Various Artists – Help(2)
Mega-Produzent James Ford hat auf der Compilation Help(2) für War Child und den karitativen Zweck ein überragendes Line-Up versammelt, das quasi durch die Bank mit hochklassigen Songs aufwartet.
Aufgenommen wurden diese allesamt im Laufe einer Woche des vergangenen Novembers in den Abbey Road Studios, wobei die sehr rund angelegte Compilation letztlich noch mit einem Companion Film von Jonathan Glazer als visuelle Schleife versehen wurde: ein quantitativ wie qualitativ beeindruckendes Gesamtpaket!
Nachdem insofern bereits vorweggenommen sei, dass Help(2) in Summe auch einen wirklich würdigen Nachfolger des legendären 1995er-Vorgängers darstellt – auch wenn der Titel ein wenig suggeriert, dass seit damals nicht auch die eine oder andere weitere fabelhafte War Child-Compilation erschienen ist – richten wir den Fokus an dieser Stelle auf auf die einzelnen Songs an sich, einen nach dem anderen.
Der Opener Opening Night von den Arctic Monkeys hat sich als Vorabsingle längst zu einem kleinen Klassiker gemausert: Aus einer alten Demo von Turner, die die Band einst auf der Rancho De La Luna für entweder Humbug (2009) oder AM (2013) einspielte, hat das Quartett einen Grower gebastelt, der elektronisch unterspült das Lounge-Flair von Tranquility Base Hotel & Casino (2018) sowie The Car (2022) über einen subversiven Killer-Refrain zu wieder bestzenderen Gitarren mitnimmt. Absolut fantastisch!
Damon Albarn hält dieses Niveau beinahe, indem er mit (dem aktuell durch Peaky Blinders ja produktive Hochsaison habenden) Grian Chatten und Kae Tempest bei Flags melancholisch im Groove zum Chor schwelgend einen schwermütig klimpernden Ohrwurm irgendwo zwischen seinen Solo-Arbeiten und dem Gorillaz-Schmelztiegel um einen aufgewühlter erzählten Mittelteil anvisiert.
Danach folgen zwei Nummern, die auf den jeweiligen jüngsten Studioalben der beiden Bands ebenfalls Highlights gewesen wären: Black Country, New Road folgen in Strangers entspannt schipperndem Folk Rock, der sich im Verlauf zurücknimmt, um sein Finale umso reichhaltiger schunkelnd zu zelebrieren; und The Last Dinner Party bestechen mit Let’s do It Again! – einer pompösen Glam Rock-Revue, die hinten raus die Zügel exzessiver löst.
Dass ausgerechnet Grand Dame Beth Gibbons mit ihrer Darstellung von Sunday Morning als atmosphärisch angelegte, sphärisch bedrückende Kontemplation enttäuscht, ist absolut relativ zu verstehen und hat nichts damit zu tun, dass Michael Stipe den Velvet Underground-Klassiker vor gar nicht allzu langer Zeit in einer ähnlichen Richtung fesselnder eingefangen hat. Aber ganz allgemein hinterlassen Cover-Songs auf der exklusiven Compilation Help(2) weniger Eindruck als die Original-Kompositionen.
Was sich auch gleich zum Einstieg in die B-Seite der ersten Vinyl-Platte – respektive der schwächsten Phase des Projekts – bestätigt.
Arooj Aftab und Beck nehmen sich James Sheltons Broadway Nummer Lilac Wine an, deren makellose Jeff Buckley-Interpretation wohl populärer ist, als die Darbietung in Dance Me a Song selbst, und machen daraus ein dunkles, rotweinscheres Klavierstück, das später zum sanft umgarnenden, von einer elegante Rhythmussektion begleiteten Duett wird – dabei aber eben zwangsläufig an der Fallhöhe scheitert.
King Krule holt gerade unmotiviert wirkend mit dem somnambul in Trance schleichenden Instrumental The 343 Loop gefühlt nur eine Outtake-Skizze seines regulären Studio-Materials an Bord, während Depeche Mode sich die Buffy Sainte-Marie-Nummer Universal Soldier gemächlich stampfend nahtlos zu Eigen machen. Helicopters von Ezra Collective & Greentea Peng läuft dubbig so relaxt dahin, doch passiert den gesamten Verlauf über abseits des Vibes nicht wirklich etwas, bevor auch Arlo Parks mit der warmen, weichen, an Massive Attack gemahnenden Meditation Nothing I Could Hide nirgendwohin findet.
