Jeff Buckley – You and I

von am 10. März 2016 in Compilation, Sonstiges

Jeff Buckley – You and I

Veröffentlichungen aus dem Nachlass von Jeff Buckley bleiben (wie bei derartigen Archivaufnahmen üblich) eine zwiespältige Angelegenheit. Und doch rechtfertigt ‚You and I‚ sein Erscheinen spätestens dann, wenn das abschließende, eventuell etwas zu exaltiert zelebrierte The Smiths-Cover ‚I Know it’s Over‚ in all seiner intimen Schönheit mit dickem Kloß im Hals entlässt:  „Oh Mother, I can feel the soil falling over my head/See, the sea wants to take me„.

Ein anderer solcher packender Moment ist das fragmentarische ‚Dream Of You And I‚, kein Song im eigentlichen Sinne. Buckley erzählt zu sanftem Fingerpicking von einem Traum: In einem Auditorium auf dem College spielt eine Band einen spacigen Jam, die anwesenden Menschen schmiegen sich gemeinschaftlich in den friedlichen Refrain. Dann wird Buckley klar, dass er sich auf einer Aids-Kundgebung befindet. Er wiederholt immer wieder die Melodie, den Refrain, den er im Traum hörte, will ihn auf Band haben, um den Song später beenden zu können.
Wie man weiß kam es letztendlich nie dazu. Buckley nahm die Nummer nicht für sein Debüt und einziges Studioalbum ‚Grace‚ auf und starb 1997 noch bevor er dessen Nachfolgender vollenden konnte. Was von dem Traum bleibt, ist die ätherische Elegie ‚You and I‚ auf ‚Sketches for My Sweetheart the Drunk‚ und nun eben auch die neuerliche Erinnerung daran, wie tief spirituell Buckleys Songwriting doch verankert war.

Aber eben auch die Feststellung, dass Aufnahmen wie diese nicht für die Öffentlichkeit gedacht gewesen wären. Ein Faktor, der Buckleys Mutter Mary Guibert über die letzten knapp zwei Jahrzehnte freilich noch nie davon abgehalten hat Aufnahmen aus dem Nachlass ihres Sohnes zu veröffentlichen – was gleichermaßen zu sensationellen (die ausführlicheren Aufnahmen von ‚Live at Sin-è‚, ‚Live a l’Olympia‚ oder ‚Mystery White Boy: Live ’95-’96‚) wie verzichtbaren (etwa das mediokre Sammelsurium ‚Grace Around the World‚) Sichtungen führte und eben natürlich auch Veröffentlichungen, über deren Erscheinen Buckley selbst eventuell weniger erfreut gewesen wäre (das nicht unkomplizierte ‚Songs to No One 1991 – 1992‚ oder das unfertige, nichtsdestotrotz famose ‚Sketches for my Sweetheart the Drunk‚ etwa).
Um es kurz zu machen: Auch ‚You and I‚ hätte – würde Buckley noch leben – wohl kaum seinen Weg auf Tonträger finden sollen, denn dafür war es nie konzipiert – es ist jedoch in seiner Qualität meilenweit von geldgeilen, unwürdigen Frechheiten wie ‚Montage of Heck: The Home Recordings‚ entfernt, sondern eher eine solide, weitere Würdigung des Cover-Magiers Buckley.

You and I‘ kann dabei durchaus als der Missing Link zwischen ‚Live at Sin-è‚ und dem unsterblichen Klassiker ‚Grace‚ betrachtet werden. Die meisten der hier versammelten Aufnahmen entstanden an drei Tagen im Februar 1993 in Steve Addabos Shelter Island Sound-Studio, nachdem Buckley bei Columbia Records unterschrieben hatte und sein A&R Mann Steve Berkowitz den damals 26 Jährigen Musiker alleine mit seiner Gitarre ausgestattet erforschen lassen wollte, wohin ihn sein (erst knapp eineinhalb Jahre später mit Andy Wallace aufgenommenes) Debütalbum führen könnte. Buckley spielte zu diesem Zeitpunkt vor allem Coversongs und nur weniger Eigenkompositionen, was sich auch in der Trackliste von ‚You and I‚ widerspiegelt. Neben ‚The Dream of You and I‚ findet sich hier mit der Originalaufnahme von ‚Grace‚ gerade einmal ein Original – natürlich von historischem Wert (zumal man hierbei nachvollziehen kann, wie wichtig Buckley für Bands wie Radiohead oder Muse doch war) und reduzierter inszeniert als die finale Version des gleichnamigen Studioalbums, aber dann eben doch sehr nah an den längst bekannten Liveversionen jener Zeit, nur eben nicht derart emotional mitreißend dargeboten. Man merkt, dass Buckley mit Publikum vor sich oder einer Band im Rücken eine gänzlich andere Energie zu entwickeln vermochte als alleine im Studio. Deswegen wirkt diese erste Tonträgerkomposition nun viel eher wie eine sehr souveräne Trockenübung, eine Standortbestimmung alleine für Buckley und niemanden sonst. Weswegen sich dann auch kein wirklich überwältigender Aha-Effekt einstellen will. Erwartbare Klasse, wenn man so will.

