Thou – Inconsolable

von am 18. Juni 2018 in EP

Thou – Inconsolable

Selbst der Auslagenwechsel von The House Primordial konnte unmöglich auf den neuerlichen Stilwechsel vorbereiten, den Thou knappe vier Wochen später auf dem Weg zu Magus vollziehen: Die Doom-Macht aus Baton Rogue zelebriert auf Inconsolable atmosphärischen Dark Folk mit Slowcore-Tendenzen und weiblichen Hauptdarstellerinnen.

Mögen die Grunge-Fanatiker Thou selbst dafür auch vor allem Nirvana als erste Referenz ins Spiel bringen („Inconsolable is Thou’s tribute to Nirvana’s „acoustic“ MTV Unplugged in New York performance – a funeral with amplifiers and an unnaturally impactful experience in the abyss of lawless and unregulated impulses, desires, wishes, passions that Thou’s prolific work has sought to make rock music a realistic portrayal of.“) und erst das kommende Rhea Sylvia als Tribut an Alice In Chains verstanden wissen – die Ausrichtung von Inconsolable muss man sich über weite Strecken doch so vorstellen, als würde Chelsea Wolfe plötzlich der Band von Jerry Cantrell vorstehen.
Womit Thou ihren angestammten Trademarksound auch mehr noch als auf The House Primordial bereits zur Seite schieben: Weite Teile der Platte kommen als rein akustisch instrumentierte Lagerfeuernummern aus der Apokalypse daher, während Bryan Funcks prägendes Geschrei vollkommen verschwunden ist: „But, to those of us who have worked with and inevitably then for Funck in New Orleans and beyond, his voice manifests just as presently on Inconsolable in other signature contributions such as philosophically pessimist lyrics, his self-effacing support of his community, the ironic streak that he likes to use as a smokescreen, and, of course the brutally obscure Nirvana worship.“.

The Unspeakable Oath positioniert sich mit akustischen Gitarren und einem so zurückgenommen und dienlich spielenden Schlagzeug so ruhig und geduldig in der Nähe von SAP oder Unplugged, artikuliert seine Melancholie aber nicht hoffnungslos oder verzweifelt. Da ist eine unterschwellige Kraft, ein Aufbegehren. Alleine der zweistimmige Gesang erinnert atmosphärisch an Staley und Cantrell – beschwörend, sehnsüchtig, leidend: „So I wish and I pray for day, but there’s no cure, and there’s no change–just a steady pouring rain, just a steady bleeding vein“. Thou haben nicht umsonst den Tag The Sound of Hearts Breaking für die Nummer gefunden.
Weibliche Backingchöre sorgen schon hier hinten raus für einen geradezu sphärischen, elegischen Überbau – sie werden ab diesem Zeitpunkt einen Gutteil der Vocals auf Inconsolable ausmachen.
Emily McWilliams und Melissa Guion sind alte Bekannte der Band, haben immer wieder für ambiente Ausflüge mit Thou kollaboriert. Derart prägend und definierend für den Charakter einer Veröffentlichung der Kombo aus New Orleans waren sie jedoch noch nie zuvor. Wobei man auch konstatieren muss: Würde Inconsolable nicht unter dem Banner von Thou erscheinen, würde das Songwriting an sich mit einer sehr eklektischen Genreausrichtung vielleicht etwas weniger beeindrucken, als es in Form einer formvollendeten Wandlung der Band abseits ihres Signature-Sounds nun tut. Den Rest besorgt die unheimliche Dichte, die Thou über ihre acht so unprätentiös im Dienst der (Verwandlungs)Sache aufgehenden Songs stülpen.

Eine sinistere, ungemütlichere Stimmung zieht im imaginativ so bildgewaltig betitelten Come Home, You’re Missed auf, stampft mit Gothic-Ambiente Richtung PJ Harvey, stimmlich in der Nähe von Kamara Thomas von Earl Greyhound, abseits davon aber vibriert die Nummer ihr bedächtig pochendes Gebräu zusammen.
Im epochalen The Hammer folgen KC Stafford, Emily McWilliams, Melissa Guion und Nicole Estill einer knarzigen Violine, entschleunigt und müde, abgekämpft. Der Refrain schleppt sich mit letzter Energie, suizidal neben der Spur und behäbig, schwingt sich als das Herzstück der Platte mit letzter Kraft aber doch noch zu einem beinahe feierlichen Höhepunkt auf. Danach gibt Behind the Mask, Another Mask eine uferlos treibende Sinnsuche: Die leise Gitarre folgt alleine den Stimmen von McWilliams und Guio, doch primär ist dies ein Durchatmen nach der erdrückenden Dichte von The Hammer: Es ist auch dieses Gespür für das Anziehen und Lösen dynamischer Spannungpunkte, die Inconsolable als typisches Thou-Platte auszeichnet.

Fallow State ist danach abgekämpft, eine absolut resignierende Ballade. Der Refrain könnte ein Licht am Ende des Tunnels in Aussicht stellen, würde nicht alles derart klaustrophobisch bleibend. Dennoch scheint der Song immer mehr Last abzustreifen, lässt letzten Ende eine beschwörende, leise klopfende Bewegung ins Spiel, als würde der Song doch noch aufsteigen und Erlösung finden können. In Into the Scourge Pit schrammt die Akustische rostig durchhängend erst wie bei Pallbearers The Legend, ein tiefes Mollpiano tropft auf den Song. Vergleichsweise locker und luftig lehnen sich Thou an die ästhetischen Hohheitsgebiete von Marissa Nadler – und auf die letzten Meter wieder an eine Fidel.
Strukturell fällt spätestens hier auf, dass Thou in den finale Szenen der jeweiligen Songs immer wieder (etwas vorhersehbar) noch einen inszenatorischen Kniff nachlegen – aber diese Formelhaftigkeit fällt nicht negativ ins Gewicht, weil die Band dieses ohnedies immer wieder neu verlagert.
Nach dem Kern der EP Auf der Zielgeraden schließt sich der Kreis der Synergie auf Inconsolable deswegen auch. Find the Cost of Freedom ist erst lange Zeit eine ausschließlich instrumental strawanzende Outlaw-Gitarrennummer, atmet ein weit offenes Panorama. Plötzlich steigt ein mantraartiger mehrstimmiger Chor (Jacques Boudreaux, Michael Moss, Clayton Hunt und Dr. Scott Francioni) in die Nummer, macht ihn zum Gospel, die der Platte den Sündenerlass erteilt: „Find the cost of freedom, buried in the ground. Mother earth will swallow you, lay your body down„.
Entombed in Man schließt als rein instrumentaler Epilog den versöhnlichen Kreis zum Opener – und spannt mit einer subtil im Untergrund nahenden Feedback Drone vielleicht auch zu Magus.

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