Garbage – Not Your Kind of People

von am 7. Mai 2012 in Album, Reviews

Garbage – Not Your Kind of People

Wer Garbage sieben Jahre nach dem letzten Studioalbum noch auf dem Plan gehabt haben sollte, wird sich nach ‚Not Your Kind of People‚ fragen müssen weshalb. Derartig seelenlosen Konservenpoprock mit anbiedernden Elektroflair dürften sich jedenfalls die Wenigsten erhofft haben.

Tun sich Garbage mit dem geradezu grotesk misslungenen Opener ‚Automatic Systematic Habit‚womöglich einen Gefallen? Weil, auf der einen Seite ist der stupide pumpende Elektrorocker ein einziges, fassungslos machendes Missverständnis von zeitgenössischer Rockmusik: mit Italodancebeat und Discoflair samt billiger Vocaleffekte stieren Garbage auf die Tanzflächen und die unzumutbaren Zustände in den von den Lady Gagas dieser Welt beherrschten Charts – denn genau da wollen Garbage wieder hin. Ausgesorgt hat zwischen dem dauerbeanspruchten Produzent (Vig), der wenig erfolgreicher Solokünstlerin / semiprofessionellen Schauspielerin (Manson) bzw. den beiden Erfüllungsgehilfen (Erikson und Marker) offenbar keiner , anders lässt sich diese Unzumutbarkeit nicht erklären. Denn die bisherige Discographie der erfolgreichen Band sinnvoll erweitern, dass kann ‚Not Your Kind of People‚ beinahe zu keiner Sekunde. Nur, und das spannt den Bogen zurück zu den Vorteilen von ‚Automatic Systematic Habit‚, so unfassbar grottenschlecht wie im Opener werden Garbage auf ‚Not Your Kind of People‚ in keinem weiteren Augenblick der Platte. Ergebniskorrektur durch vorangestellte Abschreckungsversuche quasi.

Das funktioniert solange, wie man den Song nicht aus der Playlist löscht oder darüber hinweg hören kann, dass  Butch Vig ‚Not Your Kind of People‚ deutlich zu lange durch die Effektgeräte der Studios gezerrt , hinter jedes gedrehte Knöpfchen noch mehr Bombast geklebt hat und so ein hoffnungslos überproduziertes Album aufgeblasen hat. Analog klingt in diesem klinisch reinem Moloch nichts mehr, ein Schlagzeug, dass nicht wie vom nächstbesten Schachcomputer mit 90er Alternative Rock Holzfällerhemd erdacht werden hätte können, gilt es ersteinmal zu finden. Das dazugehörige gewisse Maß an zielgruppenorientierter Seelenlosigkeit ist seit dem Milleiniumwechsel dazu ohnedies nicht mehr aus der Musik der Amerikaner wegzudenken. Aus diesem Gesichtspunkt betrachtet leisten Garbage auf ‚Not Your Kind of People‚ eigentlich sogar ganze Arbeit: Jeder Song wird geradezu penetrant nach Schema F auf Ohrwurm mit Hitappeal maßgeschneidert, dass man die konsequent vorhersehbaren Konstruktionen ohne mit der Wimper zu zucken als nostalgisch zu verstehende Auffahrunfälle in Sachen misslungener Zurückhaltung verstehen muss. Warum nicht noch mehr, wenn mehr allein nicht genug ist? Den Moment, an dem ‚Big Bright World‚ aus seinem Elektrobeginn in den kraftvollen Rockmodus kippt, kann man jedenfalls selbst beim ersten Durchgang problemlos vorhersagen.

Und dennoch: Nicht nur hier gehen Garbage mit ihrem unleugbaren Gespür für eingängige Melodien und potentielle Hits bei ehemaligen Fans keilen, die sich durch die mediokre Vorabsingle ‚Blood for Poppies‚, deren ratlosen Ska-Beat und das fragwürdig hakende Riff, verschreckt gefühlt haben mochten. Für all jene haben Garbage wellenfürmig fließende Konservenhits wie ‚Control‚ in peto, dass mit seiner heulenden E-Mundharmonika kurzweilig für leuchtende Augen sorgen kann und die seit ‚Automatic Systematic Habit‚ heruntergefahrene Kinnlade endgültig wieder einklappen lässt. Das fünfte Album des Quartetts, es hat seine Momente, durchaus. Nur wo sind die dunklen Passagen? Warum muss jede einzelne Hookline derartig überhöht ausgeleuchtet werden? Jeder potentiell gute Song so lange gefaceliftet werden, bis keine Emotionen mehr über bleiben?

Dass Nummern wie ‚FeltGarbage endgültig als die Antwort auf eine nie gestellte Frage nach einer Retortenversion von Blondie gibt, wird die sich immer noch sirenenhaft betörend inszenierende Shirley Manson freuen, dass sich ‚Not Your Kind of People‚ irgendwann vollends in der überzeichneten Belanglosigkeit verliert, wird nicht beabsichtigt sein. Da hilft auch kein irritierender Metal Stakkato Anriss in ‚Battle in Me‚, weil es ohnedies die ruhigeren Momente als Kontrastprogramm zum Chartschielen besser machen. „You’re Not Alone“ haucht Manson dem ‚Beloved Freak‚ entgegen, uns, schon klar. Kauft man zwar kein Wort davon ab, ganz nett ist das dann aber dennoch irgendwie.
Zu wenig allerdings für diese seichte Rückkehr ohne erkennbare Nährstoffe, dem das laszive Veruchtsein vergangener Tage nur noch als Andenken gelingt. „I won’t be your dirty little secret“ tritt Manson trotzdem gleich zu Beginn biestig aus. Als geheimen Staatsakt verheimlichen müsste man seine Zuneigung zu ‚Not Your Kind of People‘ dann ohnedies nicht. Wenn schon eine nicht geringe Portion Fremdschämen genügt.

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