Colin Stetson and Sarah Neufeld – Never Were the Way She Was

von am 10. Mai 2015 in Album

Colin Stetson and Sarah Neufeld – Never Were the Way She Was

Auf ‚New History Warfare Vol. 3: To See More Light‚ arbeitete Colin Stetson mit Hilfe der Stimme von Bon Iver Buddy-Justin Vernon bereits hart daran, seinen Saxophon-Fieberträumen neue Ebenen zu erschließen. Für ‚Never Were the Way She Was‚ kommt er diesem Ziel auf anderem Wege sogar noch näher – indem er im Verbund mit Violinistin Sarah Neufeld seinen Expansionsdrang nach innen kehrt.

Dass Stetson und Neufeld perfekt miteinander harmonieren, das konnte man aufgrund der sich immer wieder überschneidenden Viten der beiden schon ausmalen (in unterschiedlichen Rollen standen die zwei mitunter bereits im Dienst von Arcade Fire und dem Bell Orchestre), bevor das Duo 2013 für den Soundtrack zu Blue Caprice gleich vollends exklusiv miteinander kooperierte. Erst das gemeinsame Studioalbum ‚Never Were the Way She Was‘ unterstreicht nun aber die kongeniale Wirkungskraft von Stetson und Neufeld in voller Blüte – auch wenn die knapp bemessenen 43 Minuten Spielzeit letztendlich eher wie ein vorsichtiges Austesten der nach oben ohne Grenzen versehenen Interaktionsmöglichkeiten wirken.
Denn ‚Never Were the Way She Was‚ ist keine uferlose Expedition geworden, in der sich die beiden Ausnahmekünstler gegenseitig über ihre Grenzen hinauspushen, sondern vielmehr ein zumeist flüchtig bleibendes in-sich-gehen, in der Stetsons Bläser- und Neufelds Streicherinstrumente sich unter die Lupe nehmen, sich umgarnen und aneinanderschmiegen, miteinander verwachsen und ins gedankenverlorene träumen geraten.

Dabei übernimmt der Allround-Bläser Stetson die Rolle des akribisch tüftelnden Feingeistes, lässt seine Instrumente klackern und tapsen, röcheln und säuseln, erstaunlich werkeln, während Neufeld sich vor allem darauf konzentriert betörende Atmosphärewelten zu malen, behutsame Harmonien über die phasenweise schlichtweg atemberaubenden Klanggebilde zu legen und die bisweilen schizoid ausartende Kunst der Saxophonwälle mit mal dramatischen, mal intimen, mal eleganten Spannungsbögen in Zaum zu halten.
Dass die 8 Soundlandschaften in den End of the World-Studios in Vermont dabei ohne jedwede Overdubs und Loops aufgenommen wurden, muss man bei Stetson wohl nicht mehr extra erwähnen; bestialisch imposant bis einfach unglaublich ist das dann aber doch immer wieder mal wieder: ‚With the Dark Hug of Time‚ stampft bedrohlich durch eine unerbittlich Dunkelheit, trügerisches Violinenschimmern begleitet ein im Sterben liegendes Saxofon, das vor Schmerzen zu brüllen scheint, einen bestialischen Todeskampf mit sich selbst ausficht. ‚The Rest of Us‚ pulsiert danach mit einer hirnwütigen Rhythmik am Rande des Wahnsinns, ein detailierter Stammestanz im gefährlichen Trancezustand.

Das bluesig torkelnde, repetitiv bedrückende ‚Won’t Be a Thing to Become‚ arbeitet davor hinter gespenstischem, choralem Wehklagen mit einer derart eigenwilligen Herangehensweise an hypnotische, märchenhafte, unwirkliche Melodien, die man in ähnlicher Ausführung höchstens im Repertoire skurriler Avantgarde-Expeditionen finden könnte – und etabliert eine der größten Stärken der Platte: ‚Never Were the Way She Was‚ ist keine verkopfte Spezialistenmission, sondern funktioniert in erster Linie auf emotionaler Ebene, als zutiefst bedrückender Trauerklos für ein in Wehmut darbendes  Kopfkino.
Wenn das Duo den wunderschönen Spuk aber nach annähernd drei Minuten bereits wieder abdreht, wünscht man sich doch, dass der Zuhörerschaft eine größere Aufmerksamkeitsspanne zugetraut worden wäre. So bleibt nämlich zu oft der Eindruck, dass das gemischtgeschlechtliche Doppel aus Kanada nur selten an seine Limits geht, sich lieber zurücknimmt und die Songs mit äußerst sorgsamer Vorsicht wachsen lässt, die aufgebaute Atmosphäre nicht durch seine technischen Skills verdecken will, einigen Kompositionen dadurch aber auch den Raum nimmt, sich in voller Stärke zu entfalten.
Weil gerade die überragendensten Momente hingegen skizzieren, zu welchen Geniestreichen das Duo fähig ist, ‚Never Were the Way She Was‚ hinten raus dazu mit seinem Titelsong nur bedingt vom Fleck kommt bevor das knapp 100 sekündige ‚Flight‚ unscheinbar ausbrennt, fühlt sich das erste gemeinsame Full Lenght der Instrumental-Virtuosen anhand seiner knackigen Kürze auch eher wie ein hungrig hinterlassendes Aufflackern des epischen Potentials der Kombination Stetson/Neufeld an, wie ein grandioser Teaser der Dinge, die da noch kommen könnten und hoffentlich werden.

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