Helen – The Original Faces

von am 10. Oktober 2015 in Album

Helen – The Original Faces

Nach schier endloser Wartezeit ist es also tatsächlich erschienen, das so lange angekündigte Debütalbum von Liz Harris Shoegazeband Helen. ‚The Original Faces‚ ist dabei jedoch ein Album geworden, dass einem Traum an der Kippe des Vergessens gleich keinerlei Endgültigkeit erschaffen möchte.

Die gefühltermaßen eine halbe Ewigkeit keine konkreten Formen annehmende, über Jahre ganz lose verdichtete Entstehungsgeschichte hinter ‚The Original Faces‚ ist also eine, die dieser entrückten Platte nur zu passgenau steht. Überhaupt ist der Zusammenschluss aus Jed Bindeman (Eternal Tapestry), Scott Simmons, eventuell einer mysteriösen Helen als Backingsängerin selbst und Grouper-Königin Liz Harris nun genau so ausgefallen, wie man sich das vorab ausgeschickter Verortungen ausmalen konnte. Die wattierten Drums klingen vielleicht etwas konkreter am Rock gewirbelt als erwartet (aus dieser Perspektive ergibt das „originally started with the intention of being a thrash band„-Zitat von Harris zumindest ansatzweise Sinn), doch die fluffig gen LoFi-Noise-Surfpop drängelnden Bässe, die hemmungslos im Reverb verwaschen-gesäuselten Gesangslinien und nebulös zerfahrenen Gitarrenteppiche, die ohne jemals konkret zu werden zwischen Shoegaze, Dreampop, C86 ihre ätherische Ambientstrukturen ausbreiten – sie alle zeichnen ein stimmiges Bild rund um die Erwartungshaltung: Helen transferieren das unwirkliche Ambiente der Grouper-Klangkörper auf konventionellere Traumwelten jenseits von My Bloody Valentine und Jesus and The Mary Chain, erschaffen ein ätherisches Szenario, das in etwa so klingt, als hätten zeitgenössische Vertreter wie Veronica Falls ihren Kopf in stilgerechten 90er-Wolken hängen.

Wenn man so will, liegt genau hier auch das größte Problem der Platte: ‚The Original Faces‚ positioniert sich als zutiefst authentischer Genrevertreter voller ausgebleichter Singsang-Catchyness, dem man den unbekümmert-flanierenden Spaß, den seine Urheber hier haben, bedingunslos anhört. Gleichzeitig ist der Sound von Helen dabei jedoch so ernüchternd austauschbar geraten, dass die Portlander phasenweise wie beliebig agierende Epigonen ohne Alleinstellungsmerkmale in einem unwirklich plätschernden Meer aus beiläufig passierten Melodien und zwanglosen Hooks wirken.
Die herausstechenden Augenblicke von ‚The Original Faces‚ – etwa das gen Neutral Milk Hotel schunkelnde ‚Covered in Shade‚; der unter einem Berg Distortion beerdigte Ohrwum ‚Felt This Way‚; die entschlackte Gitarrenkompaktheit ‚Right Outside‚; der sich nach und nach verselbstständigende Feedbackrocker ‚Dying All the Time‚ – schmälert dies nur bedingt, zumal die Inszenierung zwar kaum die Hand vor den Augen erkennen lässt, aber die betörend losgelöst tänzelnde Songwriting-Klasse sowie das Händchen für atmosphärische Dichte auch nicht verbergen kann.

Die Grenzen zwischen Ziellosigkeit und melancholisch aufmunternder Beinahe-Magie, sie verwischen allerdings auch ohne Ausfall in dem unoriginären Klanggewand und verlieren sich austauschbar im Einerlei. Worin gleichermaßen ein Teil des immens einnehmenden Reizes einer Platte besteht, spätestens wenn über den einlullenden Momentum-Genuss hinaus wenig haften bleibt überwiegt die Ernüchterung über vergebenes Potential, die Helen als überdurchschnittlich solide Schubladenkost unter Wert verkauft. Subjektiv betrachtet bedeutet dies auch: Die Idee des Albums an sich bleibt letztendlich also eher die Erfüllung der so lebendig herangewachsenen Fanboyträume, als es die versammelten 12 durchwegs hübsch schlendernden Songs von ‚The Original Faces‚ tatsächlich geworden sind.

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