Ryan Adams – The Suicide Handbook
The Suicide Handbook hätte seinerzeit der Nachfolger von Ryan Adams‚ Debütalbum Heartbreaker werden sollen, ist von der Plattenfirma aber als zu unkommerziell und melancholisch angelehnt worden. Nun, knapp zweieinhalb Dekaden später, erscheint das sagenumwobene Werk allerdings tatsächlich doch noch.
Weil Ryan Adams zuletzt in seinem Archiv mit sehr ambivalenter Schwankungsbreite unterwegs war, war die Ankündigung eines offiziellen Releases von The Suicide Handbook zugegeben mit reichlich Bedenken verbunden: Das Ausmisten der Mottenkiste mit Self Portrait funktionierte ja ebenso durchwachsen, wie sich die Einspielungen etwaiger Klassiker hier und da zumindest als nicht unbedingt essentiell erwiesen – und vor allem gab es da ja auch Blackhole, das aus dem Kanon der sagenumwobenen unveröffentlichten Adams-Alben stammend in seiner letztlich offiziellen Version eine mittelschwere Enttäuschung darstellte.
Dass Adams selbst schon früh beschwichtigen wollte und PAX AM die Platte als Sammlung der „original recordings in their rawest and untouched form“ bewarb, wollte angesichts der mitunter desolaten Performance, die der 51 jährige als Label-Chef mit teils unterirdischer Qualität bei seinen Produkten in jüngerer Vergangenheit oft lieferte, diesbezüglich zwar nur für eine relative Zuversicht sorgen.
Doch liefert das streitbare Enfant Terrible diesmal ausnahmweise punkgenau die Wunschvorstellung bedienend ab, und legt für die wenigen verbliebenen DRA-Fans sozusagen sogar Ostern und Weihnachten am Ende einer erfolgreichen Gralssuche zusammen.
Soll heißen: The Suicide Handbook bietet in seiner offiziellen Version praktisch (abseits einiger weniger dezenter soundtechnischer Säuberungsaktionen im Klang) exakt das Material der bekannten Bootlegs in den Usprungsversionen an. Keine Adaptionen, keine Neuaufnahmen, kein zusätzlicher Reverb. Wir haben es hier schlicht und einfach tatsächlich mit den ruhigen, intimen Mitschnittezu tun, die Adams seinerzeit mit Bucky Baxter eingespielt hat – sparsam auf ein unscheinbares Acoustic-Setting reduziert, wo Idiots Rule the World mit seinem Piano und dem 80er-Vibe durch die Drum-Machine inszenatorisch schon am weitesten draußen ist. Adams singt absolut anmutig, warm, weich und sanft, erzeugt eine Nahbarkeit und berührt mit der naturbelassenen Schönheit des Materials.
Und natürlich ist eines der Vergnügen von The Suicide Handbook deswegen, die hier versammelten, minimalistischen Versionen den später in ausführlicher arrangierter (Band)Version auf etwaigen Studioalben gelandeten Interpretationen gegenüberzustellen – und sie in ihrem urpsünglichen Simplizismus neu zu entdecken.
Wobei dies primär für die letztlichen Gold-Songs Wild Flowers, Firecracker, Just Saying Hi (das unter dem Titel Answering Bell ein Hit werden sollte) und La Cienega Just Smiled bzw. eigentlich auch das catchy Purple Rain‘eske Touch, Feel & Lose sowie Off Broadway von Easy Tiger gilt. Denn die Demolition-Tracks Cry On Demand (Two uf Us lässt grüßen!), Dear Chicago (das sich hier noch allein mit dem Städtenamen zufrieden gibt) und She Wants To Play Hearts sind identisch mit jenen Versionen des 2002er-Langspieler – und sowieso nur auf den physisches Ausgaben der Platte vertreten (weswegen Adams bei etwaigen Streaming-Diensten zu einem Playlist-Kniff gegriffen hat).
Insofern gilt noch mehr: Auch wenn man The Suicide Handbook also seit Jahrzehnten als Bootleg zuhause hat, ist es einfach traumhaft, sich das Werk nun mit dem Segen des Schöpfers ins Regal stellen zu können. Sein Herz nochmal an das aus romantischen Sommernächten herübergewehte California Love zu verlieren oder Ohrwürmer wie Pretenders nicht mehr aus den traurig schwelgenden Gehörgängen zu bekommen. Darüber nachdenken, ob die Songsammlung in Summe zu lange ausgefallen ist (ja, eigentlich schon!) und ob es zwischen all den Highlights Nummern gebe, auf die man deswegen verzichten wollen würde (nein, eigentlich nicht!). Und natürlich hoffnungsvoll davon zu träumen, dass sich andere Archiv-Legenden wie 48 Hours, Darkbreaker oder die Pinkheart Sessions bald schon zu diesem Schmuckstück eines verloren geglaubten Album-Sohnes gesellen werden.


Kommentieren