Brand New / Dinosaur Pile Up [24.05.2015: Arena, Wien]

von am 25. Mai 2015 in Featured, Reviews

Brand New / Dinosaur Pile Up [24.05.2015: Arena, Wien]

Will man der Plattensammlung die zum diesjährigen Record Store Day aufgelegte Neupressung von ‚Deja Entendu‚ einverleiben, muss man via Discogs aktuell zumindest 180 Dollar (auf der nach oben offenen Abzockerskala) für die eskalierenden Sammlertriebe berappen. Das Wien-Gastspiel von Jesse Lacey und Co. führt dann allerdings vor Augen, dass derart skalpierende Preise durchaus auch darauf zurückzuführen sein könnten, dass die Songs des zweiten Studioalbums knapp 12 Jahre nach ihrer Veröffentlichung nichts von ihrem Reiz verloren haben und genauso frisch tönen wie am ersten Tag.

Das kann man etwa daran festmachen, dass das Publikum bis zu der durch eine lange Impro-Brücke vom ausgedehnten Brecher ‚You Won’t Know‚ kommenden ‚Deja Entendu‚-Single  ‚Sic Transit Gloria … Glory Fades‚ beinahe in ehrfürchtiger Zurückhaltung verharrt, es dann aber absolut kein Halten mehr gibt: da springt der Funke explosionsartig über, das Stimmungsverhalten ändert sich unmittelbar vor der Bühne, der Pit verselbstständigt sich, die ersten Crowdsurfer steigen auf, ein verlorener Schuh fliegt in hohem Bogen durch die Luft und Lacey brüllt in den Tonabnehmer seiner Gitarre.
Brand New sind spätestens zu diesem Zeitpunkt endgültig in der Arena angekommen, spielen aber ohnedies von der ersten Sekunde an, als gelte es die sehr ordentlich gefüllte Halle ohne jedwede Rücksichtnahme zu zerlegen und untermauern letztendlich über knappe eineinhalb Stunden Spielzeit mit rauschhafter Vitalität ihren anhaltenden Ausnahmestatus. Denn selbst 6 enervierende Jahre Veröffentlichungspause haben nichts daran geändert, dass die Band aus Long Island vor roher Energie strotzend zu den Besten ihres Faches gehört, und das nicht nur deswegen, weil ihre Songs schlichtweg besser gealtert sind, als ein Gros der restlichen Emowelle der frühen 2000: Brand New sind zudem eine grandiose Liveband.

Brand New Live 2

Dabei machen es die beizeiten mit zwei Drummern und wechselnden Drittgitarristen agierenden Amerikaner (nach den ordentlich eröffnenden 90er-Grunge-Fans von Dinosaur Pile Up aus England) niemandem zu leicht und schieben eine dicht gestaffelte Druckwelle nach der anderen von der Bühne: als Opener gibt es das nach vorne preschende Neo-Glanzstück ‚Mene‚, danach führen ‚Sink‚ und das widerspenstig randalierende ‚Gasoline‚ vor, warum ‚Daisy‚ die sperrigste Platte der Band ist. Vincent Accardi wirft da in wilden Posen selbst den ruhigeren Momenten giftige Portion Noise, Distortion und Effektgewitter in den Rachen und überhaupt fällt gerade die zügige Eingangsphase des Abends erstaunlich kompromisslos und hart aus – mögen die Blumensträuße an den Mikroständern noch so eine bittersüße Romantik ausstrahlen und zudem leichter Weihrauchduft in der Luft hängen: alleine mit der Inszenierung der Begleitumstände gelingt es Brand New eine einnehmende Intensität und Atmosphäre aufzubauen, vor allem die Lichtshow ist effektiv und stimmungsvoll wie schon lange nicht mehr gesehen.
Die einzelnen Songs fließen in diesem schonmal ausufern dürfenden Schlagabtausch zumeist nahtlos ineinander über, Verschnaufpausen oder Ansagen gibt es bis nach ‚Sic Transit Gloria…Glory Fades‚ keine. Hinterher dafür etwas Kauderwelsch und das spontan rausgeschossene ‚Seventy Times 7‚, bevor bei ‚The Boy Who Blocked His Own Shot‚ die Luft neuerlich brennt und das strahlend schöne ‚The Boy Who Blocked His Own Shot‚ vom Publikum textsicher übernommen wird: der Feuerzeugmoment der Show, wirklich schwächer wird der restliche Auftritt allerdings nicht mehr.
Das abschließende Quartett vom Instant-Klassiker ‚The Devil and God are Raging Inside of Me‚ ist natürlich eine todsichere Bank und die B-Seite/Demo ‚Brothers‚ alias ‚Untitled #03‚ ein wunderbarer Dienst an der versammelten, äußerst heterogenen Fanmasse: Vom kaum volljährigen Emo-Girl bis zum mit der Band gealterten Spätdreissiger goutiert die versammelte Menge den gut selektierten Querschnitt durch alle Schaffensphasen in lautem Applaus, auch wenn sich absolut bedingungslose Euphorie nur mit kleinen Unterbrechungen einstellen will.

Brand New Live 1

Zur Zugabe geht es dann dennoch Schlag auf Schlag. Lacey kommt alleine zurück auf die Bühne und bringt erst eine überraschende Prise Humor mit – „We are the Foo Fighters“ nölt er und stürzt sich andeutungsweise in ‚Everlong‚ („Had you for a second!„) – bevor er ‚Soco Amaretto Lime‚ als Song ankündigt, der sein Gefühlsleben zwar in keinster Weise mehr widerspiegeln würde, was aber ja als gutes Zeichen der Weiterentwicklung zu verstehen sei – nur um dann ein letztes Mal ganz großes Kino heraufzubeschwören. Denn so oder so gerät die ‚Your Favorite Weapon‚-Nummer zum imposanten, angenehm zurückgenommenen Rausschmeißer und ergreifenden i-Tüpfelchen des Abends, was freilich auch dem bedingungslos den Backgroundchor machenden Publikum zu verdanken ist, das seine Rolle mit Inbrunst übernimmt und den Abend schlussendlich in den Himmel trägt: „You’re just jealous cause we’re young and in love“ hallt es wider, keine Plattennadel unterbricht die beinahe magische Intimität des Moments, bis Lacey seine Gitarre in eine letzte Feedbackattacke stürzt. Ein Abend, von dem sich notfalls durchaus weitere 6 Jahre Wartezeit zehren ließe.

Brand New Live 3

Setlist:
Mene
Sink
Gasoline
Millstone
You Won’t Know
Sic Transit Gloria…Glory Fades
Seventy Times 7
Okay I Belive You, But My Tommy Gun Don’t
The Boy Who Blocked His Own Shot
Mix Tape
At The Bottom
You Stole
Brothers (Untitled #03)
Sowing Season
Luca
Degausser
Jesus

Encore:
Soco Amaretto Lime

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