Harmful – Sick and Tired of Being Sick and Tired

von am 1. Februar 2013 in Album

Harmful – Sick and Tired of Being Sick and Tired

Harmful überraschen einmal mehr mit der konstanten Qualität ihres trendresistenten Noiserock. Auch Dank des neuen Line-Up sprudelt ‚Sick and Tired of Being Sick and Tired‚ nun vor Spielfreude regelrecht über, gemäß: einfach mal machen und im Rausch der eigenen Spontanität alles niederreißen.

Das „Wie“ ist auf dem auch schon neunten Studioalbum entscheidend: während einer Handvoll Proben wurden zehn Songs geschrieben, einstudiert – und so lange das Material noch unter den wunden Fingernägeln brannte, spielten Harmful jenes auch schon in nicht einmal einer Woche bei dem Guido Lukas als Idealproduzent ablösenden Moses Schneider ein, der aufgrund malender Wuchtbrummen wie ‚Sick and Tired of Being Sick and Tired‘ seinen Ruf als „Steve Albini Deutschlands“ nur weiter untermauern wird: die aufgeraute Produktion ist so druckvoll wie staubtrocken, der Bass schnepft knallhart tief hängend, die Gitarre grätscht biestig in die offenen Wunden und das Schlagzeug scheppernd gnadenlos treibend nach vorne.

Stichwort Schlagzeug: da drischt sich aufgrund des Ausstiegs von Gründungsmitglied Nico Heimann nun Sportfreunde Stiller-Mann Flo Weber explosiv durch die Noiserock-Brocken und stopft alles Zweiflern ob dieser grundlegend durchaus argwöhnisch zu beäugenden Konstellation das Maul: Harmful injizieren sich selbst frisches Blut, energiegeladener haben die Frankfurter auch auf dem fabelhaften Vorgängerwerk ‚Cause‚ nicht geklungen. Zumal die Reise für Aren Emirze und Chris Aidonopoulos wieder und immer weiter in die eigene Vergangenheit zu führen scheint, zur wenig poppigen Härte der BlueNoise-Tage – als Jesus Lizard-Platten der heißeste Scheiß überhaupt waren und die aktuellen Szenekönige Future of The Left noch nicht einmal in ihrer Urform als Mclusky Genialität auskotzten. Dass Harmful Vergleiche mit der Genre-Creme de la Creme nicht scheuen müssen sollte sich zwar schon längst herumgesprochen haben, ‚Sick and Tired of Being Sick and Tired‚ unterstreicht diese Tatsache trotzdem noch einmal fett und setzt vorsichtshalber fünf Ausrufezeichen dahinter.

Gleich ‚Like a Dog‚ stürzt sich nämlich unerbittlich in die Schlacht, ‚Ambition‚ veranlasst Aren Gift und Galle zu spuken wie ein keifender Rottweiler. Das Trio hangelt sich variantenreich durch Songs mit Kinnhakenwirkung und trumpft mit der Erkenntnis auf, dass Konsorten wie Helmet einen Brocken wie den mit seinem Finalinferno um sich schlagenden Titelsong ohnedies nie mehr schreiben werden – Harmful treten damit als lockere Fingerübung die Türe quasi im Vorbeigehen ein. So hart ‚Sick and Tired of Being Sick and Tired‚ dabei auch steht’s aus den Boxen bläst, so sehr zieht es insgeheim einen nicht geringen Teil seiner Stärke aus dem Ventil Emirsian: Melodien werden stimmiger denn je in die Kompositionen eingeflochten, mit jeder Minute tröpfelt gefühltermaßen mehr Harmonie in die unheimlich stramm gezogenen 32 Minuten. ‚Speak in Answers‚ zeigt einmal mehr, wie gut es der Band steht, wenn große Melodieeinfälle in der Brachialität zugelassen werden, ‚Distance‚ gerät im Kontext zum beinahe behutsamen Indierock-Stampfer und ‚Not Sure Enough‚ will sogar skelettierte Psychedelik ausstrahlen. Im abschließenden ‚Who’s Going to Take Care‚ darf der immer stärker nach Trent Reznor klingende Aren dann sein stimmliches Potential endgültig zwischen den Extremen ausreizen, während Harmful den Song dazu analog durch zahlreiche Höhen und Tiefen treiben. Die Freude der Band am eigenen Schaffen scheint hier förmlich aus der Konserve zu springen, der unbändige Spaß, den Harmful immer noch am Lärmen haben ist zu jeder Sekunde der Platte spürbar. Alleine diese Unmittelbarkeit hat die Institution dem Gros der Genrekollegen spielend voraus – und klingt auch nach 20 Bandjahren immer noch spannender und motivierter als so manche Jungspundbande.

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