Protomartyr – Hotel Usona
In Folge der Pandemie schienen Protomartyr vor der Auflösung zu stehen. Sechs kurze Jahre (und das gerne unter Wert verkaufte Formal Growth in the Desert als Zwischenspiel) später erfindet sich die Band für Hotel Usona mit Dave Fridmann nun jedoch kurzerhand ein gutes Stück weit neu.
Joe Casey ist unlängst Vater geworden. Doch davon konnte das sechste Album von Protomartyr auf keinen Fall handeln, wie der Frontmann erzählt: „I’d promised Greg that I wasn’t going to write an album about how having babies is great, or what it’s like to be a father. He was like, “Thank God. Promise me you’re not going to do it.” And I’m glad I didn’t do it. But as I was writing the lyrics, I realized that the reason why I’m as pissed off as I am is because I’ve got a kid. I’d always be a grump about things, but if the world is falling apart and I’m a single bozo, I don’t really care about myself that much. But since having a kid, you start worrying about the future and all that stuff, unfortunately. It’d already been springing up a little bit in the lyrics, and I was like, “Well, I have to reference this at the very end. Maybe Greg will be too tired by then and won’t notice that I’m doing it.”
Bis es im Hotel Usona soweit kommen kann, reibt sich Casey vor besagtem Gitarrist Greg Ahee, (dem sich diesmal selbst übertreffenden) Drummer Alex Leonard und Bassist Scott Davidson aber erst einmal ergiebig dort auf, wo das persönliche politisch wird – und umgekehrt.
Hotel Unisona dekonstruiert den Mythos des amerikanische Traums als inhaltliches Kind seiner Zeit – selten artikuliert Casey seine beißende Poesie so abstrakt und universell, dass sich nicht dechiffrieren ließe, wem er da ans Bein kotzt – und übersetzt die Trademarks der Postpunk-Band dabei in einen neuen Klanglandschaft.
Protomartyr assimilieren den Sound von Dave Fridman, der wie eine indifferent eindringliche Melasse hinter den prägnanten Drums brütet, der neue Einflüsse „from the Middle East and ‘50s exotica“ aufnimmt, und vom Produzenten-Sohn Jon mit allgegenwärtigen Bläser-Arrangements als nahtloser, ideal sequenzierter Fiebertraum angereichert wird. Die Saiteninstrumente transzendieren ihre Konturen, sind flächiger, abrassiver, schwerer und abstrahierter, immer wieder direkt zum ambienten Noise aufgebrochen gar.
Welche Angriffslust und Angst die eingekesselt unter Strom stehenden Protomartyr in diesem Setting mit cineastischem Flair erzeugen, ist beachtlich. Eindringlich und intensiv fesselnd köchelt da eine bedrohlich dräuende Spannung, eine kondensierte Wut und Verzweiflung, die trotz pointierter Ausbrüche und Zuspitzungen grundlegend weniger auf kompakte deutlicheren setzt: Weniger Single-Band waren die noch nie aufs Hits setzenden Nordamerikaner noch nie, indem so nun praktisch komplett auf die prägnanten kleinen Schmissigkeiten zwischen den ausladenderen Reibungspunkten verzichtet.
Das unbedingt homogene Hotel Unisono wird auch deswegen in seiner Ganzheit zu mehr als Summe seiner Teile, doch reihen sich dabei nichtsdestotrotz auch individuell funktionierende Juwelen aneinander.
Das Einchecken in The Old Hotel gleicht einer Traumsequenz in Twin Peaks, die Lounge voller Lavalampen und Anachronismen. Doch die Band galoppiert, wirbelt und poltert schnell ins Hier und Jetzt: „Welcome back to the dream of a rotting mind/ The rooms are half-empty/ The hallways are where you’ll survive/ The boys in the hotel are slovenly drunk on the job/ Their promise of gentle discernment expired“.
Der Traum ist im Trump-Amerika gewissermaßen tot, da macht sich Casey, während seine Band sich voll aufgestachelter Resignation immer wieder für halluzinogene Noir-Schwaden im Jazz-Keller drosselt, keine Illusionen: „The difference this time is there’s no opposition/ The difference this time is all the answers have been farmed“.
Im süchtig machenden, seine catchy Hook subversiv um die Ecke schiebenden Sounds We Cannot Hear leitet der Schlagzeug-Dynamo die beinahe metallisch abstrahierten Saiten an, das Szenario hat etwas filmisch Schwelgendes. Wie ein beruhigendes Schweben über den Dingen mit einem gelegentliches Abtauchen in Häuserschluchten, in denen frustrierende Kämpfe toben. Die Bläser-Arrangements sind dabei in ihrer bildreichen Dramatik punktuell brillant gesetzt. Und wie Casey phasenweise von den Instrumenten überspült wird und sich erst Gehör verschaffen muss, steht sinnbildlich für den Paradigmenwechsel im Klangbild der Band.
Die Gitarren von Converts schimmern mit Math-Glimmer, die Drums hüpfen polternd und zappelig, dazwischen atmet die knisternde Spannung transzendental durch. Exalted Eagles klackert lauernd, bricht aggressiv aus und gibt sich plötzlich wieder weich und sanft, um sich im letzten Drittel wie ein epischer Mexican-Standoff aufzubäumen: „He approves us/ He approves us/ He approves our undertakings“.
Das ruhigere The Knife Dream setzt sich an Klavier, um wie eine Schnittstelle zwischen Nick Cave und These New Puritans in die Lounge eines gespenstischen Gefangenenlagers zu sinnieren. Delirante Bläser und unheilvolle von der Masse assimiliert angefügten Chöre verstärken das Flair einer apokalyptischen Trance, hinter der Feed The Sewer seine Salven als organische Wellen rollen lässt, die wie animalische Ungetüme röhren und methodisch konzentriert ein aggressives Bollwerk formen. Dieses lichtet sich direkt für die herausragende, bestürzend machende Schönheit Lavender – Gospel, die andächtigem erschaudernd einen Himmel voller Phosphor-Munition beobachtet. Näher kommt das Quartett der Gänsehaut nicht.
Third Country flaniert gedrosselt durch eine anachronistische Revue wundersamer Dystopien und findet am Ende eines so stimmungsvollen Narrativs den Swans’esken Alptraum Checking Out. verquer rasselt und rumpelt, lange Zeit mäandert (und wohl auch für den MO der Platte ein wenig symptomatisch verkopft operiert, Casey aber wie versprochen in seiner Rolle als frisch gebackener Vater in die Zukunft blicken lässt.
Wie pessimistisch diese Aussicht jedoch ist, ist die traurige Pointe des Hotel Usona: „But when you were born I knew hope/ Now I can see a path/ And where it goes/ We’ll walk this road together/ Hand in hand while we can/ But you will have to hurry on/ Soon you’ll hurry on alone“.


Kommentieren