Ulver – Neverland
Neverland sieht doch ein wenig wie eines jener AI-Alben aus, mit denen man sich immer wieder auf Spotify herumschlagen muss, oder? Ein bisschen klingt es jedenfalls auch tatsächlich so. Wobei letztlich alles halb so wild ist.
Auch den beiden (nach dem Ausstieg bzw. Tod von Tore Ylwizaker) nur noch zu zweit weitermachenden Wölfe Kristoffer Rygg und Jørn H. Sværen scheint klar geworden zu sein, dass Ulver mal wieder einmal eine stilistische Kurskorrektur vornehmen mussten. Schließlich war Liminal Animals nach The Assassination of Julius Caesar (2017) und Flowers of Evil (2020) eine Enttäuschung, die einerseits nahelegte, dass es sich die Norweger in der Synthwave-Nische einfach zu bequem gemacht hatten, und der andererseits die Art der Veröffentlichung zusätzlich geschadet hat – als stückchenweise veröffentlichte Quasi-Single-Compilation wollte das 2024er-Album einfach kein rundes Ganzes ergeben.
Neverland kehrt der Ausrichtung der drei vorangegangenen Alben (inklusive Scary Muzak von 2021) nun nicht den Rücken, ist aber eine Fortsetzung an dessen weniger konventionellen Ausläufern.
Vor allem das poppige People of the Hills Ulver klingt wie ein Überbleibsel der auf ATGCLVLSSCAP folgenden Karrierephase. Speziell hier wartet man (in einem bis auf ein paar verfremdete Samples rein instrumental gehaltenen Album) nämlich die ganze Zeit darauf, dass Rygg endlich gesanglich einsteigt, um eine solide Steilvorlage an der Hand zu nehmen. Doch die wie ein ausformulierter Rohbau wirkende Musik bleibt unverbindlich, läuft die zwingenden Ideen umschiffend gefällig dahin, drosselt hinten raus nur das Tempo und schnipselt eine Frauenstimme als Facette in das Geschehen.
Eine derart reibungslose Zugänglichkeit ohne wirklich erfüllende Auflösung ist symptomatisch, auch wenn sich das homogene Spektrum leicht verschoben hat, indem Ulver die nachhallenden Elemente der jüngeren Vergangenheit grundsätzlich in ein locker eingefangenes Spektrum aus ambienter Progressive Electronic und relaxten IDM-Klangtapete, bei der man an die Berliner Schule, Vangelis oder Tangerine Dream denken darf, weiterwinken.
Hinter dem sinnierenden Intro Fear in a Handful of Dust gleitet das Piano von Elephant Trunk in einen kontemplativen Beat, eine gepitche Stimme ist Teil der Programmierung und lässt trotz eines latenten Chipmunks-Flairs Melancholie zu. Die kosmische Zeitlupe Weeping Stone pflegt ein wundersames Stranger Things-Funkeln in der pluckernden Kristallhöhle und They’re Coming The Birds wird mit einem minimal dominanteren Post Punk-Bass nuanciert. Die traumwandelnde Club-Seance Hark! Hark! The Dogs Bark übergibt den Staffelstab relativ unvermittelt an den dunkler wogenden Stillstand Horses of the Plough, dessen dezente Sehnsucht eine seltsam hoffnungsvolle, spirituelle Wärme ausstrahlt, aber auch nicht ganz kaschieren kann, dass der Spannungsbogen des Albums wohl für zwei Vinyl-Seiten arrangiert halbwegs funktioniert, im digitalen Zeitalter jedoch zur Mitte hin auch zu ziellos etwas an soghaftem Momentum verliert.
Trotzdem ist die zweite Hälfte von Neverland die (noch) stärkere.
In Pandora’s Box blinken die Schaltkreise sinister, derweil im Untergrund eine leise, zurückhaltende Percussion für Unbehagen sorgt, bevor die Nummer entspannt im Massive Attack-Trip Hop aufgeht. Quivers in the Marrow sieht retrofuturistische Blade Runner-Städte als vage Skyline aus einem sphärischen Spa heraus mit pastoralen Interferenzen plätschern – und bleibt wie so vieles hier an der Kippe von der vielversprechenden Ausgangslage zum restlos gelungenen Song stehen. Ästhetisch ist das alles nämlich absolut einnehmend und angenehm zu konsumieren, begleitet mit einer fast meditativen Nonchalance nebenbei, doch bleibt das Geschehen auch latent generisch, harmlos und risikofrei. Eine Art leidenschaftsloser Reiz verzichtet auf Experimente – stimmungsvoll, aber vermeintlich auch zu höhepunktslos. Würden nicht Ulver als Urheber des gefühlten Scores eingetragen sein, würde das wohl weitaus weniger Aufmerksamkeit generieren – entlohnt wird die Loyalität der Band gegenüber durch eine subversiv fesselnde Nachhaltigkeit, man taucht gerne in diesen Kosmos ein. Erst passiv, doch auch aktiv gibt jeder Durchgang neue Aspekte preis.
Und ganz am Ende generiert die Band in diesem Kontext auch noch die interessanten Szenen der Platte – wenn auch weiterhin eher (selbst)referentiell als für sich stehend. Welcome to the Jungle ist der in Sanskrit geschriebene Ladebildschirm für den kommenden Carpenter Brut-Langspieler und Fire in the End als unspektakulärer, griffiger Standard eine Erinnerung an Liminal Animals, das die Coolness besitzt, niemanden etwas beiweisen zu müssen, wenn die Grundidee verführerisch genug ist. Weswegen man (auch ohne Fanbrille) gerade noch aufrunden kann:


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