Everything in its Right Place: Radiohead

von am 8. Mai 2016 in Diskografie Ranking, Featured

Everything in its Right Place: Radiohead
© Alex Lake

Die letzten nervösen Stunden vor der digitalen Veröffentlichung des (durch Burn the Witch und Daydreaming sowie wie die Doch-Nicht-Bond-Titelsong-Jetzt-Halt-B-Seite Spectre bereits immens viel versprochen habenden) neunten Studioalbums von Radiohead bieten die Gelegenheit, die bisherigen Langspieler des Quintetts im Rückspiegel zu betrachten und in eine wenig objektive Rangliste zu quetschen. Gar nicht so einfach anhand 8 guter Gründe, wegen derer die Band aus Abington die beste der Welt sein dürfte.

Radiohead - Pablo Honey8.Pablo Honey

Erscheinungsdatum: 22. Februar 1993
Produzenten: Sean Slade und Paul Q. Kolderie
Spieldauer: 43 Minuten
Beste B-Seite: Yes I Am
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Trivia: Von den Produzenten ursprünglich für das Cover eines Scott Walker Songs gehalten, teilen sich Radiohead die Songwriting Credits für Creep mittlerweile mit Albert Hammond und Mike Hazzlewood.

Das Debütalbum der Band fällt schon alleine aufgrund seiner stilistischen Verortung beinahe zwangsläufig an das Ende einer jeden Radiohead-Rangliste: Im Kontext der restlichen Discografie wirkt Pablo Honey wie ein Fremdkörper, der zudem auch noch von der Genialität seiner Nachfolgealben überschattet wird.
Dabei ist das wenig eigenständige Debüt der Engländer alles andere als ein schwaches Werk, sondern als ein erstaunlich gut gealtertes Relikt/Dokument klassischen Früh-90er Alternative Rocks, das dem Grunge von Nirvana zwar zu hörig hinterherhechelt, aber dennoch als potente Initialzündung für Kollegen wie Muse gewertet werden darf.
Einige doch zu generische Standards im Repertoire trüben nämlich kaum das positive Gesamtbild von Pablo Honey, während die Band ihr vielversprechendes Songwriting immer wieder zu knackigen Ohrwürmern steigert: Vom impulsiven You über das strahlend ausgelegte Stop Whispering oder die schmissigen Kompaktheiten Vegetable und Ripchord gelingen sogar bemühte Lässigkeiten wie Anyone Can Play Guitar zu einem Gesamtprodukt, das aus heutiger Sicht vielleicht vernachlässigbar wirkt, aber weiterhin mühelos über den Output der meisten Vertreter der damaligen Ära zu stellen ist. Natürlich auch – aber eben nicht nur – aufgrund von Creep, das als alles überdauernde Hymne geradezu plakativ die Position des Zeitgeist-Hits an sich reißt und das aussortierte Pop is Dead obsolet macht.

Radiohead - The King of Limbs7. The King of Limbs

Erscheinungsdatum: 28. März 2011
Produzent: Nigel Godrich
Spieldauer: 38 Minuten
Beste B-Seite: Staircase
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Trivia: Aufgenommen wurde die Platte in Los Angeles – mutmaßlich in den Räumlichkeiten von Drew Barrymore. Zumindest suggerieren dies die Danksagungen in den Linernotes.

