Billy Strings – So Much for Goodbyes
Quo Vadis, Billy Strings? Auf So Much for Goodbyes verarbeitet (der zuletzt ja vor allem mit seiner alten Liebe Death Metal flirtende) William Apostol den Tod seiner Mutter mit viel Tiefgang, verliert dabei aber auch das große Ganze aus den Augen.
In Zusammenarbeit mit Produzent T Bone Burnett, seiner wie immer atemberaubend mithaltenden Band – Alex Hargreaves (Fidel), Billy Failing (Banjo), Jarrod Walker (Mandoline) und Bassist Royal Massat – sowie einer ganzen Reihe namhafter Gäste ist das fünfte Soloalbum des amerikanischen Gitarren-Virtuosen eine Sammlung von Einzelsongs geworden.
Tatsächlich sogar auf paradoxe Weise.
Denn an sich zeigt So Much for Goodbyes weniger stilistisches Expansionswillen und ist grundlegend stilistisch sogar in gewisser Hinsicht homogener am traditionellen Bluesgrass ausgefallen, als der direkte Vorgänger aus dem Jahr 2024 – obwohl Strings auch diesmal seine Vielfältigkeit zeigt, indem er wie im entspannten, hinten raus in trippiger Trance halluzinierenden Rock von I Wish I Wanted To oder dem mit einer sensationellen Bridge ausgestatteten Grateful Dead-Country von Live to Tell ausnahmsweise Drums für einen entspannten Groove nebst der Steel Guitar hinzuholt; das so ruhig und melancholisch den Fluss etwas deplatziert ausbremsende, wundervoll reduzierte Carry Us Home zum Folk-Flatpicking-Duett mit Bryan Sutton macht, oder 10,000 Miles from a Friend als geduldige wie auch sentimentale Americana-Annäherung auf der endlosen Straße ziehen lässt.
Außerdem kreist So Much for Goodbyes im Gegensatz zu Highway Prayers inhaltlich zumeist klar um ein dominierendes Thema – des Tod von Mutter Debra Apostol durch eine Überdosis.
Am deutlichsten wohl in Still I Crash, für das sich Strings alleine an die Akustik-Gitarre setzt, ohne Metaphern oder Symbole absolut ungefiltert entlang einer simplen, zeitlos ergreifenden Schönheit textet. Aber auch in den beiden zum Gospel tendierenden Stücken (dem mehrstimmigen Light the Way sowie dem spirituellen Wrestling an Angel), die exemplarisch Billys allgemeine Entwicklung als Texter und Songwriter auf einer neuen Ebene mit anderem, introspektivem und nachdenklichem Tiefgang als große Errungenschaft der Platte unterstreichen.
Und dennoch scheint der Platte abseits dieser Umstände einfach die klare Linie bzw. das Sequencing zu fehlen, das die jeweiligen Bausteine zu mehr als der Summe der einzelnen Teile macht: die meisten Nummern funktionieren für sich alleine stehend besser, als im zusammengetragenen Kontext.
Vor allem gelingen Strings diesmal auch deswegen keine so herausragenden Ausnahme-Songs wie bisher stets, während, ohne auch nur ansatzweise in Ausfall-Nähe zu kommen, hier und da im Umkehrschluss einfach das Gefühl zurückbleibt, vieles hier schon noch besser vom 34 jährigen gehört zu haben: Gerade der beschwingte Midtempo- Bluegrass von Lay Me Down (mit Del McCoury als gesangliche Begleitung im Chorus) macht als starke Standard nichts falsch, aber ebensowenig essentiell, wo sich auch das muntere Remember to Cry den Vorwurf gefallen lassen muss, nichts wirklich besonderes bieten zu können.
Was nun alles weitaus negativer klingen mag, als es tatsächlich ist: Strings muss sich ausnahmslos an sich selbst messen und liefert insofern einmal mehr ein Werk von einsamer Klasse.
Das beginnt mit I’m One of Those, dessen friedliche Ruhelosigkeit und Sehnsucht nach einer Heimat nostalgisch leidet („I’m looking for the place I used to live/ I’ve been driving up and down this road/ Trying to bring back old memories for one reason or another I let go/ Well, I’m one of those, I’m looking for the turn/ Where the river used to make a bend/But it’s been too long and I’m a fool to try to find that place again/ …/ I’m one of those/ Could not find a place that I could land“) und gibt sich in Burn the Other End einer symptomatisch düsteren Atmosphäre hin, deren abrassive abgründigkeit an 16 Horsepower erinnert, bis Strings und Co. gemeinsam die ungemein catchy Hook skandieren: „This will break/ I just can’t/ So I will burn the other end!“ Ein Instant-Ohrwurm!
Lucid Daydream gönnt sich einen perfekter Titel sowie eine Klammer, die an den dissonant Horror-Suspense von The Paper Chase erinnert – dazwischen liegt eine patentierte Jam Grass-Odyssee-Deluxe mit dem Weg als dahinlaufendes Ziel für das existentialistische Reflektieren. Mill Town Flood ist gemütlich, langsam und wohlig, beruhigend und harmonisch, derweil sich das beschwingte I Like Train Songs als eine ironiefrei Ode auf Train-Songs gefallen kann – oder?
Dass So Much for Goodbyes wie hier auch ein wenig rastlos zurücklässt, gehört dann wohl ebenso zum Album, wie die Tatsache, dass das seine beiden Platten-Seiten von instrumentalen Nummern (in Form von Bluewater Breakdown und dem bedächtig schipperndem Debra’s Waltz) beendende Werk mit fast 76 Minuten Spielzeit natürlich viel zu lange ausgefallen ist. Wie alle seine Vorgänger. Und trotz etwaiger Schönheitsfehler gelingt es Strings paradoxerweise auch diesmal mit dem Eindruck zu entlassen, dass er ein weiteres Mal an einer Veröffentlichung gewachsen ist.


Kommentieren