The Antlers – Hospice at Ten: Live in Chicago

von am 9. April 2026 in Livealbum

The Antlers – Hospice at Ten: Live in Chicago

2025 markierte für The Antlers veröffentlichungstechnisch ein sehr produktives Jahr. Neben dem verhältnismäßig enttäuschenden Studioalbum Blight waren da schließlich noch die Live-Platten Band Together mit Okkervil River sowie das Jubiläums-Stück Hospice at Ten: Live in Chicago.

Letzteres hat als bestes der drei Releases leider nach wie vor einen frustrierenden Beigeschmack: Physisch zu erstehen ist der nahtlose Zusammenschnitt zweier Konzerte (vom 5. bzw. 6. April 2019 in der Thalia Hall von Chicago) weiterhin nur via Bandcamp – also dort, wo Hospice at Ten: Live in Chicago bereits im Februar des vergangenen Jahres veröffentlicht wurde. Eine Anschaffung für das Plattenregal geht insofern außerhalb der USA weiterhin mit horrenden Kosten einher.
Zumindest auf digitalem Wege haben The Antlers den Zugang zu den 57 Minuten Musik nun jedoch markant vereinfacht, indem sie auf allen gängigen Streaming-Plattformen bereit gestellt wurden – wodurch wohl deutlich mehr Fans als durch die gerechter enlohnende Exklusivität von Bandcamp erreicht werden.

Stichwort Fans: Nicht zu hören ist auf Hospice at Ten das bei den damalige Shows anwesende Publikum. Kein Applaus oder Jubel haben ihren Platz im Mix gefunden, sowieso keinerlei Interaktion zwischen Hörerschaft und Musikern. Dass zwischen den Nummern andächtige Stille herrscht, passt allerdings perfekt zur Ästhetik der Live-Interpretationen des Materials. Peter Silberman (Vocals, acoustic guitar) und Michael Lerner („Snare drum“) bringen die zehn Stücke ihres dritten Studioalbums mit Hilfe von Tim Mislock (Electric guitar, vocals) nämlich in absoluter Reduktion und bedingungsloser Ruhe auf die Bühne.

Symptomatisch dafür zieht sich beispielsweise der Refrain von Sylvia nun komplett in die behutsame Intimität zurück, statt wuchtig aus sich heraus zu gehen und Bear gleitet in einen vollkommen unaufgeregten Drive, während das phasenweise elaborierte Instrumentarium der Originale nun einem bedächtig akzentuierten Minimalismus gewichen ist, der die Fragilität der Kompositionen betont.
Emotionen kochen im direkten Vergleich zum 2009er Werk nicht so über, sondern sind subversiver gedacht. The Antlers haben gewissermaßen eine nahezu altersmilde Perspektive gefunden, die sich unspektakulärer und heimlicher wohl fühlt.

Wodurch Hospice at Ten: Live in Chicago als praktisch eigenständiges Erlebnis essentiell für den Fan wird. Und das man wahlweise in bestimmten Momenten womöglich inniger ins Herz schließen kann, als Hospice an sich. Pflegen die Kompositionen hier doch ganz andere Amplituden und Intensitäten, sind persönlicher, zerbrechlicher, sanfter ergreifend, in sich geschlossener und ja, vielleicht sogar schöner, als ihre Vorlagen. Allerdings, gerade in Summe, auch spürbar gleichförmiger und weniger überwältigend.
Ohne Live-Stimmung und eher das Flair einer sich isolierenden Überarbeitung tragend, funktioniert so wie eine alternative Welt, in der die heimelige Melancholie ein klein wenig tröstender, nicht aber weniger schmerzhaft ist. (Nur weil die Studioversion sich unsterblich eingebrannt hat, und damit vermeintlich schwerer wiegt, wird dann abschließend bei der Bewertung nicht aufgerundet).

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