Sprints – All That Is Over

von am 10. November 2025 in Album

Sprints – All That Is Over

Mit einem klug gewählten Release-Termin nur wenige Tage nach Silvester war dem Sprints-Debüt Letter to Self ohne große Konkurrenz ein gebührendes Maß an Aufmerksamkeit gewiss. All That Is Over veröffentlicht die Band aus Dublin dagegen selbstbewusst zu einer weitaus umkämpfteren Phase des Jahres.

Dass das Zweitwerk auf den ersten Blick ein wenig untergegangen ist, liegt auch daran, dass Sprints nicht erkannt zu haben scheinen, dass Shaking Their Hands der mit Abstand beste Song von Letter to Self war, und auf dem Nachfolger deswegen relativ risikofrei die restliche Komfortzone des Erstlings weiter bespielen.
I don’t grow old/ I grow unrecognisable“ singt die weiterhin grandiose Karla Chubb im betont ruhige Einstieg der Platte (Abandon ist ein lauernder Epilog im Hall; To the Bone baut seine Dramatik als Quasi-Intro vom zurückgenommenen Zupfen zu herrisch detonierenden Gebärden auf). Doch keine Sorge: Letztlich ist alles halb so wild und Sprints bleiben selbst dann ein junges Genre-Aushängeschild, wenn sie keine Risiken eingehen.
Dann lässt Need ohne eine wirklich prägnant hänge bleibende, wenngleich doch so simple auf Effektivität gedrillte Hook energischen Druck ab und legt Beg seine dualistische Dynamik in brütendes Skandieren und massiv schiebendes Joggen. Rage tänzelt kalt den verführerischen Twist und lässt seine psychedelische Shoegaze-Schlagseite leider nur erahnen, nachdem Descartes als philosophischer Schlachtruf und Hit aus der Protomartyr-Schule längst alles auf Schiene gebracht hat, obwohl die Produktion verschleiert, wie aggressiv die Gitarren eigentlich agieren.

Dass man diesmal seine liebe Mühe mit der zu angepassten Inszenierung von Daniel Fox haben kann, verdeutlicht dann auch das Herzstück Something’s Gonna Happen. Chubb steht auf der Kanzel und ihre Band dräut dahinter Spannungen aufbauend. Doch werden diese strukturell zu konventionell und vorhersehbar aufgelöst, derweil auch die Inszenierung keine radikalen Impulse setzen will: Die Vocals sind super, aber es wäre interessant, wenn sie im Sturm der Musik auch einmal nicht derart frontal zur Galionsfigur gemixt und stattdessen zu einem Kampf mit tonal entfesselteren Naturgewalten herausgefordert werden würden.
Das ist keine wirkliche Tragik, Sprints überzeugen auch derart agierend ansatzlos. Doch hätte die Band aus All That Is Over über weite Strecken gefühlt einfach noch mehr herausholen können, wenn sie weniger auf Nummer Sicher gegangen wäre.

Wobei derartige Überlegungen spätestens im letzten Viertel der Platte kaum noch eine Rolle spielen, wenn das (seit 2024 durch Neo-Gitarrist Zac Stephenson personell veränderte) Quartett so oder so zur absoluten Bestform aufläuft.
Pieces ist ein Flirt mit dem brachialen Noiserock – ein bisschen, als würden Mclusky auf umgängliche Gemeinheit anstatt des giftigen Zynismus setzen – und das überragende Better besticht als ein Anti-Lovesong, der klingt, als hätten die Viagra Boys mit Loveless und Geraldine als Leuchttürme eine liebenswürdige Wall of Sound-Sehnsucht nach den Kills entwickelt. Das heroisch himmelstürmende Coming Alive wird von der Gemeinschaft zur Hymne getragen und wäre schon ein brillanter Closer, wenn den Desire nicht noch radikaler besorgen würde (auch wenn es zwischen den zwei Stücken idealerweise ein kurzes Interlude für einen noch bessere Übergang gebraucht hätte): Sprints reiten da lange mit geduldigem Ingrimm einem High Noon entgegen, den die Iren irgendwann doch zum exzessiven Zenit peitschen – Katharsis Deluxe!
Da hört man dann auch doch noch jene Ausnahme-Gang, die Fontaines D.C. live die Show gestohlen hat und mit sehr viel Bewustsein dafür, wo ihre besten Seiten liegen, nur eine minimale Initialzündung von einem modernen Post-Punk-Meisterstück entfernt auftrumpft.

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