Helen – Linda’s Head

von am 12. Oktober 2026 in Album

Helen – Linda’s Head

Über zehn Jahre nach ihrem (seinerzeit ja auch schon lange auf sich Warten gelassen habenden) Debütalbum reaktivieren Liz Harris (Vocals, Gitarre), Bassist Scott Simmons (bass) und Drummer Jed Bindeman ihre gemeinsame Band Helen für ein zweites Album: Linda’s Head.

Das Portlander Szene-Trio kann darauf so nahtlos an das im Shoegaze und Dreampop beheimatete The Original Faces von 2015 anknüpfen, weil der eklektische Sound von Helen ohnedies immer schon so nostalgisch aus der Zeit fiel, dass auch die längste Pause zwischen zwei Veröffentlichungen zwangsläufig relativiert wird.
Weswegen sich Helen mit dem Einstieg auch nicht stressen. Faraway gönnt sich eine lange Instrumental-Einleitung in Form einer minimalistischen Gitarrenlinie – bevor die letztlich in den aus dem LoFi, Indie Surf und Noise Pop gespeisten MO gekippte Nummer abrupt wie ein gekapptes Teilstück eines größeren Ganzen abgebrochen wird.
Was frustrieren kann. Womöglich aber auch als schönes Sinnbild dahingehend gedeutet werden kann, welch ambivalentes Verhältnis Helen weiterhin zum eigenen Tempo, dem Momentum ud der Konsequenz haben.

Im konkreteren Starline oder mehr noch dem mit viel schmissigen Schwung wirbelnden Endless Sky zieht das Schlagzeug beispielsweise an sich die Zügel eng, doch unter den Lagen aus Reverb-Vocals und knubbelig schrammelnden Saiten verleiht der Sound allem eine verwaschene Trägheit, was mit transzendentem Drive und luzider Griffigkeit einen diffusen – und sicher auch etwas generisch nach allen konventionellen Regeln der Genre-Kunst spielenden – Reiz erzeugt.
Hinter dieser tranceartigen Dynamik der schemenhaften Konturen drosseln Helen über die dunkel pochende Titelnummer das Tempo, die Gitarre zum Drone ausgerichtet und den (bisweilen nicht apathischen entrückten, aber doch latent lethargischen)  Gesang eindringlicher beschwörend fast flehend ausgelegt, damit das sechsminütige Herzstück Darkblue ätherisch schwelgend vom Stillstand nachdenklich zur Pendelbewegung übergehen kann und beinahe so etwas wie einen doomigen Tauchgang im jangelnden C86 andeutet.

Die Kontemplation prägt dann auch die zweite Hälfte von Linda’s Head nahezu vollends. Nur das so flott rockige, munter und gelöst beschwingte Dead Shark II (mit seinem öffnenden Twist zum kurzen Ausblick auf einen erhebenden Horizont) bricht diesbezüglich aus der Gangart aus. Und ist, wo die Intention, die Dynamik nicht einschlafen zu lassen, schon nachvollziehbar ist, damit deplatziert.
Gerade hier, bei den den Raum bedächtig einnehmenden Stücken, liegt aber nicht nur die eigentliche Stärke von Linda’s Head, sondern auch die Entwicklung von Helen an sich – bis zu einem gewissen Grad gar durch einen Schulterschluss zum Reich von Grouper.

Dead Shark fußt so locker in den ästhetisch homogenen Kontext eingefügt im Acoustic-Folk. Eine Richtung, die Black and Quiet Love ruhig und verletzlich seinem Titel entsprechend als betörendes Kleinod in Singer-Songwriter-Gefilden ausbaut und Harris so klar (nahbar) zeigt, wie wenige ihrer Nummern zuvor.
Stay With Me kehrt mit bedächtigem Ruhepuls ganz dezent wieder zum Bandgefüge zurück, treibt aber unter der Oberfläche eines melancholischen Meeres der Einsamkeit, bevor Canyon in meditativer Reduktion verharrt, der Bass lange der einziger Begleiter der Stimme ist, bis subtil nuanciert orgelnde Keyboard-Texturen und so sparsam wie möglich akzentuierte Schläge auf das Schlagzeug das Geschehen verabschieden. Dabei nimmt sich das ganz zuletzt im Ambient gleitende Zweitwerk alle Zeit der Welt. Ganz so, als wollte es seine Präsenz für den Fall auskosten, dass wir frühestens in den späten 40er Jahren dieses Jahrhunderts wieder von diesem Projekt hören.

Print article

Kommentieren

Bitte Pflichtfelder ausfüllen