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Bon Iver – 22, A Million

Viel Sound, wenig Song: Kanye Wests Kumpel Justin Vernon verläuft sich auf dem dritten Bon Iver-Album 22, A Million gar zu prätentiös in seinem eigenen Wunschtraum des Age of Adz in überkandidelten Amalgam aus Folktronica, Artpop und Electronic.

Genau diese Entwicklung – also im Grunde die konsequente Fortsetzung der mit Woods eingeleiteten Metamorphose – stand angesichts der Trackliste, des Artworks und der ersten Vorboten ja ohnedies zu befürchten – doch auch in dieser Konsequenz?
Vernon beschreitet auf 22, A Million immerhin den Weg über zerhackte Songfragmente und fiepende Effektgeräte, chiffrierte Samples und codierte Melodiefetzen, auseinandergebaut und mit dem bedingungslosen Willen zur mutmaßlichen Kunstfertigkeit wieder zusammengeschraubt, all die Störgeräusche und digitalisierten Kanten stottern anbiedernd am Zeitgeist, Autotune fährt selbst über die Vocoderpassagen drüber.
Das Problem dabei ist weniger, dass diese demonstrative Vorschlaghammer-Progressivität Werken wie The Age of Adz oder dem Schaffen von James Blake und Co. alleine schon an Jahren hinterherhinkt und dadurch seltsam angestaubt wirkt. Sondern vielmehr, dass über 34 Minuten nicht der Eindruck einer runden, symbiotischen Entwicklung zwischen dem Songwriter Vernon und dem Produzenten Bon Iver entsteht: Der pseudo-sperrige Sound von 22, A Million wirkt unnatürlich konstruiert und bemüht. Die Verwandlung von Vernon vom früher gerne klischeehaft herbeigeschriebenen Waldschrat zum prätentiösen Hipster mit pseudo-experimenteller Schlagseite findet über zehn Tracks zwar ihre Vollendung, führt aber nur selten zu emotional erfüllenden Ergebnissen.

22 (OVER S∞∞N) setzt auf Loops und gepitchte Stimmen, verbindet fragmentarische Erinnerungen an den Folk von früher, skizziert eine eigentlich eingängige Melodie um lose Soundfetzen. In 10 d E A T h b R E a s T ⚄ ⚄ arbeiten die Distortion-Drums unter einem an sich sehnsüchtigen Stück, überall knistern die Effekte irgendwann schwimmen Bläser trunken in das klappernd-pochende Geschehen und 715 – CR∑∑KS ist im Kern eventuell irgendwo eine hingebungsvoll gemeinte Idee, hat aber keine Zugriffsfunktionen, bleibt distanziert.
Auch 33 „GOD“ wäre eine feine Nummer, als Ballade am Piano – doch alleine die digitalen Computerstimme im Austausch mit Vernon fügen dem Song nichts Elementares hinzu, sie bleiben unnötiges Beiwerk, rein ästhetische Kosmetik und Gimmick. Zwar findet die Nummer durch das Produktions-Geschickt am Schlagzeug einen jazzigen Drive, kommt aber nicht in Gang, wirkt unausgegoren und unentschlossen mäandern, funktioniert nur im Kontext und dort nur spärlich – wie auch das Experiment 21 M◊◊N WATER, wohingegen ____45_____ scheint, als hätte Vernon Bruchstücke einer potentiellen Komposition ohne Masterplan wieder zusammengebastelt.

22, A Million enttäuscht hierbei nie, weil Bon Iver sich künstlerisch verändert und weit von den intimen von For Emma, Forever Ago entfernt haben – nicht die Entwicklung ist hier die Misere. Sondern dass Vernon an seinem Ambitionen scheitert: 22, A Million ist auch als schick designte Hülle trotz zwanghafter Weirdo-Inszenierung nicht spannend, nicht fordernd, nicht gewagt oder neue Grenzen erforschend, nicht abenteuerlich oder aufwühlen.
Die Produktionsentscheidungen sind zu oft reiner Selbstzweck und entbehren in dieser Form einer grundlegenden Existenzberechtigung, bringen die Stücke nämlich nicht nur kaum weiter, sondern unterhaben diese in der Substanz sogar. Vernon schafft nicht den Spagat zwischen oberflächlichem Auftreten und Tiefgang, weil er den Fokus und Schwerpunkt der Optik zukommen lässt. Zu oft wirkt die Platte wie ein stilisiertes Blendwerk, das Style over Substance stellt, in dem der Hang zum mutmaßlichen Fortschritt den angestammten Stärken die Kniescheiben wegschießt.

Es ist insofern durchaus bezeichnend, dass die besten Augenblick auf 22, A Million jene sind, in denen das Gespür von Bon Iver für zum Sterben schöne Melancholien und Sehnsüchte sich am deutlichsten aus dem Klangwerk hervorschälen dürfen. 29 #Strafford APTS wirkt wie ein romantisch aus der Vergangenheit wehendes Stück, das mit übertriebenem Futurismus restauriert wurde, trotz allem berührt, sogar ein bisschen mit der typischen Magie verzaubert. 666 ʇ bündelt die Produktionsschnittstelle und lässt die Komposition dahinter nicht verwelken – auch wenn die Nummer wie nie zu Ende gedacht scheint. 8 (circle) gibt dagegen die feingeistige Synthieballade mit subtilen Bläsern und 1000000 Million die minimalistische Trauer.
Dies sind Augenblicke, in denen 22, A Million daran erinnert, wie emotional berührend und unmittelbar fragil die Seele packend das Songwriting von Vernon eigentlich immer noch funktionieren könnte, wenn das Brimborium drumherum nicht so sehr die Sicht darauf verstellen soll. Es ist im Umkehrschluss schließlich nur umso frustrierender, wenn niemals ein wirklich überwältigender Moment stattfinden kann, weil Vernon sich stets eher auf das Design konzentriert, anstatt die Substanz dahinter wachsen zu lassen; überragende Szenen zwar immer wieder in Aussicht stellt, sie aber kaum greifbar werden lässt; jedes Potenzial torpedieren will. Was bleibt sind so einige wenige der mitunter schönsten Einzelszenen des Jahres – umgeben von einem durchaus künstlich und gekünstelt aufgeblasenen Meer der pluckernden und fiependen Irritation.

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