Boris – Urban Dance / Warpath / Asia

von am 15. Juni 2015 in Album

Boris – Urban Dance / Warpath / Asia

Boris [in diesem Fall eigentlich wieder: boris] führen die „New Noise Literacy„-Serie fort und veröffentlichen mit ‚Warpath‚, ‚Asia‚ und ‚Urban Dance‚ gleich drei Alben auf einen Schlag: Keines davon (zumindest vorerst) außerhalb von Japan, keines davon nicht verschroben und letztendlich auch keines davon unbedingt für Fanschichten abseits der Hardcore-Komplettisten interessant.

Worauf man sich bei den Japanern verlassen kann ist, dass bis auf weiteres auf nichts Verlass bleibt. Und zugegeben: Die absolut uferlose Discographie von Atsuo, Wata und Takeshi bezieht ja seit nunmehr knapp 20 Jahren auch einen Gutteil ihrer einfach nicht abbrechen wollenden, süchtig machenden Faszination durchaus aus der herrlich unberechenbar bleibenden Tatsache, dass man vorab kaum wissen kann, in welche Richtung Boris stilistisch (und auch quantitativ) von einem Moment auf den nächsten nun wohl wieder ausschlagen werden.
Nachdem der genretechnische Rundumschlag Noise‚ also im vorangegangenen Jahr als stärkstes Album der Band seit ca. ‚Smile‚ auftrumpfte, beziehen die drei Freigeister für ihren Drilling ‚Urban Dance‚, ‚Warpath‚ und ‚Asia‚ die verankernden Anhaltspunkte nun überraschenderweise vor allem aus unterbewusst wirkenden Gratwanderungen zwischen Ambientwelten, losen Soundexpeditionen und zögerlichen Drone-Elegien, die phasenweise an den jüngst neu aufgelegten ‚The Thing Which Solomon Overlooked‚-Zyklus erinnern, inszenieren das neue Albentrio dabei jedoch ernüchternd vage und gleichförmig, enttäuschend spannungsarm und vor allem der eigenen Discographie kaum Mehrwert bescherend: 2015 werfen die Unberechenbaren in erster Linie also (wieder einmal) die Frage auf, ob mehr Selektion im unaufhaltbaren Veröffentlichungsrausch von Boris nicht manchmal doch sinnvoller wäre.

Boris - Urban DanceUrban Dance

Das offiziell 20. Studiowerk ist in Hinblick auf ein Album als kohärentes Gesamtwerk auch gleich die irritierendstee der drei Platten – ‚Surrender‚ sei Dank! Der knapp achtminütige Song ist nicht nur der einzige der insgesamt 12 neuen Stücke, der sich tatsächlich Song nennen darf, sondern auch insofern ein Unikum in der jüngsten Veröffentlichungswelle, weil Boris hier ausnahmsweise Gesang und ihr herkömmliches Instrumentarium verwenden, klaren Strukturen folgen und letztendlich ein androgynes, ambientverfärbtes und doch poppiges Stück Dream-Rock vorlegen, dass sich mit seinem weitläufigen Vibe und 90er-Alternative-Basslauf durchaus einen unverbindlichen, aber angenehmen Charme versprüht. Der Rest: schwer zugänglicher, kalt bratzender Saitenunmut (‚Un, Deux, Trois‘), fies rauschender Feedback-Terror (‚Game of Death‚) und ein generell unterschwellig beunruhigendes, bösartig grummelndes Distortion-Kaleidoskop, das es zwar durchaus versteht einen gewissen Reiz zu entfalten und trotz des komplett unmotiviert – und letztendlich sogar störend deplatziert – aus dem Rahmen fallenden ‚Surrender‚ durchaus stimmig funktioniert, letztendlich aber wie seine beiden Kompagnons etwas ratlos hinterlässt. Zumal das wunderbar gleißende ‚Endless‚ durch die bloße Hinzunahme einer jamlastigen Schlagzeugarbeit vorführen, wieviel mehr hier generell möglich gewesen wäre, sobald die Atmosphärearchitekten Boris ihre Klangwelten entgegenkommender und fokussierter inszenieren: dann entwickelt das unmittelbar eine Sogwirkung, in die man sich verlieren kann.

