Radiohead [08.12.2025: Berlin, Uber Arena]
Die vielerorts als Farewell gedeutete erste Tour seit sieben Jahren ist ein triumphales Comeback, auch am ersten Tag der vier Berlin-Konzerten: Radiohead frischen die Erinnerung daran auf, dass sie immer noch die beste Band der Welt sind.
Es galt ein wenig zu zittern im Vorfeld. Immerhin musste die ersten beiden Kopenhagen-Termine der Tour krankheitsbedingt verschoben werden (weswegen das Berlin-Quartett auch nicht mehr den Abschluss der European Tour 2025 markiert) – und Erinnerungen an die abgesagte zweite The Smile-Tour wurden schnell wach.
Doch Yorkes Stimme hält wieder. Sie trifft zwar nicht jeden Ton und tut sich bei den höheren Lagen hier und da schon merklich schwer. Auch, dass der Gesang im Mix teilweise ein wenig untergeht und je nach Standort qualitativ schwankt, fällt auf. Direkt vor Ed dominiert beispielsweise der Bass im gelegentlich etwas matschigen, aber in Summe doch absolut überzeugenden Sound, der die vorab überlieferten Horrorgeschichten bezüglich der klanglichen Aspekte der Tour insofern zumindest nicht restlos bestätigt und angesichts der sicher schwierigen Situation, die kreisrund in der Mitte der Halle angelegte Bühne tontechnisch adäquat für alle in Szene zu setzen, im besten Sinne solide meistert.



Egal: Derartige kleine Schönheitsfehler fallen ohnedies nicht ins Gewicht, weil sie alleine schon durch die enorme Spielfreude einer so merklich Bock habenden Band mühelos kompensiert werden: Wie exzessiv bearbeitet (der justament an diesem Tag wieder einmal für den Grammy nominiert worden seiende) Jonny bitte alleine schon während Bodysnatcher seine Gitarre und wie sehr geht Ed als sich in Pose werfende Rampensau auf, derweil Yorke mit seinen unverwechselbaren Tanzmoves über die Bühne watschelt und springt, Phil gefühlt stets mit Smartphone in der Hand jeden Augenblick beseelt zu genießen scheint oder der zurückhaltende Colin immer wieder freudig die begeisterte Menge animiert. (Schlagzeug-Unterstützer Chris Vatalaro bleibt währenddessen übrigens visuell ausnahmslos im Hintergrund, speist die Musik aber an vielen Fronten zwischen den Zeilen.)
Auch ohne große Ansagen zwischen den Songs reißt so der Eindruck einer ständigen Interaktion zwischen Publikum und Band so nie ab, es liegt einfach verdammt viel Wertschätzung im Raum.



Hat man die langen Schlangen vor der ausverkauften Uber Arena im wechselhaft starken Regen erst einmal hinter sich, reihen sich die wunderbaren Szenen eines grandiosen Konzertabends jedenfalls mit einer relativ beispiellosen Kurzweiligkeit aneinander, nachdem ab 20.15 Uhr das Unterhaltungsprogramm begonnen hat, indem einzelne Lichter im ziselierten 2001-meets-Worrywort-Fiepen vor nautischer Motion Picture Soundtrack-Elektronik zum Applaus der Menge an- und ausgehen, bevor die Band zu einem mystisch hallenden Drone durch den Zuschauerraum auf die Bühne geschleust wird, um die Show mit Planet Telex hinter dem Gitter der die Bühne einzäunenden Projektionsfläche zu eröffnen, das für das fetzige 2+2=5 in die Höhe gezogen wird.




Ab da kennt die gute Stimmung kein Halten mehr. Videotape oder Daydreaming sind atemberaubend gefühlvolle Intimitäten, Let Down eine majestätische Schönheit und vor allem Fake Plastic Trees wird mit einer Intensität dargeboten, als ginge es um Alles oder Nichts. Sowieso alle Stücke von Ok Computer, Kid A und In Rainbows werden explizit euphorisch gefeiert, bei All I Need vergeht die Halle kollektiv seufzend vor sehnsüchtiger Romantik. Nur das vertrackte Bloom wird etwas verhaltener aufgenommen, ist aber wie Kid A eine experimenteller tüftelnd angelegte Faszination. The Gloaming ist außerdem eben The Gloaming – und damit wohl der Moment, der bereitwilligsten für WC-Pausen genutzt wird.



Gut, dass All I Need in den regulären Setlist-Teil gewandert ist, um ausgerechnet A Wolf at the Door Platz zu machen, ist angesichts der ansonsten vorhersehbaren A-Setlist subjektiv eine eher enttäuschende Entscheidung. Doch egal: Der Zugabenblock ist auch so praktisch perfekt. Das exzessive Paranoid Android, Just oder Karma Police von gefühlt jeder einzelnen der rund 15.000 anwesenden Kehlen aller Altersklassen mitgesungen zu erleben, erzeugt einfach Gänsehaut – das sind Momente, die man nicht mehr vergessen wird.
Knapp zwei Stunden Spielzeit wiegen so auch allen frustrierenden Ärger, den der umständliche Ticketverkauf bereitet hat, mehr als auf: Zum Abspann der Menschenrechte und Oh! Brother von The Fall kommt der erste der vier Berlin-Abende einem Seratonin-Fanpleaser mit überwältigendem Greatest Hits-Charakter gleich – Radiohead stürmen mit Abstand auf den persönliche Konzerthighlight-Gipfel 2025.
Setlist:
Planet Telex
2 + 2 = 5
Sit Down. Stand Up.
Lucky
15 Step
The Gloaming
Kid A
No Surprises
Videotape
Weird Fishes/Arpeggi
Idioteque
Everything in Its Right
Bloom
The National Anthem
Daydreaming
All I Need
Let Down
BodysnatchersEncore:
Fake Plastic Trees
Jigsaw Falling Into Place
Paranoid Android
A Wolf at the Door
You and Whose Army?
Just
Karma Police


















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