Richard Ashcroft – Live Vol 1
Die Quellen von Richard Ashcroft: Live Vol 1 bleiben (zumindest vorerst ein Mysterium). Ungeachtet davon hat der ehemalige The Verve-Frontmann allerdings ein verdammt solides Konzert-Album zusammengestellt.
Live Vol 1 beginnt, als würde man sich einem bereits laufenden Set während dem Ende eines beendet werdenden Songs nähern, womöglich auch nur die Ausläufer eines Intros mitbekommen, bevor das unsterbliche Sonnet als erste aktiv erlebte Nummer den Mitschnitts eröffnet. Kommt man zu spät? Oder gerade noch rechtzeitig?
Diese einleitende Irritation ist jedenfalls nicht nur seltsam stimmungsvoll, sondern passt gewissermaßen auch ideal zu den offenen Fragen, die hinsichtlich der Datierung des eingefangenen Materials bleiben. Wann die versammelten 13 Songs der ohne große Vorankündigung von einem Tag auf den anderen (zumindest vorerst in rein digitaler Form) veröffentlichten Platte eingefangen wurden, bleibt mangels mitgelieferten Informationen nämlich bis auf weiteres ein zu Spekulationen einladendes Geheimnis.
Die Songauswahl (fünf Songs von Urban Hymns, drei von Alone With Everybody, je zwei von These People und Keys to the World nebst einem von Natural Rebel) deutet durch ein komplettes Fehlen des letztjährigen Lovin‘ You nebst Ähnlichkeiten zu damaligen Setlisten ihre Ursprünge im Jahr 2019 an – wogegen allerdings die über Streaming-Dienste kommunizierte Besetzungsliste der Band (Steve Wyreman und Adam Phillips an den Gitarren, Tom Manning und Steve Sidelnyk an den Schlaginstrumenten, Ben Trigg an den Tasten und Damon Minchella am Bass) spricht.
Dass dokumentierte Aufnahmen jener Zeit vor den Oasis-Gigs außerdem deutlicher müder, als die nahtlos ineinander übergehend geschnittenen, 82 kurzweiligen Minuten hier klingen, ist außerdem verdächtig. Aber auch eine gute Gelegenheit, um den dichten und kraftvollen Sound der sauberen Platte zu loben: Die Produktion fängt mit wahrnehmbaren Fans und motivierten Mitmach-Interaktionen gut eine begeisterte Atmosphäre ein, die von im Rahmen bleibenden Gitarrensolos sogar eine etwas verschwitzere Kante verliehen bekommen (und beispielsweise ein A Song For The Lovers sogar dezent ausfransen darf).
Über die gesamte Distanz fällt so neben den neueren Füllern eigentlich nur der funky Disco-Ausflug Out Of My Body ein wenig ab, derweil Ashcroft und seine Jungs all die restlichen Hits und Evergreens seines Kanons absolut solide nach Hause spielen.
Ab der eigentlich ein wenig schwächeln müssenden Passage vor dem nochmal triumphalen Ende mit, natürlich, Bittersweet Symphony – also ab Cmon People, das erst als zwischen Ashcroft im Solo-Acoustic-Modus und dem Publikum ausgetauscht wird, bevor die Nummer im klimpernden Bandsound mit Wah Wah aufgeht – passiert dann auch noch eine homogene Evolution, die die Ursprünge der Mitschnitte noch dubioser erscheinen lässt, weil die immer dominanter begleitenden Streicher-Arrangements merklich Breitwandformat bekommen, derweil die Besucher im Festival-Modus feiern.
Auch deswegen gilt: Schlau muss man aus Richard Ashcroft: Live Vol 1 (dem eigentlich nur ein überraschender, risikofreudiger oder gar ikonischer Gänsehaut-Moment fehlt, der über die hohe Klasse hinausragt) nicht ganz werden – seine Freude hat man daran als Fan aber nichtsdestotrotz.


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