Crippled Black Phoenix – No Sadness Or Farewell

von am 28. Oktober 2012 in EP

Crippled Black Phoenix – No Sadness Or Farewell

Der Eindruck des gerade einmal neun Monate alten ‚(Mankind) The Crafty Ape‚ setzt sich auf ‚No Sadness or Farewell‚ fort: Crippled Black Phoenix stagnieren in der Marschrichtung gen Classic-Rock und zeigen erstmals akute Abnutzungserscheinungen.

Dass Mastermind Justin Greaves das seit ‚(Mankind) The Crafty Ape‚ entstandene Material ohne viel Wartezeit so schnell wie möglich raushauen wollte, macht nur Sinn: das leidige Thema des immer noch dubiosen Abschieds von Ausnahmesänger Joe Volk soll endlich und endgültig abgehakt werden. Nachdem auf der vorangegangenen Tour noch Matt Simpkin interimistisch übernommen hatte, steht mittlerweile John E. Vistic – Singer-Songwriter aus der Crippled Black Phoenix-Heimatstadt Bristol, Vorstand der nach ihm benannten Band John E. Vistic und dank seiner Fertigkeiten an der Posaune spätestens seit dem unumstößlichen Meisterwerk ‚Night Raider‚/‘The Resurrectionists‚ kein gänzlich Unbekannter – als fixer Nachfolger Volk’s fest. ‚No Sadness or Farewell‚ verwehrt sich jedoch nachhaltig dagegen, eine bloße Vorstellungsrunde für „den Neuen“ zu werden.

Das manifestiert sich am deutlichsten im nahtlosen „Album“fluß – denn natürlich ist eine EP oder Mini-Album für Crippled Black Phoenix alleine von der Länge her eine breitere Spielwiese als für die meisten anderen Bands -, beginnt aber gleich beim Opener ‚How We Rock‚: einer über zwölf Minuten langen Instrumentalnummer, welche den Einstand von Vistic hinauszögert, von Justin Greaves und dem kongenialen Karl Demata wieder souverän in alle Nischen zwischen Post-Rock und Crippled Black Phoenix-typischer Endzeit-Ballade gelenkt wird, die Spannung so untrüglich an Pink Floyd und Mogwai, also den ewigen Säulenheiligen der Band, gleichermaßen geschult mit viel Dramatik auf majestätische Dimensionen anwachsen lässt. Dass man das so von Crippled Black Phoenix schon zahlreiche Male ganz ähnlich nur besser gehört hat, stört nicht weiter, der Blick über die Schulter zurück auf ‚I,Vigilante‚ tut sogar gut.

Dennoch packen die versammelten Songs nicht mehr mit einer derartigen Gänsehaut, wie das bei den stärksten Momenten der Band vor dem Jahr 2012 der Fall war. Bestes Beispiel: das geübte Mini-Epos ‚One Armed Boxer‚ – ebenfalls rein instrumental, abwartend und beschwörend, ein mit meditaven Schönklang ausgestattetes Quasi-Interlude wenn man so will, aber eben auch ohne das nötige Quäntchen Magie alter Glanztaten. Markanter sind deswegen auch die gesungenen Songs auf ‚No Sadness or Farewell‚, die gleich zweierlei gelungene Überraschungen parat halten. ‚Hold On (So Goodbye to All of That)‚ ist die Premiere von Vistic, der mit tiefen Timbre Volk zwar nicht das Wasser reichen kann, der Band mit unheimlich pathetischen Gesang aber zweckdienlich genau das liefert, was die leicht schmierige, die der Band so gut gefallende Partisanen-Bild perfekt bedienende Powerballade jedoch braucht. Das wächst bis zum gigantisch gedachten Chor-Finale zu einer souligen, zwar vorhersehbaren, aber sicherlich vor allem Live richtig zündenden, potentiellen Evergreen von Crippled Black Phoenix, der irgendwo sogar den Bogen zu INXS spannt – nur seinen Ansprüchen nicht ultimativ stand halten kann, emotional nie so berührt, wie es wohl sollte.

Viel markanter aber noch der Gastauftritt von Belinda Kordic [und nicht, wie hier anfangs irrtümlich angenommen Miriam Wolf, Anm.]: statt der Doro-ähnlichem Powervocals von Tracy Chapman gibt es in ‚What Have We Got To Lose?‚ feenhaften Gesang aus ätherischen Gefilden, nicht unweit einer Martina Topley Bird. Wenn der Song nach knapp fünf Minuten aus seinem Gedöse erwacht, hat das immer noch viel Schlaf in den Augen, Banjos im Hintergrund, schwebt leichtgliedrig zu seinem rockigeren Finale. Diesen Faden nimmt das geradezu brachial einsetzende ‚Jonestown Martin‚ nur zu bereitwillig auf, bastelt sich als Melange aus ‚(Mankind) The Crafty Ape‚ und ‚I,Vigilante‚ eine stimmungsvolle Übungseinheit samt nervtötendem Space-Sound-Finale.

Dass ‚No Sadness or Farewell‚ im Gesamten unter der schieren Brillanz seiner Vorgänger zu leiden hat, daran kann auch der progressiv-reitende Folkrock von ‚Long Live Independence‚ wenig ändern, in dem Crippled Black Phoenix mit energischem Nachdruck zu Mumford and Sons schielen. So gelingt Crippled Black Phoenix mit einem „nur“ souveränen Werk sowohl die ansatzweise Bereicherung ihres umfangreichen Schaffens wie der gelungene Ausblick auf folgende Bandkapitel, die nun endgültig aufgeschlagen werden können. Dennoch hinterlässt ‚No Sadness or Farewell‘ neben einer grundsätzlichen Enttäuschung ob der Erwartungshaltungen auch klar einen fahlen Beigeschmack abseits der Musik: unterschiedliche Tracklisten auf Vinyl- bzw. CD-Versionen machen zwar aufgrund der transportierbaren Länge Sinn, sind aber keine nette Geste an die Geldbörse des kaufwilligen Fans.

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