Tyler Childers – Country Squire

von am 28. August 2019 in Album

Tyler Childers – Country Squire

Sturgil Simpson ist zwar aktuell vor allem vor der Kamera aktiv und trotz der Absetzung von One Dollar weiterhin gut beschäftigt im Filmbusiness. Für sein Protegé Tyler Childers hat er allerdings dennoch die Zeit gefunden, auch dessen (je nach Zählweise) zweites Studioalbum Country Squire zu produzieren.

Weil Simpson für den Nachfolger von A Sailor’s Guide to Earth von 2016 gleich an einem obskuren Anime-Gesamtkonzept bastelt, kann man sich durchaus vorstellen, dass er über Tyler Childers seine eigenen Bedürfnisse in traditionelleren Formen des Country und Americana des bedient – auch wenn der Mann aus Kentucky freilich weiterhin nicht derart puristisch agiert, wie etwa Colter Wall.

Viel eher versucht das Duo die charmant mit Stereotypen flirtende, durch die Bad Boy-Attitüde der Lyrics immer wieder leicht aus dem Raster fallende Gangart des bereits starken Vorgängers Purgatory zu optimieren. Indem es den Traditional/Alt- Country und Americana von Childers ganzheitlich abrundet, die Amplituden stimmiger in Form bringt und die Dynamik stringenter gestaltet. Das Niveau der nahtlos aneinander anschließenden Nummern ist nun durchgängig auf dem selben hohen Niveau, macht keine reativen Begleitsongs von expliziten Highlights abhängig, setzt auf kein Spektakel sondern rundum hochklassiges Songwriting – selbst der mit latenten Funk und Pop-Motiven flirtende Piano-Soul von All Your’n fällt nicht aus dem Rahmen.
Der generelle Fluß der Platte ist schließlich homogen, kohärent und unterhaltsam, jede Komposition ist catchy und simpel, instrumental stark und zurückhaltend inszeniert – klassisch, aber nicht unmodisch, reichhaltig jedoch nicht überladen. Country Squire überzeugt gerade als Ganzes, wo der Vorgänger im Idealfall die charakteristischeren, stärkeren Einzelsongs hatte.

Die Akzente sind dabei über 39 Minuten schlau gesetzt. Gleich der eröffnende Titelsong  macht mit Fidel, Geklimper und Gegniedel konventionellen Spaß, Bus Route scheucht eine Maultrommel durch den Trubel.
Die wehmütig-nostalgische Anti-Urbaniesierungshymne Creeker gerät ohne Längen etwas zu ausführlich, bevor Gemini betont flott und munter agiert. Das traurige Peace of Mind und die Bluegrass-Elegie Matthew gehen Hand in Hand, wo House Fire von der Veranda meisterhaft und subversiv in die Breite wächst. Ein bisschen ist Country Squire eben immer auch Schaulaufen der Fähigkeiten von Produzent Simpson.
Womit der Mentor sein Mündel im direkten Vergleich auch weiterhin abhängt: Childers zeigt nicht den Mut zur Radikalität, zur unverkennbar eigenwilligen Positionierung, die dann auch den einen oder anderen Ausnahmesong erzwingen würde. Dass sich Childers mit Country Squire als einer der konstantesten Vertreter an der Speerspitze des Genres etabliert, ist allerdings vorerst kein schlechter Deal.

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