Chelsea Wolfe – The Dark
Vielleicht hat die sich immer wieder neu erfindende Chelsea Wolfe mit The Dark tatsächlich so etwas wie ihr Pop-Album geschrieben. Sicher aber ist es zumindest eines ihrer konsenstauglichstes Werke.
Während unter zahlreichen Schichten so oder so viele Ebenen warten, die es zu entdecken gilt, besticht der neunte Solo-Langspieler der Amerikanerin vor allem mit ein paar der besten, zugänglichsten und größten Songs ihrer Karriere.
Wie Cold von seinem Ausgang auf der Acoustic-Veranda mit Americana-Vibe, Folk-Beherztheit und Goth-Ästhetik über die weite Prärie in seiner weichen, runden Produktion auf einem endlosen Highway mit dem Gefühl aufbricht, ein erhebendes Momentum hinter dem Horizont zu erkennen, hätte beispielsweise ein ebenso zeitloser wie moderner Teil des Soundtracks sein können, wenn Tarantino nach Django ein melancholisches Roadmovie vorgeschwebt wäre. Seethe ist ein zu seinem catchy Refrain nach vorne gehender Ohrwurm und veritabler Alternative-Hit mit Industrial-Patina, der seinen Drive vor die sphärische Ebene schiebt und keine Sekunde zu lange dauert. Noch eindrucksvoller ist Swallower, das erst zurückhaltend durch eine sinistre Bekümmertheit tapst, dann aber einen geradezu Stadion-tauglichen Refrain für epochale Kathedralen auspackt, für den Wolfe in aller verzweifelter Wucht fleht und beschwört – zum Niederknien: „My head’s a mess, but I won’t sink/ Into your well so easily/ I had to learn how not to breathe/ You took your time, you took from me“.
Nocheinmal übe all diesen Glanztaten steht der Titelsong, in dem Wolfe wie Marissa Nadler über die Saiten zupft und lange eine besonders zurückhaltend intime Seite ihrer Gefühlswelt erforscht, deren ruhige Grandezza besonders subversiv unter die Haut geht – bis sich das Herzstück der Platte mit einem majestätisch schreitenden Finale selbst krönt, bei dem die behutsame Wucht der Musik unter den Chorus gespült wird: In seinem dunklen Bezugssystem ist das geradezu aus der Nische wachsender massentauglicher Pop für die Unterwelt.
Und so ansteckend und überwältigend, dass das später nach dem selben Prinzip funktionierende Death Is Not the End (als slowcore’endes Singer-Songwriter Geklampfe, das sich in der zweiten Hälfte vom Drone und Doomgaze umarmen lässt) auch unverdient redundant wirken kann.
Dennoch: Die Art und Weise, wie Wolfe hier auf emotionaler Ebene packt, ist weniger speziell, als auf ihren bisherigen Alben, dafür auf eine universelle (oder eventuell gar auch konventionelle) Weise emotional umso eindringlicher. Gerade auch, weil diese neue, nichtsdestotrotz so vertraute Facette ihres Sounds absolut natürlich passiert.
Der Arbeitsprozess des durch Jennifer Decilveo zum Trio erweiterten Stamm-Duos aus Wolfe und Ben Chisholm sei eben „really quickly and easily“ gewesen. Was man den Songs anhört, während die Inszenierung diesen Umstand ebenso reibungslos wie detailliert forciert.
Deswegen ist es auch verschmerzbar, dass die Highlights der Platte das restliche Material überschatten – zumal die restlichen Stücke der Atmosphäre und Ganzheitlichkeit zuarbeiten.
Schroff schlurfend und stacksend ist das gedrosselte Halo beispielsweise ein souveräner Uh Huh Her-Zögling, der die eigene Handschrift der Amerikanerin alleine über die Texturen überdeutlich formuliert, während I’m Not There gefällig als bezaubernde Ballade plätschert, traurig und tröstend. Humours poltert abgedämpft elektronischer mit dröhnenden Schattierungen und öffnet sich im Refrain etwas zu forciert in den theatralisch getragen Dark Folk umschaltend, derweil der schwelgende Alternative Chorus der klackend polternd-schrammelnden Drone-Kuscheldecke Turn the Key ausnahmsweise enttäuschend blass bleibt. Dafür sind die dezenten bleibenden cinematographischen Streicher-Arrangements umso meisterhafter eingeflochten und verstärken die Wirkung der Platte auf imaginativer Ebene subversiv.
Dancer in the Sky geht mit einem Bein im malerischen Score und dem anderen im Lorde Blockbuster-Abspann sogar noch einen Schritt weiter, tariert den Kitsch aber genau richtig dosiert dort aus, wo The Dark mehr Fans finden könnte, als jede andere Chelsea Wolfe-Veröffentlichung – selbst wenn sie die angestammte Anhänger-Basis dafür wohl umso deutlicher polarisiert.


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