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Boris - WarpathWarpath

 Noch minimalistischer entfaltet sich ‚Warpath‚ um seine stets im Mittelpunkt stehenden, monoton wummernden Single-Tone-Feedback-Drones: um die subkutane Strahlkraft von etwa ‚Behind the Owl‚ in allen markerschütternden Feinheiten registrieren zu können, braucht es wohl schlichtweg das richtige Equipment, auch, um das Gebotene überhaupt adäquat spüren zu können, um das feinjustierte Mixing unter die Haut wandern zu lassen. Denn erst wenn einem dieser Sog die Magengrube aushebelt und das Kopfkino auf Reisen schickt erkennt man, wohin Boris hier wollen. Ansonsten kann Studioalbum Nummer 21 nur zu leicht als zielloser und entkernter Installationssoundtrack für Gallerien im Limbo verstanden werden.
Ihre immanente Anziehungskraft haben sie trotzdem allesamt – das oldschoolige ‚Midgard Schlange‚, das böse und unruhig um ein kaltes Doomriff in Zeitlupe gräbt um beklemmend und dunkel den Bass hervorzuschälen; das wie eine akribisch scheppernde Rost-Maschine unter einem Soundwattekissen brütende ‚Dreamy Eyed Panjandrum‚ und der an die Frühphase der Band und mehr noch an Sunn O))) gemahnende Schattenschlund ‚Voo-Vah‚. Denn derartige Klanggemälde zeichnen, das können Boris schlichtweg. Dennoch bleibt man am Ende ungesättigt: Der Spannungsbogen ist wie bei den beiden Albenbrüdern ernüchternd unentschlossen, das vorhandene Potential wird nur sporadisch angezapft und in Summe enttäuscht vor allem das Gefühl, dass ‚Warpath‚ mehr noch als ‚Asia‚ und das experimentellere ‚Urban Dance‚ durchaus eine fesselnde Großtat der bandeigenen Discographie in Aussicht stellt, sich aber im Grunde nur mit gutem Durchschnitt begnügt.

06Boris - Asia  Asia

Die vielleicht eindrucksvollste Fußnote des New Noise Literacy-Trios besteht darin, dass sich alle drei Platten im Spannungsfeld aus Drone und Ambient auf stilistisch ähnliche Stützpfeiler berufen, letztendlich aber jeder für sich doch gänzlich eigene Charakterzüge entwickeln. Im Gegenzug zu seinen beiden Kompagnons ist ‚Asia‚ nun die wahrscheinlich nervöseste und psychotischste Veröffentlichung der Reihe, offenbart einen latenten Zug zu elektronischem Noise und gemeiner Maßlosigkeit.
Terracotta Warrior‚ gönnt sich knapp 21 Minuten Spielzeit, setzt auf Loops und entfremdete Geräusche, irgendwann legt sich eine Distortion-Axt über das Geschehen, dahinter verdichtet sich das weiße Rauschen zunehmend – wenn auch nicht sonderlich faszinierend oder tatsächlich mutig im bereits abgeschrittenen Boris’schen Spektrum. Ganz am Ende bricht das Geschehen jedoch überraschend, nach kurzer Stille klettert der Track – nein, kein Song! – über eine leise Snare, dann eine schleppende Bassdrum auf einen Höhepunkt der relativenKonventionalität, nur um danach an den Erinnerungen an röhrende Gitarrenverstärker zu verglühen. Den selben spontanen Appendix-Kniff bringt auch ‚Ant Hill‚: das rotierende Feedbackglimmern malträtiert fiepende Störgeräusche aus der Steckdose, immer wieder meint man hören zu können, wie sich das verfrickelte Flackern zu nachvollziehbaren Mustern formen könnte – passieren tut dies allerdings nie. Dafür schlägt das Schlagzeug in den letzten 30 Sekunden wieder motiviert einen Rhythmus, absurderweise irgendwann gar gegen Tanzfläche schielend. ‚Talkative Lord vs Silent Master‚ intensiviert als wildes tonales Schneegestöber dann das Szenario von ‚Ant Hill‚ und wirkt dabei, als hätte Merzbow gerade keine Zeit für eine Kollaboration gehabt, Boris aber Lust darauf, mal wieder die verspulten Soundtüftler zu geben.
Ein rohes, unbequemes, störrisches Biest von enem Album also, das auf purem Konfrontationskurs mit den jüngsten Veröffentlichungen des japanischen Trios steht, sogar selbst langjährige Fans in ihren Hörgewohnheiten fordert und den wieder pressierenden Wunsch nach einem runderen Gesamtkontext ebenso unterstreicht, wie als generellen Konzeptverstoß interpretiert. Am Ende bleibt der verlockende Wunschgedanke: Wie grandios hätten diese drei Veröffentlichungen als einziges, tatsächlich zu Ende gedachtes Amalgam klingen können?

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