Deftones – Koi No Yokan

von am 11. November 2012 in Album

Deftones – Koi No Yokan

Man muss den Albumtitel nicht verstehen, um zu wissen, was man serviert bekommt: echte Überraschungen bleiben auf dem siebten Deftones-Langspieler zwar aus – ein schwaches Album werden die Kalifornier in diesem Leben aber wohl auch nicht mehr zustande bringen.

Koi No Yokan‚ ist ein Werk geworden, wie es mittlerweile nur zu symptomatisch für Veröffentlichungen altgedienter Helden im Jahr 2012 steht. Was die zweite Platte der Deftones mit dem Chi Cheng vertretenden Sergio Vega am Bass mit aktuellen Alben von etwa Converge, Neurosis, auch The Walkmen oder sogar Soundgarden gemein hat? Erarbeitete Trademarks werden da wie dort ohne Fehl und Tadel bedient, große Innovationen, mutige Weiterentwicklungen oder gravierende Überraschungen dafür aber weitestgehend ausgespart – und letztendlich funktioniert diese souveräne Herangehensweise ohne Ermüdungserscheinungen, weil das Songwriting stimmig ist, erarbeitete Alleinstellungsmerkmale und Stärken auf grundsolider Basis etwas von einem Bausparvertrag haben: wenig Nervenkitzel, aber ein sicheres, zweckdienliches, begeisterndes Ergebnis. Für ‚Koi No Yokan‚ bedeutet dies nüchtern betrachtet, dass sich die Band damit begnügt, die beiden Vorgängerplatten ‚Saturday Night Wrist‚ und ‚Diamond Eyes‚ zu addieren, kräftig durchzuschütteln und sich das Beste aus der Teilmenge  herausfiltert und mit eigenständiger Atmosphäre anreichert.

Passend dazu saß abermals Nick Raskulinecz an den Reglern. Um all jenen zuvor zu kommen, die sich am Sound der letzten Platte gestoßen haben, schickt ‚Koi No Yokan‚ mit dem in der Trackliste kurzfristig vom vierten Platz in die Poleposition gewechselten ‚Serve City‚ einen Opener voraus, der klar machen soll: die Deftones lassen es wieder herzhafter krachen als zuletzt, der knackige 165-Sekünder stampft von der ersten Sekunde an von Abe Cunningham gnadenlos angetrieben los, hat eine derartige Freude an seiner dunklen Brachialität, dass die leicht stumpfe Vorhersagbarkeit egal wird und auch die Tatsache, dass das in der Strophe hypnotisch schwingende ‚Romantic Dreams‚ wenig organisch an einen weit ausholenden Killerrefrain – der ‚Beware‚ mit ‚Diamond Eye‚ kreuzt – heftet. Zumal ‚Koi No Yokan‚ danach keinerlei „Schwächen“ mehr zeigt, sondern sich regelrecht durch die Kompetenzen der Band wütet und die folgenden 44 Minuten makellos nach Hause spielt.

Poltergeist‚ (ehemals ‚Roller Derby‚) macht den randalierenden Radaubruder mit tief hängenden Seiten und maschinellen Handclaps, ‚Entombed‚ ist der betörende Zwilling von ‚Sex Tape‚, meditativ treibender Schwermut in Schönheit also, biegt dann aber mit kristallisierenden Synthies noch Richtung Wave und M83 ab. Das vorab bekannte ‚Feathers‚ unterstreicht abermals, dass die Deftones ein untrügliches Faible für große Rockrefrains in wütenden Landschaften haben, ‚Graphic Nature‚ ist ein Musterbeispiel für jene Art metallischen Alternative-Rocks geworden, den die fünf Kumpanen mittlerweile ohne Anstrengung aus dem Handgelenk schütteln, spannt gar Assoziationen zu ‚White Pony‚.
Überhaupt wird ‚Koi No Yokan‚ gefühltermaßen mit Fortdauer der Spielzeit immer stärker: ‚Tempest‚ wächst wie ‚Leathers‚ im Albumkontext zusätzlich, ist mit seiner beinahe leise hallenden Hymnik eine würdige Single und dazu sicherer Anwärter für potentielle Best-of Compilations: der in sich gekehrte Beginn wird im nächsten Moment zur schwer walzenden Riffattacke, der monströse Refrain hält das ausufernde Klangbild mühelos zusammen. ‚Rosemary‚ überstrahlt dies dennoch; einer luzide treibenden Einleitung schleppt sich ein Doom-würdiges Riff zu himerlhohen Melodie: die Deftones spielen hier annähernd ihre ureigene Version von kompakten Post-Metal, samt anschmiegsamen Outro.

Um zu orakeln, dass der Brecher ‚Goon Squad‚ live zu einem wahren Rausch mutieren wird, dafür braucht man sich nicht allzu weit aus dem Fenster lehnen, ‚What Happened To You?‚ überrascht mit seinem Duran Duran-artig geschnepften Strophe und steht damit in der Tradition der großen Albumcloser der Deftones. Dass ‚Koi No Yokan‚ auch im Gesamten nur marginal hinter dem in den letzten 15 Jahren geschaffenen Material der Band besteht, für diese Erkenntnis braucht es jedoch seine Zeit – weswegen der Albumtitel  (die Ahnung, dass aus einer Begegnung Liebe entstehen könnte; frei nach dem gleichnamigen 1984er Hit der Band  Anzen Chitai) letztendlich absolut Sinn macht. Nicht nur, weil die Deftones mit dem sagenumwobenen Gefriertruhen-Album ‚Eros‚ oder dem ‚Hexagram‚-Anhängsel ‚Lovers‚ als angedachten Titeltrack des doch selbstbetitelten 2003er Albums immer schon eine Affinität zur Liebe als Namenspender hatten, sondern, weil ‚Koi No Yokan‚ keine Liebe auf dem ersten Blick sein muß, aber unbedingt andeutet, dass da noch deutlich mehr aus der grundsätzlich vorhandenen Zuneigung werden wird. Das siebte Album der Kalifornier wächst aufgrund überragender Einzelsongs, mehr noch aber anhand der unglaublichen Dynamik, der versierten Vielschichtigkeit, der dichten Atmosphäre, die ‚Koi No Yokan‚ mühelos abbildet. Eine aggressive Schönheit ohne Zorn wächst hier. Natürlich hat man das alles so ähnlich schon von ihnen gehört. Doch haben die Deftones den Bogen insofern raus, als das man ihnen dies nicht zum Nachteil auslegen muß.

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  • Deftones - Gore - HeavyPop.at - […] zum langsam wachsenden, sauber ausgeleuchtet und prägnant auf den Punkt produzierten ‚Koi No Yokan‚ durchaus ernüchternd. ‚Gore‚ fehlt es…

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