Mirar – Gradus ad Parnassum

von am 24. Mai 2026 in EP

Mirar – Gradus ad Parnassum

Mirar wollen ihren Thallstep im Jahr nach dem Debüt-Langspieler Ascension (bzw. der Standalone-Single The Dream of a Ridiculous Man) durch das Mini-Album Gradus ad Parnassum nicht stagnieren lassen. Doch ist dies bereits der Weisheit letzter Schluß?

Abgesehen vom über 26 Minuten erbrachten Beweis, dass der Sound von Marius Elfstedt und Leo Watremez im kürzeren Format einfach besser (weil in der gleichförmig-monotonen Aufbereitung des eigentlich erstaunlich schlüssigen Genre-Amalgams an der Achse Vildhjarta und Skrillex weniger übersättigend) funktioniert, konzentrieren sich Mirar diesmal gefühlt darauf, ihre (die Gitarren und Drums dicht programmiert-produzierten, den Thall als Dubstep mit Klassik-Schwärmerei interpretierenden) Trademarks über die Texturen mehr hängen bleibende Individualität zu geben und die erinnerungswürdigen Szenen deutlicher herauszuschürfen.

Was vor allem im Rahmen der Platte überdeutlich wird – dank Lovise Espeland.
Im Opener Stjernebro steuert die Musikerin nämlich entrückt lautmalende Vocals bei, die mystisch-ätherisch einen Art fernöstlich-grieselige Erhabenheit andeuten, was den harten Rhythmen der so unorganischen Band eine atmosphärische Tiefe, sowie einen weichen und verführerischen Kontrast beibringt, bevor das Trio im abschließenden Når Solen Går Ned den Rahmen operettenhaft zu Myrkur schielend betont grimmig stampfend (und ausnahmsweise gar riffend!) schließt – mit dem Novum eines voll integrierten, pathetischen Gesangs. Das passt!

In Heksebål atmen und stöhnen danach stimmliche Elemente homogen in die Schübe aus klinisch kontrollierter Brachialität und kurzen Sprengseln aus rasenden Attacken inmitten der stoisch-wuchtigen Massivität der Planquadrat-Heaviness. Raskolnikov verschiebt ein Beinahe-Riff über die typisiert schunkelnde Rhythmik, derweil Synths im Hintergrund die nostalgische Melancholie von Piano-Tropfen und Chören imitieren, bevor Mirar kurz im elegischen Score durchatmen und zum Abschied klassisch zupfen und klimperen.
Soweit gelingt der Band dann auch tatsächlich die bisher überzeugendste Umsetzung ihres reizvollen Patents.

Doch die Formel rutscht nach und nach leider doch wieder immer weiter in den Autopilot und wird vom Style-over-Substance-Songwriting der Band hinter den gesetzten Akzenten bisweilen immer als willkürliches Clusterfuck degradiert.
Der Djent-Metal-Anteil in Leclerc könnte auch generische AI-Ware sein – vom melodischen Backdrop für TikTok-Videos interessant macht. Und Sonia pendelt zwischen einer ruhigen, verträumten Einkehr und dem Standardprogramm, bis man irgendwann auf Durchzug schaltet. Über das beschwörende Stimmengewirr in Arsenic rasselt der übliche MO, es quietscht und knarrt der schabende Suspense-Soundtrack – eine nicht zu Ende gedachte, primär auf ihre ästhetische Funktion ausgelegte, oberflächliche Tech-Demo.
Dieses Schicksal teilt auch das klimpernde Loyola. Dabei deutet der Klimax mit latent epischer Geste an, wohin Projekt wachsen könnte. Mutmaßlich nicht aber in der Duo-Besetzung ohne externe Risikofaktoren. Soll heißen: Die alten Probleme sind den ihr Potential limitierenden Mirar also geblieben. Neu hinzugekommen ist aber, dass Gradus ad Parnassum als bisheriger Schaffens-Zenit mehr Lösungsvorschläge für Sackgassen als seine Vorgänger fokussiert.

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