Tyler Childers – Snipe Hunter

von am 23. November 2025 in Album

Tyler Childers – Snipe Hunter

Ob Tyler Childers in diesem Leben noch einmal die Rufe nach einem konventionell die Erwartungshaltungen erfüllenden Album bedienen wird? Unter der spirituellen Leitung von Rick Rubin verlässt er mit Snipe Hunter jedenfalls erst einmal mehr ein gutes Stück weit jene Gefilde, denen er seine Appalachian/ Country-Popularität verdankt.

Childers ist seit der Trennung von Sturgill Simpson, der die Vorstellung vieler (puristischer) Fans an ein optimales Album des Mannes aus Kentucky als Betreuer definiert hat, ein Suchender, dessen Post-Country Squire-Alben stets auch mutwillig von einer konzeptuellen Verweigerungshaltung geprägt waren.
Rick Rubin wiederum gilt als Mentor, bei dem sich Musiker (neu er-) finden können.
Die Zusammenarbeit des Duos verspricht zumindest am Papier insofern eine Konstellation, die theoretisch wie die Faust aufs Auge passen sollte, in der Praxis aber ein unerwartet ambivalentes Ergebnis liefert. Denn Childers wollte einen Produzenten, der ihn zu Abenteuer außerhalb der Komfortzone motiviert, keinen, der ihn an seine Wurzeln erinnert. Deswegen führt der 62 jährige Rubin den sich unlängst von seinem Überhit Feathered Indians losgesagt habenden Musiker, der sich in den vergangenen Jahren ja mit Protest-Fidelmusik, einem Gospel-Remix-Triptychon und einer als Album getarnten EP wahlweise mit unerschöpflicher Ambition aus der Verantwortung eines Fanpleasers gestohlen hat, ohne Scheuklappen und dem Mut zur Experiment hinein in ein countryskes Kaleidoskop von Rock-Variationen.

Gleich das sarkastisch mit all den Erfolgen der Vergangenheit prahlende Eatin‘ Big Time poltert so demonstrativ kantig mit psychedelischem Flair und viel Groove aus dem Baukasten heraus, als bisweilen zornig aufbrandende Beschwörung, weil der Gesang vor Inbrunst und Leidenschaft phasenweise förmlich zu beraten scheint.
Und wo viele der folgenden Expeditionen mit Fernweh entlohnen, scheint es dabei doch im Umkehrschluss auch oft so, als würden Childers und Rubin im Kern nicht restlos zueinander finden und die naheliegende essentielle Hebelwirkung aus den Augen verlieren: So viele Entscheidungen irritieren im Verlauf eines (aus ganzheitlicher Sicht betrachtet) tendentiell großartigen, wiewohl unausgegorenen Potpourris mit verbesserungswürdigem Sequencing – manchmal mangelt es dabei vor allem an der Umsetzung der Stücke, manchmal jedoch schon an der Qualität der Nummern an sich.

Die Roboter-Stimmen-Backings im mit Cowboystiefeln stapfenden Watch Out erscheinen etwa interessant, erweisen sich in der zu trägen Gemütlichkeit aber letztlich primär als ausschmückender Selbstzweck, bevor auch das mit Shanty-Flair schunkelnd-polternde Poachers seltsame Effekte auf die Stimme legt – ja, immer wieder scheint es im Verlauf, als wüsste Rubin nicht, wie er den grandiosen Sänger Childers in Szene setzen möchte, weswegen er ständig wahllos neue Perspektive auf ihn ausprobiert.
Der Rock’n’Roll-Twist des Titelsongs soll fetzen, geht für den rauen, wilden, zwingenden Sound aber nicht dreckig genug all in. Daran alleine scheitert das später schmissig klimpernde Getting to the Bottom  als Shoppingmal-Poprock mit Western-Hut schon zuvor nicht – die angezogene Handbremse macht eine harmlose Nummer (als einzigen Filler) aber einfach langweilig und überflüssig.

Überhaupt ist Snipe Hunter (dem Artwork entsprechend) vollgestopft und etwas zu lange ausgefallen.
Down Under greift sicher als absoluter Hit und Ohrwurm, der zum Heartland und Springsteen bimmelt, aber dabei so simpel und betont stupide angelegt wird, dass der eilende Spaß mit der halben Spielzeit noch besser gezündet hätte. Und den mit viel bouncendem Groove tänzelnden Glam-Stomper Dirty Ought Trill (der für Sound & Fury cool genug, aber doch zu wenig radikal gewesen wäre) funktioniert als Closer nur bedingt. Schließlich findet die Platte mit ihrer religiös geprägten Ader (über den sich etwas ziehenden Hindu-Shaker Tirtha Yatra mit dem zu Fidel und Chor schwofenden Hare Krishna-Stück Tomcat and a Dandy) eigentlich bereits zu einem idealen Ende.
Dass man den einen Bogen zum Opener spannenden Rausschmeisser dennoch ebenso wenig missen möchte, wie die anderen tollen Quasi-Standards – Cuttin‘ Teeth (das mit Pedal Steel und nach hinten entrückten Vocals absolut wundervoll schunkelt) sowie das grundsolide so flott mit beschwingtem Drive überzeugende Bitin‘ List -, unterstreicht die Ambivalenz des Grammy nominierten Werks.

Am deutlichsten wird die Crux von Snipe Hunter wohl anhand der beiden schon lange bekannten Stücken – exemplarisch nichtsdestotrotz den Highlights der Platte. Oneida schwoft von der romantischen Einkehr nunmehr opulent zum majestätisch in Szene gesetzteren Heuschober-Walzer, und das intim flehend am Lagerfeuer zurückgenommene Nose on the Grindstone bekommt brodelnd aufbrandend eine willkürlich wirkende soulige, pastorale Grundierung. Nicht falsch verstehen: Die Umsetzung steht den zwei Nummern schon. Doch finden Rubin und Childers nun eben Dinge, die den archaischen, perfekten Ur-Versionen nicht gefehlt haben – weswegen sie auch nicht derart emotional aufwühlend und ergreifend gelingen, wie die seit Jahren aufgenommenen Darstellungen.
Dass Childers Rubin als Selbstvertrauen gebende Stütze brauchte, um die Ideen für sein siebtes Studioalbum einzufangen, ist also durchaus nachvollziehbar. Dass dann allerdings jemand anderes dem Material einen idealeren Feinschliff besorgen hätte können, erscheint keineswegs abwegig. Fest steht jedoch wohl nur, dass die Suche für Childers hiernach weitergehen wird.

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