Auch mit 5 Jahren Abstand ist The King of Limbs immer noch eine geradezu ärgerliche Platte der verpassten Chancen. Weil man ihr förmlich anzuhören meint, dass sich die Band diesmal zu sklavisch an das installierte Prinzip der unmittelbaren Veröffentlichungsfreiheit hält, weil die Zusammenstellung der zu aprupt beendeten 38 Minuten überhastet klingt und The King of Limbs vor allem daran krankt, dass es sie sich schlichtweg nicht wie ein richtiges Album anfühlt.
Rund um das willkürlich eingestreut wirkende Quasi-Instrumental-Feral konzentrieren sich Radiohead auf zwei Phasen einer meisterhaften Nabelschau, die erst in so abstrak-akribischen Elektrorockern münden, die nur selten dermaßen aus sich heraus gehen wie die erste Single Lotus Flower, bevor man sich bis zum herausragenden Groover Separator deutlicher auf organische, weniger von Yorkes digitalen Solo-Vorlieben geprägten Ausrichtungen besinnt. Ohne unbedingte Momente der Euphorie oder Ausbrüche zu provozieren, entlässt The King of Limbs in all seiner Klasse jedoch durchaus unerfüllt bis frustrierend, die überragenden Momente fehlen trotz solcher Schönheiten wie Codex einfach.
Music came first, then the lyrics, and the melody came after“ erklärt Ed O’Brien die Herangehensweise und wohl auch große Crux der Platte. Dabei hätte The King of Limbs trotz seiner theoretisierenden Veranlagung tatsächlich riesig werden können – und auch eigentlich müssen. Weil da noch Songs wie das brillant auftrumpfende Staircase oder das aus der Ballade aufstampfende The Daily Mail am köcheln waren, die aber im sich selbst geißelnden Termindruck nicht rechtzeitig bis zum Release fertig wurden, während etwa These Are My Twisted Words (vorerst) vollends auf der Strecke blieb.
Was hier alles möglich gewesen wäre, deutet das nachgeschobene Mahnmal der Basement Sessions an: mit energischerem Sound-Auftreten, bereicherter Trackliste und einer stimmigeren Gesamtdynamik sind die detailierten Kompositionen nicht nur enorm faszinierend, sondern auch schlichtweg mitreißender. Um sich mit dieser durchaus schwierigen Phase der Bandgeschichte auszusöhnen gibt es insofern wohl kein optimaleres Dokument. Dass Radiohead hier ein potentielles Meisterwerk verschenkt haben egalisiert es allerdings nicht.

Radiohead - Hail to the Thief6. Hail to the Thief

Erscheinungsdatum: 09. Juni 2003
Produzent: Nigel Godrich
Spieldauer: 57 Minuten
Beste B-Seite: Gagging Order
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Trivia: Thom Yorke und Jonny Greenwood schrieben Where I End And You Begin bereits 1998 – dem selben Jahr, in dem Salman Rushdie einen Song selben Namens in seinen Roman The Ground Beneath Her Feet schrieb.

Auch das Album zwischen den Stühlen scheitert in gewisser Weise an seinem primären Anspruch: avoiding procrastination and over-analysis.
Radiohead praktizierten bei den Aufnahmen zum stumpf betitelten Hail to the Thief eine markant spontanere Herangehensweise als auf den Alben zuvor, nahmen sogar die elektronischen Parts live und in Echtzeit im Studio auf und brachten ihr sechstes Studioalbum in gerade einmal zwei Wochen in den Kasten – nur um dann an den schier endlosen Arbeiten am Mix beinahe zu verzweifeln. Den Zwiespalt, dass die Band zerrissen auf der Rückkehr zum Rock trotz der forcierten Impulsivität nicht loslassen kann (besonders von den elektronischen Elementen), spürt man vielleicht am besten beim trägen I Will oder dem gespaltenen A Wolf at the Door – zwei Kompositionen, an denen sich die Briten seit Kid A versuchten, die nun aber etwa unausgegoren über die Ziellinie verführt wurden.
Insofern ist es wohl symptomatisch, dass Hail to the Thief gefühltermaßen nur selten perfekt zum Punkt findet, in der deutlich zu langen Spielzeit zu oft um die Ausnahmemomente mäandert und zu viel Ballast mit sich schleppt. Warum etwa direkt auf den explosiven Opener 2+2=5 (The Lukewarm.) das praktisch dem selben Prinzip aus elektronischer Perspektive folgende Sit Down. Stand Up. (Snakes & Ladders.) hinterhergeschoben wird, dürfte auf ewig ein Rätsel bleiben – und untergräbt entlang einiger Leerlaufmomente zahlreiche Highlights der Radiohead’schen Karriere: Das unendlich tiefgehende Sail to the Moon. (Brush the Cobwebs Out of the Sky.) etwa, den leichtgängigen Popsong Go to Sleep. (Little Man Being Erased.), das wummernde Elektronikjuwel Myxomatosis. (Judge, Jury & Executioner.) oder das überwältigende Rhythmusmonster There There. (The Boney King of Nowhere.).
Dass die Band letztendlich für nahezu die gesamte Platte den ursprünglichen Mix übernahm, spiegelt das ambivalente Verhältnis wider, dass man auch als Hörer gegenüber dem phasenweise ermüdenden, zumeist aber brillanten Hail to the Thief empfinden kann.

Radiohead - The Bends5. The Bends

Erscheinungsdatum: 13. März 1995
Produzent: John Lecki
Spieldauer: 49 Minuten
Beste B-Seite: Talk Show Host
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Trivia: Den Opener Planet Telex nahm Thom Yorke auf, während er besoffen am Boden lag.

