Cowboy Junkies – All That Reckoning

von am 28. Juli 2018 in Album

Cowboy Junkies – All That Reckoning

Was sind schon knapp sechs Jahre Plattenpause für eine derartig zeitlose Band wie die Cowboy Junkies? Trotzdem meldet sich die kanadische Institution anhand von All That Reckoning mit einem der stärksten Alben ihrer Geschichte retour.

Was dann eben auch daran liegt, dass die erste Veröffentlichung der Band um die Timmins-Geschwister seit The Kennedy Suite aus dem Jahr 2013 dezitiert keinerlei Eile kennt und das Spannungsfeld der Cowboy Junkies aus dem Alternative Country, Americana und kontemporären Folkrock auf All That Reckoning vielleicht mehr denn je in den Slowcore und Dreampop (und damit assoziativ hin zu unwirklich-nahverwandten Kombos wie Low) verschiebt.
Es ist jedenfalls schon erstaunlich, wie subversiv, nuanciert und weitestgehend ruhig die 42 Minuten der Platte agieren; wie sehr sie eine niemals gänzlich greifbar werdende Band ablichten, die in ihrer Mitte angekommen ist und dabei jedes exaltierte Ego zurückgenommmen hat, niemanden mehr etwas beweisen muss. Gerade dadurch entwickelt All That Reckoning allerdings auch einen unspektakulären Sog, in einem wunderbar kontemplativen Fluss voller meditativer Anmut, die mit wahrer Größe aus der Zeit gefallen dann und wann durchaus an Nick Cave und seine Bad Seeds denken lässt.

Schon der eröffnende Titelsong etabliert die dafür notwendige Atmosphäre. Der typisch tiefenwirksam entschleunigt Bass von Alan Anton steht im traumwandelnden Dialog mit der sphärischen Gitarre von Mastermind Michael Timmins, dessen Schwester Margot mit unnahbarer Eleganz – Stichwort: „soporific decadence“ – immer über den Dingen schwebt. Dabei bleibt die Nummer körperlos, sogar ohne Tempo, denn Peter Timmins am Schlagzeug beobachtet das Geschehen noch teilnahmslos, verfolgt das Verdichten von ätherischen Soundschichten mit geschlossenen Augen und psychedelisch verschwimmendem Ambiente.
Später wird übrigens noch ein zweiter Part von All That Reckoning auftauchen – diesmal als rockigere Version, die den Saft aus den Verstärkern kitzelt und den Shoegaze dröhnend braten lässt. Auf solch energischere Ausbrüchesetzen  Cowboy Junkies im Verlauf nur selten als zuspitzende Outlaw-Gesten: Ansonsten fällt derart nur noch der gefährlich trocken groovende Ohrwurm Sing Me a Song, das sich wohlwissend im schwülen Ambiente eines nebulösen Roadhouse umblickende Missing Children, sowie Nose Before Ear auf – die skelettierte Rhythmik begleitet einen eigentlich kühlen, aber gleichzeitig seltsam heißblütigen Song, der unterschwellig gen Gallon Drunk brodelt: Jeder Pianoanschlag scheint etwas untröstliches zu haben, doch stellt sich die Band immer wieder auf ihre Hinterbeine.

Besonders in diesen Momenten spürt man die lyrisch auch politisch angeheitzte Stimmung der Platte, doch fallen die rockigeren Phasen nicht aus der Homogenität eines unheimlich nachdenklich in sich geschlossenen Albums, das mit seiner zurückgelehnten Coolness auch gerade jene Art abgeklärter Ausgewogenheit erreicht, die man sich von den jüngsten beiden Platten des Black Rebel Motorcycle Club erhofft hätte: All That Reckoning ist auf geschmeidige Weise stoisch, gefühlvoll, weich und warm – aber dabei niemals gemütlich. Die auf den ersten Blick nur zu leicht zu übersehende Energie und Kraft der Platte ist intrinsischer Natur, das Licht gedimmt und der Vibe sinister. Allerdings ist da durchaus eine gewisse Angriffslust,  über eine eloquent-melancholische Nostalgie artikuliert.
Gerade im Verbund mit seinem subtilen Auftreten verlangt All That Reckoning so durchaus Zeit, um die Klasse seines Songwritings aus der Beiläufigkeit heraus zu offenbaren, entfaltet sein Gewicht diesbezüglich jedoch bei sich darauf einlassender Aufmerksamkeit umso bedeutungsschwerer.

Dann kristallisieren sich neben der Geschlossenheit des Ganzen auch individuellen Highlights hervor. Etwa When We Arrive, das seine Akkorde langsam zur nonchalant antreibende Hi-Hat lüftet und sich romantisch und rotweinschwer zu einer warm-soulig grundierende Orgel bettet. Oder das überragende Mahnmal The Things We Do To Each Other, in dem die Gitarren am Lagerfeuer schrammeln, die Synthies  dezent flimmern und eine ehrwürdige Margot den Song mit eingängiger Melodie zum zeitaktuellen sozialpolitischen Klima trägt: „Fear is not so far from hate/ So if you get the folks to fear/ It only takes one small twist/ To kick it up a gear/ …/ And you can control hate/ But only for so long/ And when you lose control, oh man!
In der so entstehenden Dynamik des Gefüges wiegen sich auch Szenen wie das seinen bittersüßen Wohlklang etwas zu gleichförmig verlängernde Shining Teeth oder ein auf pure Reduktion setzendes Schlußstück (The Possessed überzeugt eher mit der verletzlichen Form seines nackten Wesens, als mit kompositorischer Nachhaltigkeit) nahtlos auf – Cowboy Junkies praktizieren (einmal mehr) längst eine zuverlässige Unfehlbarkeit, die keine markerschütternden Überraschungen benötigt, um abzuliefern.
Auch, wenn es insofern schade wäre, abermals über ein halbes Jahrzehnt auf eine neue Platte der Band aus Toronto verzichten zu müssen: Das unspektakulär-zuverlässige, routiniert positionierte All That Reckoning hätte absolut die konsistente Qualität, um eine abermalige derartige Wartezeit zu stemmen.

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