Ryan Adams – Self Portrait

von am 17. Dezember 2025 in Album

Ryan Adams – Self Portrait

Self Portrait ist eigentlich kein Studioalbum, sondern eine ebenso frustrierend unausgegorene, wie potentiell vielversprechende Demo-Compilation – oder auch Ryan Adams‘ ureigene Version eines Meme-Dumps zwischen Selbstpersiflage und Meisterhand.

Wo Bob Dylan 1970 mit einem gleichnamigen Album den Akt der Selbstdemontage auf tonaler Ebene mutwillig betrieb, muss der Nachfolger des leidlich inspirierten Trios Another Wednesday, Heartbreaker 25th Anniversary Edition sowie Changes diesen Job nicht übernehmen. Seinen Ruf (ungerechtfertigter-, aber durchaus nachvollziehbarerweise auch in musikalischer Hinsicht) hat Adams über die vergangenen Jahre ja schließlich auch so schon mit erbärmlicher Konsequenz in den Dreck gezogen – und dann noch anhand einer desaströsen Tour durch Australien und neu entdeckter MAGA-Tendenzen samt wiedergefundener Alkoholsucht einen dampfenden Haufen auf die Loyalität des verbliebenen hartnäckigsten Fan-Kerns gesetzt.

Ohne große Vorankündigungen ist Self Portrait in dieser Ausgangslage quasi aus dem Nichts kommend über Nacht erschienen. Und es erfüllt dabei viele der Klischees, die Adams seit längerem begleiten, mit einer ruinösen Selbstverständlichkeit.
Indem die Platte Songs über „rain“ und etwaige Dinge „in my mind“ versammelt, den Protagonisten als von der Welt ungerecht behandelten Romantiker darstellt; indem das Songwriting oft skizzenhaft und unfertig wirkt; weil der 51 jährige im Alleingang das Potential der grundlegend gewohnt hochklassige Ideen nicht zu fassen bekommt; oder der Sound einen dilettantischen Beigeschmack hat, da er ohne Mastering, Mix oder Produktion auszukommen scheinen muss, derweil die simplen Drum-Spuren am wenigsten kaschieren können, dass mittlerweile einfach niemand mehr mit Adams zusammenarbeiten will.
Außer einem erschöpft ächzenden Reverb-Pedal, in dessen Effekt die Stimme des Amerikaners bisweilen ersäuft.

Gleich das irgedwie fabelhaft eröffnende Virginia in the Rain beginnt nichtsdestotrotz schön relaxt, ist mit Kopfstimme und Harmonien soulig und funky von Prince beeindruckt, legt Gitarrensolo und Orgel-Textur über den unverrückbar laufenden und relativ bald eben ermüdend eindimensionalen Beat aus der Dose. Auch das verträumte gelöste Acoustic-Plätschern Please, Shut the Fuck Up führt vor allem vor, wie toll hier vieles mit der Unterstützung einer richtigen Band werden hätte können, wo am anderen Ende des Spektrums Bye Bye Balloons als zauberhafte Miniatur zerbrechlich und intim einnimmt.
In dieser Spannweite hätte es streng genommen gereicht, in dem willkürlichen Sequencing mit all seine unvermittelten Einstiegen und willkürlich festplattenleerenden Charakter einfach nur auszumisten, und die lange, lange 24 Song-Tracklist ökonomisch selektiver auszudünnen, um ein zumindest halbwegs kohärentes Album aus der 74 minütigen Masse zu schärfen.

Allen voran hätten natürlich die drei Coversongs durch den Raster fallen dürfen, die grundlegend interessante Ansätze zeigen, durch die Umsetzung aber eher zu Rohrkrepierern tendieren. Das in den Hall gelegte Blue Monday wirkt apathisch eingesungen und The One I Love bügelt die Emotionen mit noch mehr Effekten aus der Stimme, hat aber schöne Other Lives‚eske Streicher, bevor dem lethargischen Shiny Happy People jedes Leben entzogen wird, aus einem reduzierten Ansatz perkussiv klopft und die Gitarren dösen und Intonation wie in elegischer Trance mäandern lässt.
Take the Money ist dagegen nur wenig besser das hilflose Imitat eines Rockers, der kantiger und giftiger sein will, aber an den Umständen scheitert und ebenso zu lang wie unverbindlich ausgefallen ist. Der okaye Standard Not Trash Anymore wird ziellos zugekleistert, ist aber wie die langweilig Monotonie Look What You Did trotz allem nicht so enervierend wie Castles in the Sand, dessen nett schunkelnd Lo-Fi-Pop im kuscheligen Vintage-Flair trotz heimelig-hippiesken Groove mit 7 Minute Spielzeit einfach nur auslaugt – dagegen tut Stormy Weather als folkloristischer Kitsch über 68 Sekunden einfach niemandem weh tut.
Auch sonst ist dieses Self Portrait dementsprechend eine ambivalente Collage voller Schönheitsfehler, in der man dennoch stets das Gute hören will – und womöglich fehlt ja wirklich nur ein wenig Feinschliff, damit sich das Alles doch auf dem Niveau des 2024er-Silvester-Quartetts bewegt hätte.

Schließlich zeigen verspielter schunkelnde Indie-Liebenswürdigkeiten wie Someone on My Mind ebenso eine Klasse in der DNA wie Saturday Night Forever (als melancholischer Wehmut in klar gezupfter Zurücknahme samt ein paar Synth-Streichern), das nachdenklich schippernde Fools Game als einseitig klampfende Ohrwurm-Liebelei (die sich sentimental durch den leeren Ballsaal dreht), Too Old to Die Young (dessen sturer Beat dem nostalgisch plätschernder Schönklang Kummer macht) und das irgendwie fabelhafte I Am a Rollercoaster vor At Dawn.
Es gibt also sofort hängen bleibende Stücke, die wie ein entschleunigter früher Beatles-Twist mit Cramps-Thematik klingen (I am Dracula), anmutigen Klavier-Schwermut (Thunderstorm Tears) und schön gezupfte Miniaturen (Lovers Under the Moon). Unaufgeregte Nomen-est-Omen-Versuche (Honky Tonk Girl), netten 45 Sekunden Sanftmut (Try Again Tomorrow) und bluesiger angelegten, kargen Folk (Theo), derweil ein Springsteen-Rocker wie Look What You Did in der Aussicht zu dem, was Möglich wäre, einfach nur verzweifeln lassen könnte – doch angesichts der immer weiter bergagb führenden Umstände und Verhaltensmuster von Adams lässt es sich eigentlich wohl sogar ganz gut mit den musikalischen Tatsachen leben.

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