English Teacher klingt dann mit Gast Graham Coxon in Parasite, als wäre Kate Nash Frontfrau einer Windmill Scene-Band geworden, um dem nett schwofendem Indie Rock aufbrausende Ecken und Kanten zu zeigen. Dahinter wirkt Beabadoobees gefühlvolle Verneigung vor Elliott Smith und Say Yes mit seiner plingenden Americana-Patina noch umsichtiger zurückhaltend.
Dass Relive, Redie aus den Sessions zu Dragon New Warm Mountain I Believe in You stammt, würde man dann kaum erraten können, so sehr klingen Big Thief hier mit polternder Perkussion und deliranter Psychedelik bereits zur Ästhetik von Double Infinity schippernd, zumal der Mix jedes Element neben der dominant gemischten Stimme von Lenker ebenso laut in den Vordergrund holt.
Was Fontaines D.C. aus Sinéad O’Connors Black Boys On Mopeds mit ganz eigener Handschrift machen, ist dann schon verdammt ordentlich: die Band wartet lange, bevor sie in der aufgebauten Atmosphäre um Grian Chattens bedächtigen Gesang miteinsteigen, und die ursprünglich im bedrückend intimen Acoustic-Setting ergreifende Nummer mit subtiler Spannung pulsierend lassen, um sie dort der orchestralen Dramatik zu übergeben, wo die Lethargie die Hymnik im Griff hat. Ebenso charakteristisch eigen ist dann Warning – der erste Song, den Cameron Winter seit Heavy Metal (abseits des endgültigen Geese-Durchbruchs im Vorjahr) beisteuert. Dort lässt er sich von Cellistin Amy Langley in sinfonisch anschwellender Schieflage (ungefähr dort, wo seit Mother! in Mode gekommene Horror-Soundtracks sich mit einer aus dem Leim gegangenen Indie-Verschrobenheit verbinden) begleiten und rezitiert seine zu Herzen gehende Mahnung.
Young Fathers joggen danach synthetisch gelöst in Don’t Fight The Young fast schon in dystopischer Partystimmung aus der Apokalypse 28 Years Later, wo Pulp mit Begging For Change (nach dem vom fantastischen Spike Island überragten, so rundum tollen Comeback More) skandierend immer weiter nach vorne treiben, um immer ausgelassener werdende Artikulationen für die lebendige Inszenierung finden.
Sampha nimmt dagegen mit dem minimalistisch gehaltenen; butterweich pointiert pluckernden Soul von Naboo die ruhige, im Tempo gedrosselte Gangart des letzten Viertels von Help(2) vorweg.
In der Schnittmenge von Jessica Pratt, Natalie Prass und Sybille Baier gelingt Wet Leg mit dem reduzieren Dream Folk von Obvious der beste Song ihrer Karriere und Foals setzen mit dem abgekämpft müden Synth-Ambient When The War Is Finally Done bis zum oszillierenden Gitarren-Finale auf pures Understatement. Ähnliches gilt für Bat For Lashes und Carried My Girl, einen sphärischer Score und vorsichtigen Drone, der gesanglich exaltierter aufblüht, ohne dass die musikalische Eben aus sich herausgeht. Mit Sunday Light wandert Anna Calvi (die sich Unterstützung von Dove Ellis, Wolf Alice’s Ellie Rowsell und Nilüfer Yanya holt) weit in die Marissa Nadlers Hohheitsgebiet der gespenstischen Anmut und Olivia Rodrigo erfasst die Essenz des unsterblichen Magnetic Fields-Klassikers The Book of Love, macht macht die Nummer mit Graham Coxon an der Gitarre und ganz unsentimental bleibenden Streichern dennoch verdaulicher.
Nach (ohne Oasis nur fast) eineinhalb Stunden stört es dann auch kaum, dass die Gewichtungen des Sequencings nicht immer optimal ist: Manche Songs sind hier besser als andere, doch Ausfälle gibt es tatsächlich keinen einzigen auf Help(2). Bravo, James Ford!


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