Mark Pritchard & Thom Yorke – Tall Tales
Der Vorabsong Back in the Game war fast schon ein veritabler Banger. Und damit ein ziemlicher Red Hering für restliche knappe Stunde von Tall Tales, dem Kooperations-Langspieler von Rückkehrer Mark Pritchard und Workaholic Thom York.
Was wie ein Comebackalbum für den seit seinem 2018er-Zweitwerk The Four Worlds weitestgehend aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwundenen Australier anmutet, hat tatsächlich eine bis 2016 zurückreichende Entstehungsgeschichte. Damals bastelte Pritchard nämlich an den ersten Demos von Material, das nun auf Tall Tales gelandet ist, bevor er diese während der Pandemie auf dessen Anfrage mit seinem britischen Kumpel Yorke als gegenseitig formende Beschäftigungstherapie nutzte – immer fokussierter und gar nicht so unverbindlich: Der Radiohead-Frontmann verbot sich etwa den Einsatz von Gitarren und artikulierte betont dystopische Texte, Pritchard tobte sich an einer ganzen Wagenladung an obskuren, analogen Vintage-Synths aus, während er ausschließlich Preset-Drum-Muster verwendete.
Fünf Jahre später, in denen Yorke sich neben etwaigen Soloaktivitäten auch mit The Smile hochprozentig anderswo beschäftigt war, erscheint das Ergebnis dieser Zusammenarbeit nun.
Und vielleicht ist es mit der eingangs skizzierten Hintergrundgeschichte auch nachvollziehbar, warum Tall Tales klingt, wie es klingt – es macht (gerade mit Back in the Game als die Erwartungshaltungen formenden Vorboten) die Sache allerdings nicht besser, fühlen sich die zu langen 61 Minuten der den Pop nur im peripheren Sichtfeld in sein elektronisches Reich einwebenden Platte doch seltsam unfertig an.
Die zwölf Tracks agieren zumeist weder für sich selbst zielführend, noch ergibt die Summe ihrer Teile ein großes Ganzen. Als wäre reichlich Material – das meiste nicht ganz zu Ende gedacht, vieles jedoch ansatzweise fabelhaft – vorhanden gewesen und dieses ohne strenge Selektion oder schlüssiges Sequencing aneinander gereiht worden.
Symptomatisch nimmt sich gleich Opener viel Zeit und Raum… um einfach nicht auf den Punkt zu kommen. Der über achtminütige Opener A Fake in a Faker’s World pulsiert, um die Hi-Hat pluckert und zischt es somnambul. Ein knubbeliger Synth-Bass installiert das Thema und eingängige, nebulöse Gesangsmelodien transzendieren – all dies greift vage ineinander. Ab der Hälfte täuscht die Nummer an loszulassen und auf das krautige Gaspedal treten zu wollen, doch anstelle der Startrampe ins Abenteuer betont das Duo ein antiklimatisches Auslassen der Spannung und Mäandern. Die hypnotische Trance ist das Ziel, der trippige Sog der Weg.
Das passt zum langen, ambienten Übergang zu Ice Shelf, dessen minimalistischer Desintegration Loop-Wellengang den melancholisch aus dem Leim gehenden Gesang phasenverschiebt und auf ätherische, entrückte Weise schön ist. Nicht nur in Bugging Out Again muss man wie so oft an die Flaming Lips auf ihren elektronischen, eklektischen Weltraum-Ambient-Odyseen denken: Pritchard fängt das Szenario vorsichtig ein, setzt einen sparsamen Beat als dezenten Leitfaden für die sphärischen Keyboard-Flächen, wiewohl Back in the Game die Spannung zu diesem Zeitpunkt der Platte dennoch regelrecht überraschend konsequent und prägnant zusammenzieht.
Und eben nur sehr bedingt repräsentativ ist: Der Mittelteil von Tall Tales wird fokussierter, mäandert aber immer noch als ziellos aufgeblähtes Konstrukt. Die selbstbewusste Stärke der Platte, ihr unverrückbarer Nonkonformismus, ist auch ihre Schwäche.
The White Cliffs plätschert auf dem abgedämpften tänzelnden Beat sedativ, würzt eine bisschen Secret Mana-8 Bit-Magie und einen verführerisch tief intonierenden Yorke zu den Ingredienzien, bevor der Sänger für das Songwriting von The Spirit ausnahmsweise die Zügel in Hand zu nehmen scheint, zugänglich nirgendwohin gehend. Hätten die einzelnen Nummern nicht derart lange Anlaufphasen bekommen, die sich separat im Fluss stehend erst aufwärmen müssen, sondern wären in einem nahtloseren Übergang eingeflochten worden, wäre das fabelhaft gewesen – so aber verliert einen die Platte immer wieder über leere Meter.
Die minimalistische, enigmatisch verfremdete Indietronic von Gangsters findet ebenso nicht auf den Punkt, verdient sich aber ihr Rampenlicht als Single und zwischen dem catchy die Hüften verführenden This Conversation Is Missing Your Voice und dem sinnbildlich mäandernden Titelstück (ein Space-Interlude, das mit fünf Minuten doppelt so lange dauert, wie es müsste, nicht wirklich interessant oder fesselnd auf auslaugende Weise im Sprachgewirr berieselt und ausnahmsweise komplett redundant erscheint) fließen die Grenzen ohne wirklichen Kontrast ineinander: die Homogenität ist Trumpf und Achillesferse – doch danach fällt Tall Tales als unausgegorenes Sammelsurium von Einzeltszenen aus dem Rahmen.
Die fluffig marschierende Armee in Happy Days weiß als sozialkritischer Corner Speaker-Satiriker (mit Bibio-Feature, Englischhorn und Klarinette) im salopp-kindlichen Gespenster-Stechschritt auf geradezu willkürliche Weise nicht, was der bedächtige Motion Picture Soundtrack der schunkelnd-schippernden Oboen-Folklore-Zeitlupe The Men Who Dance in Stag’s Heads tut und warum dieser vor dem Epilog Wandering Genie steht, einem choralen Streifen über luzide Wiesen oder elysischer im milden Morgenlicht, das pastoral erlösend einer gleitenden Helligkeit nahekommt – aber am Ende eines Growers von einer Platte nicht kaschieren kann, dass (wo man sich selbst nur mit ein paar kosmetischen Geraderückungen behelfen mag) das strenger selektierende Korsett eines externen Produzenten hier wahre Wunder hätte wirken können.


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