Vauruvã – Mar da Deriva

von am 21. Dezember 2025 in Album

Vauruvã – Mar da Deriva

Nach einer kurzen Pause von zwei Jahren machen Bruno Augusto Ribeiro und der nimmermüde Alleskönner Caio Lemos aus Rio De Janeiro für Mar da deriva wieder gemeinsame Sache als Vauruvã.

Auf der Basis von Manso queimor dacordado (2021) und Por nós da ventania (2022) treibt das Duo seinen atmosphärischen Black Metal mit brasilianischem Folk-Aura auf dem Drittwerk unter einem dem Artwork entsprechenden Sternenmeer in den Weltraum.
Legado blendet langsam auf, träumt perkussiv vom Mysterium fantastischer Space-Odysseen, bis keifenden Blastbeats und Riff-Schikanen der vertrackten Rhythmik dringlich nach vorne folgen. Halluzinogene Texturen versetzen in Trance, eine verschrobene Melodik findet rasendes Schreddern, die Botanik flötiert esoterisch, bis eine elektronisch ruhig verspulte Kontemplation in Tabla-Seance driftet.

Vauruvã lassen schon in diesem Opener die improvisierter angelegte Form der beiden Vorgänger ein wenig hinter sich, nähern sich  strukturell (mit einer gewissen Vorhersehbarkeit) einem klassischeren Genre-Songwriting an, gleichen sich ästhetisch dem Charakter von Vestígio im Speziellen bzw. einer selbstreferentiellen Collage aus Lemos‘ gesamter Diskografie im Allgemeinen an.
Doch der Individualität aufgebende Zweck heiligt die Mittel: schwerer als ein dezentes Loslassen des markanten Projekt-Charakters wiegt die emotionale Entlohnung, die Vauruvã mit ihrer bisher besten Arbeit so erzwingen.
Weswegen es auch passt, dass das Triptychon denselben MO spiegelt.

Os Caçadores beginnt mit patentierter Acoustic-New Age-Patina. Friedliches Geklampfe trifft im zwangslosen Tempo verträumt eine weiche Percussion. Kaatayra und Bríi definieren das Spektrum. Das gemeinschaftlich greinende Gebrüll des Duos rezitiert, das Schlagzeug treibt im Mix weit hinter Synth-Nebeln. Harmonisch schwelgt die ziselierte Tremolo-Raserei im Temporausch, bevor der choral-ätherische Ausklang nach einer kompakten Math- Präzision abtaucht. Alles wirkt sanft, auch in der Härte und Asgression. Der Orbit hat etwas zutiefst naturalistisches, universelles.

Das fast 16 minütige, wie im Rausch verfliegende Highlight As Selvas Vermelhas no Planeta dos Eminentes erwacht danach im apokalyptischen Frieden. Der vor superben Riffs strotzende Black Metal begegnet cinematographischen Ambient-Flächen und -Feldern a la Santaolalla. Harsch keifende Vocals und Klargesang vereinen den Dualismus zur Synergie, finden eine Vertrautheit im interstellaren Abenteuer.
Das so rund fließende Mar da deriva könnte so ein lateinamerikanisches Pendant zu Mare Cognitum mit prägnantem irdischem Lokalkolorit darstellen, ist zurückgelehnt und unaufgeregt, in seiner Nonchalance aber dennoch spektakulär und zwingend. Also – als scheinbar einfachste Sache dieser und anderer Welten – einfach ein weiteres Highlight im weiterhin unfehlbaren Schaffen von Lemos.

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