Radiohead kommen in ihrer eigenen Liga an. Mehr noch: Vom eröffenden, in eine nostalgische Psychedelik driftenden Planet Telex bis zum unkaputtbar strahlenden, ikonisch perlenden Street Spirit (Fade Out) zelebrieren die Engländer auf ihrem zweiten Studioalbum praktisch Alternative Rock verdammt nahe der Perfektion und werfen mit flehenden Balladen und zutiefst traurigen Hymnen wie High and Dry oder Fake Plastic Trees nur so um sich, während der Verstärker bei Just oder My Iron Lung in den roten Bereich gedreht wird. Als allumfassenden Qualitätsindikator der damaligen Zeit kann man es da durchaus verstehen, dass die Studioversionen von so fantastischen Songs wie Killer Cars, How Can You Be Sure?, The Trickster oder Talk Show Host als B-Seiten herhalten mussten.
Dass ein Album wie The Bends in dieser Reihung nicht noch deutlich weiter vorne steht, hat dann auch nur rein subjektive Gründe: Die überragenden Sternstunden der Platte stehen zu deutlich über nur sehr guten Nummern wie Black Star, während die unmittelbaren Nachfolgerplatten Radiohead einfach noch stärker gelangen.
Nichtsdestotrotz  ein zum Sterben schönes Album nahe der Makellosigkeit voller Lieblingssongs und moderner Klassiker – sowie einem gewissen Nigel Goodrich in den Credits.

Radiohead - Amnesiac4. Amnesiac

Erscheinungsdatum: 04. Juni 2001
Produzent: Nigel Godrich
Spieldauer: 44 Minuten
Beste B-Seite: Fog
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Trivia: Life in a Glasshouse ist der einzige Song des Albums, der erst aufgenommen wurde, nachdem Kid A bereits veröffentlicht war: „We realised that we couldn’t play jazz. You know, we’ve always been a band of great ambition with limited playing abilities.“ erklärte Jonny Greenwood – und rief  Humphrey Lyttelton erfolgreich zu Hilfe.

Wenn man schon bei der Qualität der B-Seiten ist: Gemessen an eben diesen müsste Amnesiac das mitunter beste Album aller Zeiten sein – praktisch jeder Song, den Radiohead im Zuge ihres fünften Studioalbums auf Nebenschauplätzen veröffentlichten, ist nämlich nichts weniger als atemberaubend. Das beste Album aller Zeiten ist der Schnellschuss, die vermeintliche Ausschussware  Amnesiac dann wohl zwar dennoch nicht – aber eine nur zu gerne unter Wert verkaufte Sternstunde in Radioheads Discografie (die nach persönlichen Vorlieben auch gut die erste Wahl als einzige Platte für die Insel sein dürfte), die Yorke selbst wohl am treffendsten beschreibt: „If you look at the artwork for Kid A… well that’s like looking at a fire from afar. Amnesiac is the sound of what it feels like to be standing in the fire.
Radiohead dehnen ihren experimentellen Kompetenzbereich also gleichzeitig noch weiter in genrefremde Sphären und finden dennoch zum organischen Bandgefühl zurück, was zu einem geradezu sprunghaften Sammelsurium der individuellen Großartigkeiten führt, die durchaus überfordern können. Überwältigende Grazien wie der Pyramid Song (eventuell bis heute Yorkes imposanteste Gesangsleistung), das seltsam bedrückende Popkleinod Knives Out oder dem hypnotischen Streichermeer Dollars and Cents erleichtern zwar den Zugang zur Platte, zumeist jedoch hantieren Radiohead weit draußen mit ihren Ambitionen. Das zutiefst bedrückende Life in a Glasshouse ist so der unerreichte Todesjazz der Band, das minimalistische Packt Like Sardines in a Crushd Tin Box wirkt nur wegen eisig wummernder Computerszenarien wie dem irritierenden Pulk/Pull Revolving Doors nahbar, während das Instrumental Hunting Bears als nackte Postrock-Skizze durchgehen könnte.
Und Like Spinning Plates klingt eben in der Studioversion wie sich rückwärts drehende Ufos – während es auf der Bühne als ergreifende Klavierballade für unaufhörliche Gänsehaut sorgt. Eine Fußnote, die die immense Anziehungskraft dieser zwischen kühler Distanz und wohliger Körperwärme fesselnden Platte vertieft: die Distanz, die Radiohead zurücklegen müssen und wollen, um die hier versammelten Songs live zu spielen, könnte nicht spannender sein.

