Sophia Blenda – Die Summe der Vereinzelung

von am 20. April 2025 in Album

Sophia Blenda  – Die Summe der Vereinzelung

Die Summe der Vereinzelung ist kein Titel, der auf eine „Gemeinsam ist man weniger alleine“-Romantik schließen lässt, sondern die in gehende Fortsetzung der sozialkritischen Ader des 2022er-Solodebüts Die Neue Heiterkeit.

Culk-Frontfrau Sophie Löw drückt damit auf ihrem zweiten Album als Sophia Blenda noch expliziter aus, dass die Grenzen zwischen dem Persönlichen und dem Politischen nicht existieren, wie auch der – nicht hier veröffentlichte – Beipackzettel die konzeptuelle Intention der Platte hervorhebt.
Die Summe der Vereinzelung ist eine Anklage und ein feministischer Weckruf. Wie viele Einzelfälle, müssen es noch werden, damit sie begreifen, das es keine Einzelfälle gibt. Der Albumtitel spricht Bände. Denn was ist die Summe aus den vielen einzelnen Geschichten, als ein gewaltsames System, das FLINTA* und queere Menschen ignoriert, diskriminiert und herabwürdigt. Trotzdem wird den Betroffenen oft gar nicht erst geglaubt oder, wenn doch, keine Bedeutung beigemessen.
Dem will ich mein Album entgegenstellen“, sagt Blenda selbst. „Es beschäftigt mich schon lange, dass weiblich gelesener und queerer Schmerz in unserer Gesellschaft so verharmlost wird. Ich will diese Geschichten erzählen, ohne irgendetwas kleinzureden. Hier wird nichts nebenbei oder am Rande verhandelt. Die Lieder geben den Geschichten den Stellenwert, den sie verdienen. In der Gesellschaft werden diese Situationen, diese Gewalttaten, immer als Einzelfälle abgetan. Aber in Summe ist es ein System. Das soll der Albumtitel zum einen darstellen. Und zum anderen ist es auch so etwas Vereinendes.

Die Summe der Vereinzelung ist als Ganzes tatsächlich noch dichter und homogener in sich geschlossen, als sein Vorgänger. Löw setzt für ihren Protest, der mit Understatement eine melancholische Poesie pflegt und Slogans oder Parolen ausspart,  was die eindringliche Wirkung und Botschaft der bekümmerten Musik umso universeller verstärkt, inszenatorisch vordergründig auf die Intimität ihrer unverwechselbaren Stimme und balladesker Klavierbegleitung, während geschmackvoll akzentuierte kammermusikalische Arrangements das Geschehen begleiten – fast bis zur Gleichförmigkeit.
Die Highlights stechen diesmal weniger deutlich hervor, doch wenn Blenda, die sich nun immer selbstverständlicher Abseits ihrer Muttersprache bewegt (auch, wenn sie auf Englisch nicht den bildintensiven Zauber erzeugt, wie auf Deutsch) bietet ihre Botschaft, wie in Glorify Me als Annäherung an einen Hit, potentiell auch mehr Auftrittsfläche als bisher.

In Mein Horizont stellen die Tasten einen Tauchgang durch verträumt-erhebende Texturen einer elegischen Aufbruchstimmung dar, den Deine Wahrheit bis zu Radiohead weiterdenkt: Das Panorama ist gewachsen und doch sparsamer in Szene gesetzt, derweil man in einen langsam Rhythmus in eine verblassende Trip Hop-Erinnerung gleitet. Auch 70’s Interior könnte ein Bad im Moon Shaped Pool darstellen, das episch getragene Ace hat die Soundtrack-Grandezza von Greenwood.
Man muss während Songs wie Sad Girl Summer aber vor allem auch an Ex:Re denken, obgleich sich der sanfte Strom im Hall beschwörend zur bemühten Popkultur aufbäumt, und die eigenen Maßstäbe daran reibt: „Billie is too intoxicated to be scared/ Lana is born to die and sings women are beautiful when they cry/ Phoebe is hardly feeling anything at all.

Betörender als derart vage adelnde Assoziationen sind allerdings einerseits die schlicht wunderschönen Übergänge, das tolle Pacing und Sequencing des Albums; und anderseits die kleinen Nuancen, die den Reiz des Flusses stets fesselnd halten – wie beispielsweise das Schlagzeug in Wer du nie warst für Kontraste mit einen minimalistischen Jazz-Drive und Stillstand sorgt, derweil Blenda sich irgendwann ganz unbemerkt selbst begleitet.
Ob man in das Zweig’sche Brief einer Unbekannten deswegen gleich den Ausdruck positiver zwischenmenschlicher Zuneigung hineininterpretieren darf, bleibt offen. Wenn BlendaWer nicht leben kann muss träumen/ Wer nicht sprechen kann muss glauben/ Glauben an dich/ Dass du mich siehst/ Dass du mich hörst/ Du mich erkennst, bevor ich still verbrenne“ singt, kann man im beklemmend existentialistischen Schwermut doch ein klein wenig Hoffnung heraushören.


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