Aesop Rock – Spirit World Field Guide

von am 19. November 2020 in Album

Aesop Rock – Spirit World Field Guide

Abstrakter textend als sonst dem Existentialismus auf der Spur, verliert Aesop Rock sich auf Spirit World Field Guide in einer selbst erdachten Fantasiewelt. Man folgt ihm dorthin gerne, selbstverständlich (und notfalls auch mit exklusiver ÜberlebensAusrüstung).

Schließlich kann man Ian Matthias Bavitz alleine deswegen vertrauen, weil keines seiner bisherigen sieben Studioalben oder unzähligen sonstigen Projekte auch nur ansatzweise schwach war – und der 44 Jährige hat, um es vorwegzunehmen, weiterhin nicht damit begonnen, schlechtes Material aufzunehmen.
Was gerade mit vergleichsweise auf den Punkt präzisierten Platten wie der Malibu Ken-Kooperation oder dem Karriere-Glanzlicht The Impossible Kid im direkten Rückspiegel angesichts der auf Spirit World Field Guide nun wieder aufgefahrenen Masse von 21 Tracks über knapp 64 Minuten nicht ganz klar sein muss. Denn natürlich hätte die eine oder andere Kürzung die Prägnanz erhöht – die einleitende Spoken Word-Ambient-Gebrauchsanleitung Hello From the Spirit World ist zumindest konzeptionell und stimmungstechnisch stimmig, die Lässigkeit Crystal Sword oder der Standard Fixed and Dilated hingegen genau genommen nicht unbedingt essentiell.

Von Ausfällen zu sprechen wäre aber dennoch falsch – zu konstant hoch ist das Niveau einer Platte, die zwar auf herausragende Einzelsongs verzichtet, dafür aber jede Passage vom Gesamteindruck getragen auf ein schaulaufendes Plateau hebt (obgleich die erste Hälfte des Albums dann doch dezent über der zweiten anzusiedeln ist) und den Unterhaltungswert auch deswegen stets zelebriert, weil Aesop seine umschreibende Wortschmiedekunst diesmal nicht so nahe an die eigene Person heranlässt, im Kontext des Konzeptes arbeitet, emotional weniger persönlichen Tiefgang abstrahiert (was phasenweise schon wie eine Machtdemonstration des eigenen Vokabulars anmuten kann).
Aber die Substanz stimmt eben einfach, die Konstante Klasse von Spirit World Field Guide ist beeindruckend, dazu auch kurzweilig und im homogene Sound (Aesop an die Front gemischt, typische Beats und Synthies geben den Nährboden der Kompositionen, die Bassläufe sind dazu diesmal markanter) variabel.

Im entschleunigten The Gates setzt eine quirlig-hibbelige Gitarre Akzente, die sich im Mix aber gefinkelt anstellt, im generell eiliger durch die Düsternis groovenden Button Masher tritt sie markanter hervor und skizziert gar den Rock. Für Dog at the Door wird Aesop zum lautmalerischen Storyteller im mysteriösen 80er-Suspence mit absurder Paranoia. Gauze grummelt zur schillernden Keyboard-Patina und Pizza Alley lauert über dem Tieftöner hypnotisch mit abwartenden Spannungsaufbau, der zur Mitte plötzlich den Twist in die zurückgelehnte Coolness nimmt. Boot Soup lässt sich von einem abgedämpften stacksenden Schlagzeug mit scheppernder Hi-Hat antreiben und wählt dann doch die ambiente Wattierung, Homeboy Sandman steht zumindest auf der Gästeliste. Coveralls gurgelt an den Synthies in bester Malibu Ken-Manier, überholt mit soulig angeheulten Arrangements aber sogar die Gorillaz. Die hauseigene Komfortzone kann eben quasi nebenbei auch noch über externen Assoziationen bestehen.

Zwischenspiele wie das psychedelische Jumping Coffin, das abstruse Klavier-Intermezzo 1 to 10 oder das pointierte Side Quest halten dabei die Dynamik auch mit unbeschwert eingeworfenen Szenen kompakt, anderswo bereitet der hypnotische Fiebertraum Flies das gelöste Conclusio Salt direkt interagierend vor. Holy Waterfall reiht davor die smarten Hooks bis zum orchestral-geschmeidigen, Sleeper Car schaufelt als verspulte Majestät und Attaboy wagt den Spagat zwischen Dystopie und Funk. Selbst eine an sich nur als Routine wirkende Nummer wie Kodokushi packt plötzlich ein Sample mit schmissigen Widerhaken aus, Marble Cake benützt sein Songwriting als grandioses Wechselspiel der anachronistischen Dynamiken.
Selbst wenn The Four Winds als Symbiose aus akustischer Gitarre und orientalischen Texturen trotzdem einen beinahe unspektakulären Abgang für diese homogene Tracksammlung bietet, ist also eher alles hier Highlight, statt keine herausragenden Amplituden zu provozieren. Und insofern könnte es durchaus stimmen, dass Aesop Rock noch an keiner seiner anderen Platten derart Spaß hatte wie an Spirit World Field Guide – und mit dieser Einstellung selbst mit ein bisschen nötigem Entgegenkommen seitens der Hörerschaft nahtlos abholt.

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