Disappears – Era

von am 24. August 2013 in Album

Disappears – Era

Era is a beginning“ sagen die dunklen Rocker von Disappears und behalten Recht: zurückgekehrt aus den Weiten des Space bringen die Chicagoer Dark-Postpunk-Shoegazer ihre seit jeher vorhandenen PS erstmals adäquat auf den Boden der Tatsachen.

Die Weiten der Unendlichkeit dauerten für Disappears knapp 15 Minuten, hören auf den Namen ‚Kone‚, und manifestieren als ‚Era‚-vorwegeilende EP den Wendepunkt von dem aus das mittlerweile wieder ohne (Ex-?)Sonic Youth Drummer Steve Shelley spielende Quartett ihren Sound weiterentwickelt und ausformuliert. Das beginnt damit, dass die Songs auf ‚Era‚ mehr Platz zu atmen bekommen, wachsen dürfen wohin sie wollen, sich ausdehnen: ‚Ultra‚ pumpt sich über beinahe 10 Minuten seinen Weg aus dem sonnenbrillentragenden Klangmeer beharrlich und lasziv frei. Die produktive Band um Brian Case hat seit letztem Jahr offenbar exzessiv Liars gehört und deren Eindringlichkeit ins eigene Schaffen transferiert: der Josh-Hommige Fistel-Harmoniegesang bleibt während ‚Ultra‚ im Hintergrund oder reine Halluzination, bevor dieses Mantra von einem Song am Ende Erlösung zu finden scheint. Die Sicherheit bleibt jedoch, dass diese Platte auch in weiterer Folge dem Hörer jederzeit ein Messer in den Rücken rammen kann.

Sicher wären Songs wie das ebnergetisch-archaische ‚Power‚, mit seinem stolpernden Groove und seinen am Ende unverfänglich spielenden Melodieansätzen bereits auf dem Vorgänger ‚Pre Language‚ möglich gewesen, doch vor allem im Kontext funktioniert das kühle, verruchte Gebräu erst im vierten Anlauf so wuchtig und unmittelbar, schlicht ungezwungener und natürlicher, entfaltet seine unheilvolle Sogwirkung effektiver.
Und dann versuchen Disappears eben für ihren Kosmos neue, bisher schier undenkbare Dinge, treiben ihre krautigen Rhythmen weiter in einen kompakten Umgang mit griffigen Melodien und landen dann etwa beim zielstrebigen Titelsong, einem Ohrwurm abseits der reinen Schichtenwanderungen und bisher gelebten Tiefenexperimenten ohne sich vom biestigen Stakkato-Tanz über Thurston Moores Gitarrenlehrstunden abzuwenden (‚Weird House‚). Dann dreschen Disappears in ‚Girl‚ so trippig wie stoisch nach vor, durch unzählige Lagen Delay bis zum intensiv-explodierenden Finale, als wären die Comets in Fire aus der Vergessenheit aufgetaucht. Während des hetzenden Hi-Hat Rausch im pumpenden Lederjacken-Club ‚Elite Typical‚ funktioniert der Stoizismus der Band gefährlich, anziehend und schweißtreibend wie nie vielleicht noch nie, Neo-Schlagzeuger Noah Leger (Electric Hawk, Anatomy of Habit) erweist sich definitiv als Bereicherung, bevor das abschließende ‚New House‚ alles vorangegangene als in sich gekehrte Meditation vergiftet.
Era‚ zeigt Disappears im Gesamten mutiger, vielschichtiger und trotz all der immer noch halluzinogen dampfenden Zigarettenrauchschwaden klarer konzentriert denn je. Das Gute daran ist: die Chicagoer bleiben dabei Paradebeispiele der destillierten Rock’n’Roll-Coolness – aber dies eben nicht mehr in erster Linie: Disappears finden nun auch hinter dem Offensichtlichen statt.

07

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