Symptomatisch für die restliche Platte. Einige der gecoverten Songs kennt man bereits von früheren Veröffentlichungen: ‚Just Like A Woman‚ (Bob Dylan), ‚Calling You‚ (Bob Telson’s Song für Jevetta Steele) und Led Zeppelin’s ‚Night Flight‚ sind auf ‚Live at Sin-è‚ zu finden, ‚I Know It’s Over‚ von den Smiths als Medley-Favorit Buckleys auf ‚So Real: Songs from Jeff Buckley‚ als Liveaufnahme von 1995. Die hier veröffentlichten 1992er Studioaufnahmen sind nun freilich allesamt wunderschön geraten, Ausdruck der charakterstarken Fähigkeit Buckleys sich Songs zu eigen zu machen – sie erreichen allerdings nicht die Tiefe und auslaugende Strahlkraft der bereits bekannten Live-Versionen.
Was die Wahrnehmung der restlichen Songs prägt, diese aber im Grunde nicht schwächer macht. ‚Everyday People‚ von Sly and the Family Stone wird in den Händen Buckleys zu einer roh-funkigen Miniatur mit viel Gefühl und positivem Grundvibe. Aus dem jazzigen Pianoschmeichler ‚Don’t Let The Sun Catch You Cryin‚ macht er hingegen einen melancholischen Blues. Eine Umgebung, aus der sich das muntere Traditional ‚Poor Boy Long Way From Home‚ in bester Booker White-Lapsteel-Tradition per se nicht entfernen lässt. Kurz davor ist Buckley stilistisch und kalendarisch noch in ganz anderen Sphären unterwegs, ruft die gesamte Bandbreite seiner musikalischen Sozialisierung ab: ‚The Boy With The Thorn In His Side‚ behält den geschmeidigen Pop der Smiths, die theatralische Geste und unglaublich klugen Texte von Morrissey stehen Buckley trotz einiger melodischer Feinjustierungen mit zusätzlichen Ecken und Kanten einfach famos – wie sich dann eben auch im abschließenden ‚I Know It’s Over‚ nachhören lässt.

Was danach bleibt ist jedoch ein unbefriedigender Eindruck. ‚You and I‚ hat keinen unangenehmen Fluss, kann aber eben auch nie das Gefühl abwerfen es hier eben mit einem (natürlich!) unfertigen Material zu tun zu haben: Nicht restlos essentiell, durchaus mit Mehrwert aber eben auch mit zerfahrenem Stückwerk-Beigeschmack ohne ultimatives Glücksgefühl. Betörende, erstklassige Hintergrundmusik ohne wirklich packende geniale Szenen.
He didn’t have much new material when he was in the studio, so he showed his range of material to me through covers. He really understood them, too. To go from a Sly and the Family Stone song to a Smiths song to ‚Calling You‚ from the film Bagdad Cafe: that’s a lot of different styles, and each one of them was spot-on. He had done his homework.erinnert sich „Produzent“ Steve Addabbo und bringt dabei die Essenz der Aufnahmen auf den Punkt: Es sind eben Demonstrationen von Buckleys Können; nicht das ultimative Ausloten von Fähigkeiten, sondern eine Fingerübung. Weswegen übermannende Gänsehaut-Momente fehlen müssen. Für Komplettisten ist ‚You and I‚ dennoch eine moralisch fragwürdige, musikalisch willkommene Bereicherung für die Sammlung. Und vor allem durch die Smiths-Interpretationen sollten auch viele Neuankömlinge Zugang zum Vermächtnis des zu früh verstorbenen Ausnahmemusikers finden. Was in erster Linie Mary Guibert freuen wird.

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