Morrissey – Make Up is a Lie

von am 11. März 2026 in Album

Morrissey – Make Up is a Lie

Die Liste an Dingen, die man an Morrissey nicht mögen muß, wird nicht kürzer. Grundlegend beendet er die – diesmal gezwungenermaßen – zweitlängste Album-Pause seiner Solo-Karriere durch Make-Up Is a Lie aber auf sehr ordentliche Weise.

Eine kleine Chronologie der Verzögerungen auf dem Weg zu Langspieler Nummer 14 kann zum Einstieg nicht schaden.
Sechs Jahre nach I Am Not a Dog on a Chain wartet die Welt immer noch auf Bonfire of Teenagers, und auch das 2022 angekündigte (sowie der Industrie mit einer Art hochmütiger Verzweiflung angebotene) Without Music the World Dies ist nicht erschienen.
Ende 2024 ließ der Mozzer stattdessen verlauten: „There are two albums … The second one was re-recorded in France in late 2023, and given a new title. We scrapped half of the tracks and we recorded six new ones, and so it is not the album from the beginning of 2023.“ Damit dürfte wohl das im Juni 2025 angekündigte You’re Right, It’s Time gemeint gewesen sein, das, man weiß es bereits, in seiner ursprünglichen Form ebenfalls wieder in der Schublade verschwand.
Am Ende dieser Odyssee, auf die wohl auch Ryan Adams stolz wäre, steht nun Make-Up Is a Lie – das auf bereits bekannte Songs wie Rebels Without Applause oder Sure Enough, the Telephone Rings vollends verzichtet und Hello Hell sowie Happy New Tears als Bonus Tracks verschwendet, während offenbar keine Muse mehr für ein weniger groteskes Artwork übrig geblieben ist.

Am musikalischen Status Quo der dereinst verehrten und heute vom Feuilleton verschmähten Ikone hat sich derweil kaum etwas geändert – Überraschungen bleiben anhand der ein Zuhause bei Sire gefunden habenden 50 Minuten Musik tatsächlich weitestgehend aus.
In der abermals von Joe Chiccarelli übernommenen, hochwertig und überlegt inszenierten, letztlich auch sehr unverbindlichen Produktion überzeugt die Stimme des 66 jährigen zuallererst beispielsweise immer noch mühelos charismatisch. Die Texte lassen unterdessen entlang der gewohnten Egozentrik auch fragwürdige Tendenzen zu (das synthetischer drückende, mit einer enorm catchy ausgestatteten Hook daherkommende, für die Studioversion lyrisch „entschärfteNotre-Dame findet als demonstrativstes Mahnmal entlang rechter Verschwörungstheorien einfach nicht auf den Punkt), wobei nicht nur Notre-Dame es sich mit schier endlos repetierter Zeilen zu einfach macht: Die meisten Nummern sind gar zu plump angelegt – auch wenn dies zu griffig hängen bleibenden Ohrwürmern wie dem Titelsong führt, den man mystisch tänzelt durch den banal-simplen Refrain einfach nicht mehr aus dem Schädel bekommt – derweil das Songwriting in der Post-Ringleader of the Tormentors-Phase einmal mehr ohne geniale Einfälle auskommen muß, trotz einiger weniger leerer Meter in der Regel jedoch grundsolide und unspektakulär gefällig geblieben ist.

Der mutmaßlich ehemalige Titelsong You’re Right, It’s Time geht locker nach vorne und sucht eine Weisheit, die größer ist als jene von Morrissey selbst, mit beschwingten Gitarren und Synths auf der gelösten Rhythmussektion – beinahe tanzbar eingängig. Das etwas wahllos auftauschende Roxy Music-Cover Amazona mäandert psychedelisch gemeint stacksend, überzeugt aber spätestens, wenn die Gitarren am Ende die Handbremse lösen und mit mehr Tempo und heulen. Headache schwoft im verträumten Weichzeichner und lalalapidarem Chorus zu einer somnambulen Bridge, die auch John Frusciante und Josh Klinghoffer gefallen sollte und krönt die gute erste Plattenhälfte mit dem gefühlvoll am Klavier sitzenden, sich aufschwingenden Boulevard: in einer epischeren Atmosphäre steht Morrissey am im Sturm schwankenden Deck seiner sarkastischen Unterstützungserklärung: „Birds shit/ Schoolboys spit/ Right at you/ I know how you feel/ …/ No one will ever see me this close, this soused/ As drunk as a skunk and sunk/ Just you/ Boulevard/ Boulevard, boulevard, boulеvard, boulevard„. Näher ans klassiche, groß gestikulierende Mozzer-Melodrama als in seinem Herzstück kommt Make-Up Is a Lie nicht heran.

Danach erfährt die Platte allerdings in qualitativer Hinsicht eine ziemliche Schwankungsbreite und pendelt unausgegoren irgendwo zwischen gekonnten Standards und routiniertem Füllmaterial.
Zoom Zoom the Little Boy gefällt mit orientalischer Patina auf dem Gitarrespiel als unverfänglicher netter Pop Rock – extrem eingängig, wiewohl eigentlich mit wenig Mehrwert ausgestattet – und The Night Pop Dropped schielt zum Disco-Flair, bleibt aber abseits der Ästhetik belanglos, obgleich die Band zumindest eine etwas gelöstere Spielfreude abseits des biederen Begleitmusik kreieren darf. Und das komplett harmlose Kerching Kerching können auch süßliche Chöre im dramatisch gestikulieren wollenden Finale nicht retten.
Danach kriegen Morrissey und Co. allerdings wieder die Kurve und spielen Make-Up is a Lie befriedigend nach Hause: Das perlende, funky angehauchte Lester Bangs ist schön nostalgisch und entspannt zappelnd, während Many Icebergs Ago verhalten und ruhig zurückgenommen ein sinistres Klagelied an der Päripherie einer einsamen Prärie darstellend langsam durch die Dunkelheit eines stillen Meeres gleitet und The Monsters of Pig Alley eine unaufgeregte Ausfbruchstimmung mit luftigen Americana- und Blues-Anleihen pflegt. „The monsters of Pig Alley say/ „Why don’t you/ Pack it in and come back home?/ The higher you climb/ The less you find„“ singt Morrissey über eine unbedingte Liebe, die Zuhause warten kann. Und wirkt damit nach all den Querelen im Vorfeld beinahe so, als hätte er zumindest ein bisschen Frieden gefunden.

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