Radiohead - In Rainbows3. In Rainbows

Erscheinungsdatum: 10. Oktober 2007
Produzent: Nigel Godrich
Spieldauer: 43 Minuten
Beste B-Seite: Last Flowers to the Hospital
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Trivia: Die Fan-Theorie, dass In Rainbows eine Verbindung zu OK Computer offenbart, hatte wenig Bestand – fußt aber vielleicht darauf, dass etwa Nude bereits in Sessions zum 1997er-Vorgänger gespielt wurde.

Über zwei Jahre arbeiteten Radiohead an dem ersten „pay-what-you-want„-Major Release der Musikgeschichte: Die Band hatte ihren Vertrag mit Parlophone erfüllt und wollte sich nach einer selbst verordneten Pause 2005 selbst aus der Komfortzone pushen, indem erstmals nicht Nigel Godrich als Produzent angeheuert wurde. Einzig: In kompletter Eigenregie kamen Radiohead bald nicht weiter, die kurze Zusammenarbeit mit Spike Stent entpuppte sich als sinnlos. Bis sie sich im Oktober 2006 doch wieder auf die Fähigkeiten Godrichs besann, tourten die Fünf also exzessiv, erprobte die neuen Songs und feilte an den Kompositionen – das knapp ein Jahr später sprichwörtlich aus dem Nichts kommende Tonträger-Ergebnis destiliert die Vorteile dieser langen Vorlaufzeit.
Sicherlich haben Radiohead mutigere, fordernde und per se wichtigere Alben aufgenommen, als In Rainbows – ein besser zwischen organischem Rock, digitalem Unterbau und emotionaler Unmittelbarkeit ausbalanciertes, unterhaltsameres Werk ist der Kombo jedoch niemals gelungen. Das auf seine Grundstärken reduziert inszenierte In Rainbows ist die augenscheinlich leichtestgängigste und luftigste Veröffentlichung von Radiohead, ein dynamisch vielseitige nach vorne ziehendes Spektrum voller fesselnder Melodien, das unter seiner enorm eingängigen Oberfläche zutiefst an die Seele schmiegende Innenansichten erschafft. Seine Annäherung an „seduction songs“ nannte Yorke dies. Und meint damit undekodiert traumhafte Schönheiten wie den dröhnenden Lovesong All I Need, das zurückgenommene Elegie Nude,  das skelettiert an der Streichelegie vorbeischlendernde Gitarrengespenst Reckoner oder das immer dringlicher werdende Jigsaw Falling into Place.
Zwischen den glasklar über den Drumbeat legenden Gitarren im Opener 15 Step bis zum schier verzweifelt intensiven Drumloop-Piano-Geniestreich Videotape haben Radiohead hier 10 kompakte, enorm kurzweilige, regelrecht sportliche Quasi-Popsongs geschrieben, die einem in ihrer sehnigen Kraft förmlich das Herz aus der Brust reißen können.

Radiohead - OK Computer2. OK Computer

Erscheinungsdatum: 16. Juni 1997
Produzent: Nigel Godrich
Spieldauer: 53 Minuten
Beste B-Seite: Polyethylene (Parts 1 & 2)
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Trivia: Paranoid Android folgt mit seinen sechseinhalb Minuten Spielzeit keinen gängigen Single-Konventionen. Tatsächlich war die Ur-Version des Songs jedoch stattliche 14 Minuten lang, inklusive Orgelsolo. Aufgenommen in Jane Seymours Villa.

Mit Nigel Godrich hatten Radiohead bereits bei The Bends zusammengearbeitet – als Sound-Engineer war er der Assistent von John Lecki und produzierte die B-Seiten der damaligen Sessions. Als Brian Eno um einen Beitrag für die The Help Album-Compilation bat, nahmen sie mit Godrich Lucky in gerade einmal 5 Stunden auf. Und während der Produktion ihres dritten Studioalbums stieg Godrich von der Position des Beraters schnell zum Co-Producer auf – der Rest ist Geschichte.
Radiohead wollten sich 1996 primär vom Sound und Gefühl von The Bends veraschieden, doch plötzlich spielten sie mit Godrichs Hilfe einen in alle Richtungen ausufernden Artrock, der keine stilistischen Grenzen zu kennen scheint und seine übermannend großen Melodien aus einer schier unergründlichen experimentellen Tiefe zog.
Auch knapp zwanzig Jahre nach seinem Erscheinen hat OK Computer in dieser Ausgangslage nichts von der majestätischen, tieftraurigen, erhabenen und immer wieder so überwältigenden Kraft seiner melancholischen Glanzstücke eingebüßt. Immer noch kommt es einem Klo im Hals gleich, wenn  Exit Music (For a Film) sich aus der akustischen Niedergeschlagenheit zu voller Größe aufbaut und dennoch nur Leiden kennt; das oft kopierte aber nie erreichte Karma Police als Blaupause für kommende Britrockgenerationen in aller Grandezza seinem epischen Finale entgegensteuert; Paranoid Android auch heute noch wie ein feuchter Progtraum aus den Fantasien von Pink Floyd seine Haken schlägt; No Surprises so bittersüß bezaubert, als gäbe es kein Morgen; oder eben Lucky in ein Tal der Tränen führt. Das alles sind Songs für die Ewigkeit und OK Computer das Meisterwerk, das vor dem Milleniumswechsel kurzerhand die Auffassungen zeitgenössischer Gitarrenmusik revolutionieren sollte.

