzenden Formel ihre Wildheit und Unberechenbarkeit zurückbringt. Einen exemplarisch dynamischen Moloch-Hybrid aus Neurosis und Isis darstellend, vermengen sich beispielsweise in First Red Rays eine bellende Tollwut mit überlegter Contenance und Ruhephasen, die ambient sinnieren, und am Ende nicht einmal einen kurzen Klargesang von Turner ausschließen. Jeder Beteilgte ist gewillt, sich zu entwickeln.
Mirror Deep ist ein entwaffnend walzende Statement in Sachen Post Metal-Kompetenz – Neurosis beherrschen ihr Genre auch aus dem Stand heraus, ohne Rost. Blind wandert nachdenklich zu Kaskaden aus Riffs und einem synthetischen Ruhepuls, als würde The Eye of Every Storm zu In the Absence of Truth finden, gleichsam roh wie melodisch. Die Tragweite der neuen Neurosis ist monumental und direkt. Ein Kontext, in dem Untethered (das wie kompakte Swans poltert und psychedelische Schattierungen mitnimmt) fast schon wie ein zu kurzes, zu wenig plättendes Zwischenspiel vor dem großen (wenngleich nicht an die eigenen ikonischen Messlatten heranreichenden) Finale der Platte anmutet.
Nachdem sich In the Waiting Hours (ruhig und kontemplativ von Slint geprägt) als pastorales Trademark-Machtspiel zelebriert, hämmert Last Light jedoch umso ausführlicher mit Unterstützung von Randall Dunn seinen Finger voll apokalyptischer Unaufgeregtheit in eine eine naturalistische Wunde legend. Stoisch und unaufhaltsam. Um sich der Schönheit und Anmut zu öffnen. Als andächtige Einkehr. Denn der irgendwie optimistische Albumtitel kommt nicht von irgendwo. Man erahnt ritualistische Score-Welten, bevor sich der Ouroboros An Undying Love for a Burning World poetisch in den Schwanz beißt. Es findet zusammen, was zusammen gehört. Auf mehr als einer Ebene. Denn die Geschichte geht weiter, auch wenn sie dafür bis zu einem gewissen Grad eine Zäsur umarmen musste. Unbedingt. „This was now or never.“ sagen Neurosis, und bringen die Attitüde der Kompromisslosigkeit auf den Punkt: „We need this, perhaps more than ever, and we suspect we are not alone.“


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