Whitney – Small Talk

von am 9. November 2025 in Album

Whitney – Small Talk

No Women, again – oder: Max Kakacek und Julien Ehrlich gehen mit gebrochenen Herzen auf Small Talk das Risiko ein, wie gut ein Whitney-Album mit winterlichem Geburtsttermin umgehen kann.

Eine Frage, an die sich die beiden Bandköpfe seit dem Debüt Light Upon The Lake 2016 klammheimlich immer weiter herangetestet haben, indem sie die Releastermine ihrer Platten über Forever Turned Around, Candid und Spark ganz dezent immer weiter aus dem Sommer in den Herbst hinein verschoben haben – und mit ihrem fünften Langspieler nun eben auch darüber hinaus.
Die Antwort darauf gebe auf eine gefällig-universelle Weise, indem Small Talk letztlich im milden Sonnenschein genauso fabelhaft funktionieren wird, wie seine Vorgänger – zuallererst aber mit der wärmenden Decke von einem Opener ans Herz geht.

Silent Exchange beginnt nämlich wehmütig klimpernd und umarmt behutsame Streicher, erschafft im Abschiedsszenario ein Post Credits-Gefühl, als würde man liebgewonnene Cheers-Charaktere dabei begleiten, wie sie die Bar verlassen haben und feststellen müssen, dass es zuhause eben doch am schönsten sein könnte – eine Fantasie aus der heimeligen Einsamkeit und sentimentale Melancholie heraus.
Nicht von ungefähr: Small Talk wurde im Trennungsschmerz von Max Kakacek und Julien Ehrlich geschaffen, die beide plötzlich wieder als Singles dastanden. No Woman, mal wieder also. Was wohl auch für eine gewisse Wurzelbesinnung im Songwriting geführt hat.

Dass die beiden dann auch noch erstmals ohne Stamm-Produzent Brad Cook auskommen mussten, erweist sich hingegen als der Musik entgegenkommender Reifeprozess nach vorne. Whitney zeigen sich als Arrangeure ungemein gewachsen und greifen ihren Sound und Charakter in Eigenregie deutlich authentischer und prägnanter, als auf den beiden schwächelnden Vorgängeralben. Das so retroaffine Spektrum der Band kommt nun besonders akzentuiert und farbenfroh zur Geltung, lehnt sich voller Gefühl für instrumentale Akzente in eine lebendig nuancierte Welt, absolut organisch und natürlich.
Won’t You Speak Your Mind legt sich funky und soulig in den Bee Gees-R&, geschmeidig, wattiert seine Emotionen werden in eine Wohlfühlzone, die keine Katharsis sucht, aber den indiefolkigen Soft- und Yacht-Rock der Band dennoch wieder ursprünglicher auf Schiene bringt.

Die Schönheit von Damage blüht so über einer eleganten Zurücknahme auf, Islands (Really Something) überblickt vom Lagerfeuer den Laurel Canyon und träumt von einem gemütlichen Americana-Roadtrip. Die brillante orchestrale Opulenz in Evangeline erschlägt nicht, sondern fügt sich zweckdienlich in das Panorama (derweil der Gastauftritt von Madison Cunningham aufgerund der relativ deckungsgleichen Stimmlage mit Ehrlich eher redundant bleibt). In Back to the Wind verleihen dominanter ausgeleuchtet Drums der Ästhetik kraftvollere Konturen und der Titelsong flötiert mit einer regelrecht jazzigen Vertracktheit schwofend, die im Kontext beinahe progressiv anmutet.
Stichwort Kontext: Den Closer Darling kennt man bereits aus dem Sommer, er bezaubert heute ebenso wie damals. Außerdem schließt er den Rahmen nun im Großen Ganzen sogar noch famoser funktionierend und belohnt das relative Wagnis von Small Talk als Rückkehr zur Form der ersten beiden Langspieler auch mindestens als zweitbestes Whitney-Album bisher.

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