Radiohead - Kid A1. Kid A

Erscheinungsdatum: 2. Oktober 2000
Produzent: Nigel Godrich
Spieldauer: 50 Minuten
Beste B-Seite:
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Trivia: Motion Picture Soundtrack schrieb die Band bereits vor ihrem ersten Hit Creep – als Versuch einen Disney-Score aus den 1950er mit modernen Mitteln nachzuahmen.

Nach dem Erfolg von OK Computer und einer Hundertschaft an Nachahmern im Rücken waren Radiohead ausgebrannt. Yorke erlitt einen Nervenzusammenbruch und musste mit akuter Schreibblockade kämpfen, war angeekelt von den gängigen Strukturen im Rock, die nur noch Erbrochenes aufzuwärmen schienen. Die Hoffnung von Ed O’Brien, dass Radiohead diesem Dilemma mit einer Rückkehr zu schnörkelloseren, knackigeren Songs begegnen würden, machte der von der Elektronik des Warp-Labels angefixte Yorke deswegen schnell  zunichte: „There was no chance of the album sounding like that. I’d completely had it with melody. I just wanted rhythm. All melodies to me were pure embarrassment.
Ein Album ohne Melodien ist das jede Erwartungshaltung untertauchende Kid A letztendlich keineswegs geworden – dafür muss man nur Kompositionen wie das in all seiner beklemmenden Dichte nichtsdestotrotz ergreifende How to Disappear Completely hören, sich der Rhythmik eines Optimistic ergeben oder sich in die nonkonformistischen Wellen des Orgelganges von Motion Picture Soundtrack treiben lassen und zum ausgelassenen Dancer Idioteque den Körper die Kontrolle übernehmen lassen – Radiohead verlieren das Songwriting niemals aus den Augen. Aber Kid A macht den Zugang zu all der darin konservierten Emotionalität und Impulsivität schwerer, indem es sich hinter Einflüssen aus demonstrativer Minimal-Elektronik, Krautrockexzessen, Ambient-Soundscapes, Stimmverfremdungen, Jazz-Bläsern und texturellen Konturen verschanzt, die im Jahr 2000 noch einem Schock gleichkamen – eine derart verstörend-betörende Androiden-Schlafmusik wie den Titelsong muss man sich freilich erst erarbeiten.
Belohnt wird man jedoch nicht nur mit zehn vor Inspiration überschäumender, detailreich ausgestatteter Ausnahmesongs – im Grunde einer schöner als der andere – sondern von der in sich geschlossensten Platte, die Radiohead produziert haben, einem atmosphärisch  beispiellosen Trip in die Zukunft. Der, wie man längst weiß, eben auch keineswegs so verkopft, verrückt oder karrieregiftig ist, wie es im Winter 2000 auf den Erstkontakt schien.
Dass die immanente Radikalität ihres vierten Studioalbums aus heutiger Sicht schwerer nachvollziehbar sein mag, als noch bei der Veröffentlichung von Kid A, zeigt dann im Grunde nur, dass Radiohead ihrer Zeit tatsächlich weit voraus waren und mit einem wahren Gamechanger Standards gesetzt haben – doch wo sich mittlerweile jede Rockband zu Synthies und Drumcomputern wendet, um sich stilistisch neu zu erfinden und nunmehr kalkulierbare Risiken einzugehen, bleibt die faszinierende Sogwirkung dieser 50 Minuten unerreicht. Nicht nur eines der besten und insgeheim gefühvollsten Alben Zeiten – sondern auch eines der wichtigsten. Eine Ikone.

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